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59. Jahrgang. $r. 11.
Berlin, 15. März 1895
Allgemeine
eitung des Zudenthums.
Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
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3ll Leitartikel: Drei Fragen. - Die Woche. - Die Wirthsvolker.
Von Dr. I. Rülf. — Frühlingsweben in Israel. Von Dr. Mann. — Ein jü¬
discher Religionsphilosoph unseres Jahrhunderts. Von Pros. Tr. H. Steinthal.
— Ueber A. Bernstein. IV. lForts.) Von Karl Emil Franzos. - Feuille¬
ton: Der erste Mann in der Gemeinde. Von Mvrih Scherbel. (Forts.) —
Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal.
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Pork. — Bon Nay und Fern. Miscellen.
Urei Fragen.
Berlin, 12. Bkärz.
zittern die Erregungen der letzten Jndendebatten im
»\L, Reichstage in den Gemüthern nach — unb schon beginnt
sich wieder eine nene Aktion vorzubereiten. Wir möchten
bei Zeiten darauf aufmerksam machen; vielleicht gelillgt es, die Gegner
vor einer unheimlichen Blamage zu bewahren.
Der bekannte konservativ - alltisemitische Abgeordnete Freiherr
v. Langen hat joeben unter dem Titel „Das jüdische Geheimgesetz unb die
deutschen Lalldesvertretungen" ein Handbüchlein für Politiker heraus¬
gegeben, in deni er alles Material, das zur Beurtheilung der Frage
von „jüdischen Geheimgesetzen" dienen könnte, gesannnelt hat. Zur
Charakteristik dieser Schrift genügt es, auf den Satz hinzuweisen.
„Etwas durchaus Neues will der Verfasser nicht bieten; er fußt
auf den zwar geschmähten, aber niemals widerlegten Forschungen
Eisenmenger's, Ecker's, Gildemeister'S, Rohling's u. A."
Vielleicht gehört auch hierzu lioch folgende Blüthenlese aus dem
Handbüchlein:
S. 5. „Mit geradezu beängstigender Geschwindigkeit gehen alle
gut dotirten Staatsälnter in die Hände der Juden und deren
Kreaturen über."
S. 6. „Ja, die Juden sind so mächtig geworden, daß sie einige
Länder anerkannt beherrschen."
S. 9. „Dieses stolze Preußen ist dem Hebräerthum in die Hände
gerathen."
S. 10. „Ein Jude, der die Wissenschaft der Geheimgesetze verräth,
ist des Todes schuldig."
Diese Probell genügen wohl, um den Geist des Buches zu
kenllzeichnen.
Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so ist dieses allerliebste Hand-
büchlein, das übrigens von zuställdiger Seite sicher eine sachgemäße
Beantwortung finden wird, dazu ausersehen, die llächste Aktion gegen
Juden und Judenthum eirlzuleiten.
Die „Deutsche Tageszeituug", das Organ des Bundes der
Landwirthe, bringt in Nr. 112 eine Besprechung des Buches, in
welcher „der tiefe Ernst, der es durchweht, die trotz aller berechtigten
Schürfe maßvolle Besollnenheit, die quellenmäßige Begründullg ihrer
Behanptullg und der logische Aufbau der gestimmten Untersllchuug"
gerühmt werdell. Im Alischlusse richtet das Orgali des Blmdes der
Laudwirthe die folgenden drei Fragen all die Juden, da es im
eigensten Interesse des Jlldelithunls läge, daß elldtich einmal Klar¬
heit über dieselben geschaffen werde. Diese drei Fragell lauten:
1. Was enthält der Talmud, insbesondere jene Theile des Talmuds,
die sich heute noch, auch außerhalb der Rabbinerkreise, großen Ansehens
erfreuen? Was aus dem Schulchan-Aruch und andern Büchern
bekannt geworden ist, ist thatsächlich zum großen Theile höchst be¬
denklich, ja gemeingefährlich. Sind diese Stellen aus dem Zusammen-
hange gerissen, — nun gut, so beweise man es durch eine einwand¬
freie Gesammt-Uebersetzung! 2. Inwieweit ist der Tallnud bindend
für das Judenthum oder wenigstens für gewisse Synagogen (Brodyer,
Jassyer u. s. w.)? Ist der Talmud nicht bindend, kann das Judenthum
Nachweisen, daß es den Talmud für nicht bindend erachtet, — nun gut,
so braucht es sich doch vor einer Uebersetzung nicht zu fürchten. 3. Werden
einzelne Talmud-Theile in den jüdischen Schüler! oder in den privaten
israelitischen Religionsstunden als Lehr- und Lesebücher benützt?
Obwohl wir lischt recht daran glauben, daß man ernsthaft eine
Antwort von uns darauf haben will, wollen wir es doch llicht
uliterlassen, dieselbe klar und bündig zu geben.
Ueber den Jlihalt des Talmud kann man sich genau ans
den dieses Thema behandelnden Schriften der christlichen Professoreli
Strack ulld Wünsche oder der jüdischen Gelehrten Deutsch, Jeliinek,
Horovitz, Eschelbacher u. A. unterrichten.
Da giebt es nichts zu verbergen unb zu vertuscheln; ein Geheim-
gesetz giebt es im Judenthum nicht, und es hat auch ein solches nie
gegebell.
(Sine einwandfreie Gesammtübersetzung des Talmud wäre auch
unser sehnlichster Wunsch, aber wir möchten wohl wissen, wie es
möglich wäre, eine solche Uebersetzullg zu veranstalten. Ginge sie
von ben jüdischen Gelehrten ans, so würde sie ja wahrscheinlich ben
Gegnern nicht einwandsfrei erscheinen; sollte sie voll christlichen Ge¬
lehrtell unternomnien werden — mm denn, w i r Hütten nichts
dagegen einzulvenden. Aber nian nenne uns auch dann drei Gelehrte
in ganz Deutschland (außer deu obengenannten), die auch nur
ein Blatt im Talmud zu lesen, geschweige denn zu übersetzen
verstehen.
Im Uebrigen wollen wir den Herreli ein Geheimniß verrathen.
Eill großer, ja vielleicht der größte Theil des Talmud, und der
ganze Schukhan-Aruch ist bereits übersetzt unb also Jedermann
zugänglich. Wir sind gern bereit, auf Wunsch die lateinisch oder
deutsch übersetzten Traktate, sowie die Namen der meist christlichen
Uebersetzer in bibliographischer Vollständigkeit zu nennen. Der er¬
zählende oder haggadische Theil beider Talmude ist bereits vollständig