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getroffen. Das sind Institutionen, die nicht weiter gerühmt zu
werden brauchen; ihr Segen liegt schon in der Thatsache, daß sie
geschaffen wurden. Und dies Register ließe sich ansehnlich vermehre».
Vor Allem waren es die Schiile und die Synagoge, welchen
Herr Jnstizrath Meyer seine besondere Fürsorge entgegengebracht und
gcwidinet hat. Alle Verbesserungen, die er in seiner einflußreichen
Stellung als Stadtverordneter kennen gelernt und mit durchgesetzt
hatte, brachte er sofort auch in deni Schulwesen der jüdischen
Gemeinde zur Ausführung, so daß dieses innerhalb der letzten Jahr¬
zehnte zu wahrhaft erfreulicher Blüthe gelangte.
In der Synagoge war Justizrath Meyer bemüht, einen würdigen
Gottesdienst einzuführen. Predigt und Gesang sollten auf der Höhe
stehen und durch ihren feierlichen Eindruck die Gcmüther der Hörer
fesseln. Sein Verdienst war die Berufung Abraham Geiger's »ach
Berlin — und dieses Verdienst hat geschichtliche Bedeutung, wenn
man sich der Kämpfe erinnert, die dieser Berufung vorangingen und
die selbst bis in den Frieden der Familie hineindrangen. Aber
unbeirrt verfolgte unser Jubilar sein Ziel in der richtigen Erkenntniß,
daß der Mann, der das Führeramt in der religiösen Entwickelung
des deutschen Judenthums übernommen, auch zugleich der religiöse
Führer der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands sein müsse.
So könnten wir die Chronik der Schöpfungen und Leistungen
unseres Gemeindevorstehers noch lange fortsetzen. Aber wir begnügen
uns für heute, die Hanptgesichtspunkte hervorzuheben. Denn allein
schon aus diesen Andeutungen tvird jeder Einsichtige erkennen, wie
schwer die Arbeit war, die der Jubilar übernommen, wie mühsam
der Weg, den er zurückgelegt, welch einen langen und schwierigen
Bildungsprozeß unser Gemeindeleben durchzumachen hatte, um zu der
Höhe zu gelangen, auf welcher es jetzt sich befindet. Wer in so
heißem Ringen um ideale Güter eine Gemeinde zu glücklichem Ziele
führt, der ist wahrlich aller Ehre werth.
Mit froher Kraft, nicht mit wehmüthiger Resignation hat Justiz¬
rath Meyer stets seines Amtes gewaltet. Er hat es jederzeit als
eine Ehre und nicht als eine Bürde betrachtet. Die unverwüstliche
Kraft und Tüchtigkeit seiner Natur, seine gute Art, sein kräftiger
Verstand, die Reinheit und Lauterkeit seines Charakters, die fromme
Pietät seines Herzens haben ihm vor fünfundzwanzig Jahren die
Sympathie der Gemeinde zugewendet und bis auf diese Stunde
dauernd erhalten. Innerhalb der Kämpfe und Fehden, an welchen
es ja in diesem Zeitraum nicht fehlte, hat die Opposition niemals
sich gegen den Vorsitzenden der Gemeinde, gegen seine Person oder
seine Amtsführung gerichtet. Vielleicht ist das der werthvollste
Ruhmestitel in der Geschichte dieser Amtsführung.
Immer hat er geschaffen, was seines Amtes war, und erwartet,
daß auch der Andere seine Schuldigkeit thue. Mild und nachsichtig
gegen den Armen, war er streng und unerbittlich gegen den Schlechten
mtb Trägen. Schonungsvoll berücksichtigte er die Alten und Werk¬
frommen, aber mit aller Entschiedenheit vertrat er den Standpunkt
der neuen Zeit, die Forderungen eines jungen Geschlechts auch auf
religiösem Gebiete. Nur dem Fleiß, der keine Mühe scheut, nur der
zähen, unverdrossenen und unermüdlichen Arbeitskraft kann es ge¬
lingen, neben einem alle Kraft des Manne? erfordernden bürgerlichen
Berufe, neben zahlreichen städtischen und Vereinsämtern eine große
Gemeinde ein Vierteljahrhundert hindurch so sicher und energisch
zu führen.
Und nun dieses Vierteljahrhundert abgeschlossen vor uns liegt,
richten sich viele Hoffnungen und Wünsche in die Zukunft unseres
Gemeindelebens. Wie einst Mose dem Herrn zurief: „Setze, o Gott
der Geister, einen Mann über die Gemeinde, der für sie ausziehe und
für sie einziehe, der sie hinausführe und hereinführe, damit nicht die
Gemeinde des Ewigen sei wie eine Heerde ohne Hirten", so sei auch
dies heute unser Gebet und unsere Hoffnung: Möge es dem vor¬
trefflichen und edlen Manne, der seit fünfundzwanzig Jahren an der
Spitze unseres Vorstandes steht, noch lange beschieden sein, für die
Gemeinde in das bürgerliche Leben auszuziehen, und für sie ein¬
zuziehen in das religiöse Leben, sie hinauszuführen in den Kampf
für die Heiligthümer Israels und sie wiederum hineinzuführen in
die Synagoge, in die Schule, in das Wirken für Humanität und
Wohlthätigkeit, die allein die jüdische Gemeinde zu jeder Zeit erhalten
haben und auch, so Gott will, in alle Zukunft erhalten werden!
Die Woche.
Berlin, 9. Januar.
jeder eine neue Partei! Herr Ahlwardt hat an die
„Wests. Reform" ein vom 21. Dezember datirtes Schreiben
gerichtet, worin er sich über sein Verhältniß zur Einigung
wie folgt äußert:
„.Ich erkläre daher, daß ich mich der Partei in jeder von
ihr beliebten Form bedingungslos zur Verfügung stelle, auf jedem mir
angewiesenen Posten meine Schuldigkeit thun werde, falls sie mein
Programm zum Programm der deutsch-sozialen Reformpartei erhebt.
Ausbrechen lassen sich einzelne Bausteine nicht, aber hinzugebaut kamr
noch viel werden. Thut sie dies nicht, will vielmehr mit kleinlichen
Mitteln in die Speichen des Weltrades greifen, so verfehlt sie ihr Ziel
und wird keine Bedeutung für die Wiedergeburt unseres Volkes ge¬
winnen. In diesem Falle wäre ich gewungen, mit meinen Freunden
eine eigene Partei, die „deutsche Freiheitspartei" oder den „deutschen
Freiheitsbund" zu begründen, wobei ich auf die treuen Westfalen und
Rheinländer in erster Linie rechne. — Krieg mit der Bruderpariei muß
darum doch vermieden, vielmehr muß auch für diesen Fall eine gegen¬
seitige Unterstützung auf ehrlicher Grundlage ernsthaft ins Auge gefaßt
werden.
Bevor sich die „Deutsch-soziale Reformpartei" entscheiden kann,
werden immerhin 3-4 Wochen vergehen. Arbeiten wir inzwischen ernst¬
haft weiter, und der Begründung eines Freiheitsbundes steht schon jetzt
nichts entgegen, da im Falle voller Vereinigung seine Mitglieder der
Gesammtpartei sehr willkommen sein werden. Ich fiebere vor Arbeits¬
lust und Schaffensfreudigkeit, und sobald ich die nothwendigsten Dinge
in der Nähe besorgt haben werde, komme ich nach dort, um gründlich
zu arbeiten. Bereiten Sie Alles vor."
Da die Herren Liebermann voll Sonueuberg und Zimmermaun
seill Bulidschuh-Programm nicht annehmen, so steht die Begründung
der neuen Freiheitspartei durch Ahlwardt unmittelbar bevor.
Wie diese Partei und die deutsch-soziale Bruderpartei „auf ehrlicher
Grundlage sich gegellseitig unterstützen" werdell, bleibt abzuwarten.
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Der niederösterreichische Landtag hielt eine stürmische/
Sitzung mit großen Skandalszenen ab. Anläßlich ves Antrags gegen/
die Erhöhung der Verpflegsgebühr in den Wiener Spitälern sagt/
der Antisemit Gregorig u. A.: „Wir hoffen, daß einmal die Juden
güter von Staatswegeu eingezogen werden. Die Wiener Uinversitä
ist heute ein an einem Nothnagel hängendes Mauscholenm." Dl
Rektor der Wiener Universität, Prof. Müllner, ein katholische
Priester, wies die Angriffe des Vorredners auf die Universität sowj
die antisemitischen Auslassungen sehr scharf zurück. Die Antisemiten b< :
gleiteten die Rede mit höhnischen Zurufen. Lueger erwiederte, der Rekto:
schließe die Augen vor den Zuständen an der Wiener Universität!
au der medizinischen Fakultät seien über die Hälfte der Studentei»
Juden, und es herrsche ein Cliquenwesen, daß Christen gar nichff