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Die Konservativen und Antisemiten haben eilten Erfolg gehabt,
den wir ihnen gönnen, daß Ahlwardt ihre Sache führte, Ahlwardt,
der sich so despektirlich über die Fürsten, Junker und Pfaffen äußerte,
und sie haben eine Niederlage erlitten, indem ihr Antrag von einer
großen Majorität abgelehnt tvnrde.
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Das Centrnm hat int Abgeordneteithanse den folgenden
auch für unsere Verhältnisse keineswegs bedentnttgslosett Antrag ans
Wiederherstellung der Artikel 15, 16 und 18 der preußischen Ver-
fasstmg als Gesetzentwurf eingebracht:
„Die durch die Gesetze vom 5. April 1873 und 18. Juni 1875
abgeänderten, bezw. aufgehobenen Artikel 15, 16 und 18 der Ver¬
fassungsurkunde für den preußischen Staat vom 31. Januar 1850
(Gesetzsammlung S. 17) werden in der ursprünglichen Fassung:
Art. 15. Die evangelische und die römisch-katholische Kirche sowie
jede andere Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet
ihre Angelegenheiten selbstständig und bleibt im Besitz und
Genuß der für ihre Kultus-, Unterrichts- und Wohlthätigkeitszwecke
bestimmten Anstalten, Stiftungen und Fonds.
Art. 16. Der Verkehr der Religionsgesellschaften mit ihren Oberen
ist ungehindert. Die Bekanntmachung kirchlicher Anordnungen ist nur
denjenigen Beschränkungen unterworfen, welchen alle übrigen Ver¬
öffentlichungen unterliegen.
Art. 18. Das Ernennungs-, Vorschlags-, Wahl- und Be¬
stätigungsrecht bei Besetzung kirchlicher Stellen ist, soweit es dem
Staate zusteht, und nicht aus dem Patronate oder besonderen Rechts-
titeln beruht, aufgehoben,
wieder hergestellt."
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In der Kommission für die Umsturzvorlage wurde am
1. d. Dt. der Antrag, das Wort „Christenthum" im Anträge Roon
zu streichen, mit 8 gegen 8 Stimmen angenommen; dautit war
auch der Antrag Barth, und; „Christenthum" die Worte „oder das
Jlldenthnnt" einzufügen, erledigt.
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Unser ceterum censeo ist also, daß wir die Beugung des gemeinen
Rechts zu Ungunsten einer bestimmten Bevölkerungsklasse nicht wollen.
Wird man aber trotzdem die Bahn der Ausnahmegesetzgebung beschreiten,
so kann man auf diesem Wege nichts erreichen. Wer nicht hören will,
muß fühlen; das stete und unausbleibliche Fiasko all' solcher Maßregeln
muß die Schwärmer für Zwangspolitik schließlich doch zur Besinnung
bringen. Sind viele Juden wirklich betrügerisch, so werden sie durch
Verkürzung ihrer Rechte nicht ehrlicher werden, und ähnliche Wahrheiten
lassen sich auf allen Gebieten der Ausnahmegesehgebung anwenden.
Aber man sorge für ordentliche wirthschaftliche Gesetze, welche die Be¬
kämpfung unehrlichen Treibens, wo immer es sich zeigt, ermöglicht."
Von tutferem Standpunkte lassen sich ja an diesen Sätzen manche
Ausstellungen machen, aber das Bekenntnis;, daß eine Ausnahme-
gesetzgebnng zu einem unansbleiblicheit Fiasko führen muß, ist unter
allen Umständen werthvoll und wichtig.
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liebet den Inhalt des Briefes des Papstes an den
Antisemitensührer Prinzen Liechtenstein meldet die N. F. P.
Folgettdes:
Der heilige Vater kann die Gefühle des Vereins nach dem ihnt
vorgelegten Programm nicht tadeln, er müsse sie vielmehr billigen und
loben; er sehe jedoch mit tiefem Schmerze, daß diese Gefühle in der
Folge vernachlässigt seien, und der Verein seiner religiösen christlichen
Thätigkeit entsagt und Leidenschaften entwickelt habe, welche die
Kirche unmöglich dulden könnte. Der heilige Vater verlangte die
Gewähr, daß der Verein zu seinen ursprünglichen Zielen zurückkehre,
seine Thätigkeit auf Werke christlicher Liebe, also einzig und allein
auf die Pflege und den Schutz der Armen und Bedrückten beschränke
und den Menschen das Beispiel der Selbstbeherrschung und
Mäßigung gebe, deren sie zumeist bedürfen. Würde dem heiligen
Vater die Gewähr gegeben, dann würde er nicht anstehen, einem solchen
gottgefälligen Werke seinen Segen zu ertheilen.
Das ist eine Verurtheilung der antisemitischen Tendenzen, die
an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt.
Wie alle anderen Blätter, so beschäftigt sich auch die „Köln.
Volksztg." mit beut antisemitischen Feldzug und legt die
Stellung des Centrums in dieser Fragein sehr bestiutmter
Weise dar. Aus den beachtenswertheu Ausführungen beben wir die
Hauptsätze heraus:
„Aus einer früher« Zeit ist uns eine böse Saat geblieben, die
noch jetzt üppig in die Halme schießt. Es ist die Sucht, die öffentliche
Meinung bald gegen den einen, bald gegen den andern Volkstheil auf¬
zuwiegeln. Nun läßt sich gegen geistige Kämpfe nichts sagen: bei uns
ist aber das Uebele, daß jede Hetze gegen bestimmte Klassen der Be¬
völkerung von dem Verlangen begleitet wird, Gesetze gegen die Betreffenden
zu machen, um sie zu maßregeln und in ihren bürgerlichen Rechten zu
kränken. ... Der geistige Kampf gegen das Judenthum ist ebenso zu¬
lässig wie gegen irgend eine andere Bevölkerungsschicht, aber man soll den
Juden nicht ihre staatsbürgerlichen Rechte entziehen oder sie gar aus
dem Lande vertreiben. Wir Deutschen müssen überhaupt mehr dem
Gedanken entsagen, daß gegen Alle, welche Tendenzen verfolgen, die wir
mißbilligen, die Polizei zu hetzen sei. . . . Man gewöhne sich doch
endlich ein bischen mehr an den Standpunkt, daß auch „jenseits der
Berge noch Leute wohnen," daß man nicht allein in der Welt ist und
nicht gleich Andersdenkende todtschlagen oder wenigstens zu knebeln
braucht. Es ist ganz zweifelos, daß viele Juden manchem Geschmack
in der mäßigsten Weise entsprechen, aber deshalb braucht man doch nicht
alle Tage einen Juden zum Frühstück zu verspeisen. Und wenn unsere
Hurrah-Patrioten gegen alle ihnen unsympathischen Richtungen und
Personen hundert Ausnahmegesetze erlassen, so werden sie doch nicht
erreichen, die deutsche Nation nach ihrem Sinne zu modeln und unter
einen Hut zu bringen.
Nie Mirthsvölker.
Ein Gespräch von Dr. I. R ü l f in Memel.
^ anz in meiner Nähe wohnte der Superintendent und Schnl-
inspektor H., ein aufgeklärter Mann, der sich mit Borliebe
als einen Schüler des berühmten Hegelianers Professor
Karl Rosenkranz in Königsberg bezeichnete. Ich hatte ihn öfter
zu besuchen Veranlassung, besonders in Angelegenheit meiner Armen¬
schule; abgesehen davon, daß wir seit einer Reihe von Jahren mit
einander bekannt und befreundet waren. Nun hatte ich gehört, daß
er nicht ganz wohl sei und kai», um mich nach seinem Befinden zu
erkundigen.
„Es ist gut, daß Sie kommen/' rief er mir entgegen, „obschon
an das Alleinsein gewöhnt," — seine Frau war längst todl, und
der einzige Sohn an einer fernen deutschen Universität als Bibliothekar
angestellt — „wird mir die Einsamkeit doch bisweilen langweilig,
besonders wenn ich der gewohnten Beschäftigung nicht nachgehen
kann. Aber sagen Sie mir gleich, was Sie mir Gutes bringen?"
„Ich, bringen? Daß ich nicht wüßte! Ich wollte mich nur
nach Jhrenr Befinden erkundigen."
„Nun, allzu schlimm ist's gerade nicht; ich hoffe, schon in
einigen Tagen wieder flott zu sein. Aber berichten Sie mir nun
auch, wie es Ihnen geht?"
„Das ist bald gesagt, Herr Superintendent, — wie man's
treibt, so geht's."