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„Und was treiben Sie denn jetzt? Arbeiten Sie schon am
vierten Bande Ihrer Metaphysik? Wissen Sie," fuhr er fort,
ohne meine Antwort abznwarten, „ich sollte meinen, es wäre schlie߬
lich doch besser gethnn, wen» Sie, anstatt diesen metaphysischen
Grübeleien nachzuhänge», sich eifriger mit der Wissenschaft des
Judenthums beschäftigen wollten. Das ist ein ganz unerschöpfliches
Feld. Auch verlangt heute Ihr hartbefehdetes Volk von einem jeden
gebildeten Juden, daß er sich der Vertheidigung desselben mit aller
Kraft widme. Sehen Sie, das wäre nach meiner Meinung das
rechte Feld für Ihre Thätigkeit."
„Sie mögen nicht ganz Unrecht haben," erwiederte ich, „allein
Sie wissen doch, wir gehen Alle, ivohin uns der Geist treibt. Die
Wissenschaft des Judenthnms hat, sollte ich meinen, Bearbeiter und
Vertreter genug, nicht allein unter den Inden, sondern auch unter
de» Christen. Männer, die weit besser als ich hierzu geeigenschaftet
sind. Und wenn es die Vertheidigung meines Volkes und Glaubens
galt, da habe ich mich wahrlich nie feige verkrochen, besonders wenn
es galt, gegen das schwere Unrecht anzukämpfen, welches den Juden
angethan wirb, indem man fite das Vergehen des Einzelnen stets
die Gesammtheit verantwortlich machen will. Die Juden und die
Mäuse, pflegte mein Vater, seligen Angedenkens, zu sagen. Da
kommt ein Brod auf den Tisch, das von irgend einem Mäuschen
angefressen ist. Gleich zanken Alle: die Mäuse, die Mäuse!"
„Wundert Sie das?" entgegnet« der Geistliche, „mich nicht!
Recht ist es ganz getviß nicht, daß man für das Vergehen oder
Verbrechen des Einzelnen alle Juden haftbar machen will; allein
berechtigt ist solches in jedem Falle."
„Ans Ihrem Munde, lieber Nachbar, überrascht mich dieser
Ausspruch im höchsten Grade. Also recht nicht, aber berechtigt, —
wie soll ich das verstehen?"
„O, nichts einfacher als das. Gesetzten Falles, Sie Hütten an
einem fremden Orte, in einem fremde» Hause mit Ihrer gesammten
Familie gastfreie Aufnahme gefunden. Nehmen wir an, einer von
Ihren fünf Söhnen hätte sich eines schweren Unrechts zu schulden
kommen lassen. Würden Sie es dem Hauswirth verdenken können,
wenn er für dieses Unrecht die ganze Familie verantwortlich machen
wollte. Würden Sie und alle die Ihrigen sich selbst nicht auch
schwer bedrückt fühlen? Ganz in derselben Lage befinden sich Ihre
Glaubens- und Volksgenossen den europäischen WirthsVölkern
gegenüber. Ich weiß es wohl, es ist ein schweres Unrecht, Unmög¬
liches und Unmenschliches zu verlangen, daß unter sechs bis sieben
Millionen Menschen sich kein einziges, nichtsnutziges und verdorbenes
Subjekt befinden solle; allein Gast bleibt Gast, — der Wirth ver¬
langt absolutes Wohlverhalten aller seiner Gäste."
„Also auch Sie haben sich diese Theorie von den „Wirthsvölkern"
augeeignet. Ich muß Ihnen gestehen, wenn mich diese Vorhaltung
unvorbereitet getrosten hätte, so würde ich vielleicht verstummt und
verstimmt, kein Wort der Entgegnung in Bereitschaft haben. Allein
diese Theorie ist nicht mehr neu. Schon vor etwa 15 Jahren hat
ein Pseudophilosoph, Lazar Hellenbach, i» einer Schrift gegen
die Juden die „Wirthsvölker" in den Kampf eingeführt, und einer
der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, E. v. Hartmann,
hat in seinem Bliche: „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft",
diese Theorie übernommen und ein ganzes System darauf aufgebaut.
Eine gefährliche Theorie, das muß ich gestehen, — wenn ich einen
Gast habe und seine Nase gefällt mir nicht, nun, so sage ich doch,
mach' daß du fortkommst, hier hast du nichts zu suchen. Es kommt
nur darauf an, ob diese Theorie richtig ist."
„Richtig ist sie jedenfalls," erwiederte der Geistliche; „allein man
sollte darüber hinwegsehen. Ihr Volk hat eine große Mission,
vielleicht die größte unter allen Völkern der Welt, vollbracht. Aus
dem Schooße des Judenthums ist das Christenthum hervorgegangen;
das »vollen und sollen wir nie vergeffen. Und tver weiß, ob die
Mission Ihres Volkes damit schon beendet tvar. Wir sind zwar
gute Christen, ob aber auch gute Menschen? — das habe ich stets
bezweifeln müssen. Da haben wir nun noch sehr Vieles zu lernen;
das aber können wir am besten, wenn nicht von Ihrem, so doch an
Ihrem Volk. An unfern Gästen können wir lernen: Verträglichkeit,
Milde der Gesinnung, Achtung aller menschlichen Kreatur, nachsichts¬
volle Duldsamkeit, Sünftigung und Sittigung aller noch ungebän-
digten Triebe und Begierden, und hierzu war kein Volk besser
geeignet, wie das Ihrige — nicht nur seiner Tugenden, sondern »och
mehr seiner Untugenden wegen. Wer weiß, ob es nicht im Heils¬
plane der Vorsehung gelegen, daß die übrigen Völker Ihr Volk als
Gast aufnehmen mußten. Allein ich kann mir nicht helfen — Sie
kommen aus einem fernen und fremden Laude hierher gewandert,
sind Gäste dieses Landes und haben sich hiernach zu betragen, und
wir werden das Gastrecht zu respektiren haben, selbst wenn sie uns
diese Aufgabe auch nicht gerade leicht machen sollten."
„Sie reden da immer von meinem Volke. Sind >vir denn noch
ein Volk oder nur eine Religionsgenoffenschaft?"
„Eine Religionsgenossenschaft? möglich; als solche sind sie mir
nicht gerade gleichgiltig, aber völlig bedetitungslos. Alle Bedeutung,
die der Jttde, der einzelne und die Gesammtheit, »och für uns hat,
bezieht sich auf „das Volk der Juden". Und ich sollte meinen, der
Jude habe gar keine Veranlassung, sein Volk und seine Zugehörigkeit
zu diesem Volke zu verleugnen. Wer hat eine solche Vergangenheit
| gehabt, wer so viel große und tapfere Männer hervorgebracht, wem
ist eine so gewaltige und unvergleichliche Weltmission zu Theil ge-
lvorden, wer hat seinen Volksstamm so rein erhalten, wie eben dieses
Volk der Juden? Was wäre denn Ihr Glaube ohne Ihre Volks-
genosseuschaft? Rein gar nichts! Haben Sie denn überhaupt noch
ein weiteres Bekenutniß, als: Ich bin ein Jude!? Und welch eine
Summe von höchster Erkenntniß und Glaubenstreue, Märtyrermuth
und Kraft der Welterlösung steckt in dem einen Bekenntuißtvort: Ich
bin ein Jude! Der Jude, welcher sein Volk, seine Nation, seine
Abstammung verleugnen oder als abgethan tmd aufgegaugen i»
anderen Nationalitäten und Volksgenossenschaften betrachten könnte,
der ist in meinen Augen ein ganz erbärmlicher Mensch. Ich glaube
nicht, daß ich Sie, lieber Doktor, zu dieser Sorte von Menschen
rechnen darf."
„Wie ich mich zu dieser Auffassung stelle und verhalte, thut
nichts zur Sache, Herr Superintendent, nur Eines hätte ich gewollt
und gewünscht, daß Sie die gesummte Judenheit Hütten sprechen
hören. Allein halten wir diesen Standpunkt fest — mein Volk
wäre bei dem Ihrigen, wie auch bei anderen Völkern zu Gaste. Wie
wäre es nun, wenn wir einmal den Spieß umkehren und behaupten
wollten, Ihr Volk, sowie auch die anderen Völker wären bei dem
unsrigen zu Gaste. Die geringe Verhältnißzahl der Unsrigen thut
nichts zur Sache. Der Wirth ist immer nur ein Einzelner, der
Gäste, die bei ihm ein- und ausgehen, sind es aber sehr viele. So
kann auch das kleine Volk sehr gut als der Wirth des großen Volkes
betrachtet werden."
„Das kann doch wohl Ihr Ernst nicht sein, behaupten zu wollen,
daß die Juden im Stande des Wirthsvolkes der großen deutschen
Nation gegenüber sich befinden könnten."
„Es ist auch mein Ernst nicht; ebensowenig aber kann ich es
als Ernst betrachten, wenn man die anderen Nationen in Bezug
auf die Juden als die Wirthsvölker hinstellen will. Die Größe
macht's doch nicht aus. Eine Hand voll Engländer gebehrden sich