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die stets wiederkehrende Forderung des Gesetzes. Aber auch sonst
sorgt es für die Armen und Nothleidenden: durch das Verbot der
Nachlese, durch das Gesetz des sogenannten Armenzehnten, durch das
Gebot, daß in jedem siebenten Jahr der ganze Ertrag des Land¬
baues Gemeingut sein solle, und durch die Vorschrift, daß der
Hungernde zu jeder Zeit sich so diel nehmen dürfe, als zur Stillung
seines Hungers erforderlich sei, durch die Bestimmungen über den
Lohn des Tagelöhners, über das Zinsennehmen, über Darlehen,
über das Erlaßjahr, über das Kriegswesen, die Prügelstrafe und
Todesstrafe. Ganz besonders interessant ist, was der Verfasser über
die Stellung der Thora zur Sklaverei sagt, die „laut und deutlich
für die Humanität als das den Gesetzgeber beherrschende Prinzip
spricht." Und nicht nur auf die Menschen erstreckt sich die Huma¬
nität der Thora. „Sie nimmt sich auch des Thieres an und stellt
es unter rechtlichen Schutz, wofür ich in älteren außer israelitischen
Gesetzgebungen kein Analogon weiß." Nicht ohne tiesste Bewegung
des Herzens erklärt Cornill, die Stelle der Thora lesen zu können:
„Den Aegypter sollst du nicht verabscheuen, denn du bist Gast ge¬
wesen in seinem Lande. Seine Kinder mögen in der dritten
Generation eintreten in die Gemeinde des Herrn." Der Verfasser
bemerkt hierzu:
„Also selbst für eine Gastfreundschaft, wie die in Aegypten genossene,
welche darin bestand, daß die Aegypter sie peinigten bis aufs Blut,
selbst für diese soll der Israelit noch dankbar sein und sich jenem Volke
verpflichtet fühlen! Wenn das nicht zum Mindesten der Feindesliebe
sehr nahe kommt, so müßte ich wahrhaftig kein Deutsch verstehen."
Die Prüfung der übrigen heiligen Schriften ist natürlich eine
kürzere. Aus den geschichtlichen Büchern führt Cornill nur die eine
charakteristische Stelle an, in der die Rede davon ist, wie der König
Ahab den gefangenen Syrerkönig Benhadad behandelte; aus der
prophetischen Litteratur zitirt er nur einige markante Verse aus Jesaja,
Micha und Zacharja ; ans den Schriften einige Verse der Psalmen, der
Sprüche und Hiobs. Für das Höchste in dieser Beziehung erkärt
er ein unscheinbares Wort in den Sprüchen:
„Hier in den Sprüchen erscheint der Bedürftige als der Baal der
Wohlthat — d. h.^also nichts Anderes als: der Arme hat von Gott
und Rechtswegen Anspruch auf die Wohlthat, er ist nach dem Natur¬
recht ihr Eigenthümer. Wahrlich, eine unergründliche Tiefe der Humanität,
ein unerschöpflicher Reichthum von Menschenliebe spricht sich in diesem
einen schlichten und scheinbar harmlosen Worte aus. Ja noch mehr.
Nirgends wird in der Bibel der Herr des Sklaven als Baal bezeichnet,
er heißt immer nur Adon. Und somit erklärt die hebräische Sprache,
als unwillkürliche Aeußerung des israelitischen Geistes, die Sklaverei nicht
für ein im Naturgesetz begründetes Verhältniß, welches sich von selbst
versteht, sondern lediglich für einen empirischen Zustand, etwas Gewordenes,
das auch ebenso gut wieder vergehen kann."
Als das „hohe Lied der Humanität" bezeichnet Cornill das
31. Kapitel des Buches Hiob. Und er schließt seinen Rundgang
durch die heiligen Schriften Israels mit dem folgenden denkwürdigen
Bekenntniß:
Wenn es die letzte und höchste^Aufgabe der Religion ist, uns zu
besseren Menschen zu machen^ und in^ unseren Herzen die Liebe gegen
Gott und Menschen zu entzünden, und wenn der Gradmesser des Werthes
einer Religion darin liegt, in wie weit es ihr gelingt, diese höchste Auf¬
gabe zu lösen, so braucht die Religion Israels diese Prüfung wahrlich
nicht zu scheuen. Zu^einer Zeit, wo noch,die tiefste Nacht der Lieblosigkeit
und Inhumanität die ganze übrige Menschheit bedeckte, da schon athmet
die Religion Israels einen Geist wahrer Humanität der, auch den Fremden,
wenn er nur sehen will, mit Ehrfurcht u nd Bewund erung erfüllen muß.
So lange mir nicht Jemand bei. irgend einem an^eren 'Volke des Alter¬
thums ähnliche Aussprüche und in ähnlicher Zahl nachgewiesen hat, wie
wir soeben aus der heiligen Litteratur Israels kennen lernten, so lange
werde ich mir die Behauptung nicht abstreiten lassen, daß Israel der
Welt die wahre Humanität gegeben hat, wie es der Welt auch der.
wahren Gott gegeben hat. Jeder unbefangene Fremde muß einstimmer
in das Wort, welches auch ein Nichtisraelit, Bileam, der Sohn Beors
der Mann mit dem enthüllten Auge, über Israel ausgesprochen hat:
„Vom Felsengipfel seh' ich ihn.
Von Bergeshöh' erblick ich ihn:
Das ist ein Volk für sich allein.
Und nicht wie andere zu achten."
So weit Professor Cornill. Es wäre thöricht, diesen Wörter
noch etwas hinzuzufügen als höchstens etwa den einen Gedanken
der uns beim Lesen dieser Schrift erfüllte: Das ist ckein Vortrag
das ist eine Weiherede, die nicht nur in allen Synagogen Israels
sondern in allen Gotteshäusern der Kulturmenschheit gehalten werde!
müßte.
Nie Woche.
Berlin, 17. April
ir haben bereits vor längerer Zeit die Eingabe mitgetheilt
welche dieHandelskainmern zu Königsberg, Danzi,
u. A. und sonstige kaufmännische Vertretungen der östlicher
Provinze» an die betheiligten Ministerien gerichtet, bei Zulassung de-
aus Rußland und dem österreichischen Galizien zuziehenden Juden
von dem bisher geübten Verfahren abzugehen und diejenigen, welch
als Händler, Kommissionäre, Korrespondenten n. s. w. im Jnteresi
des Handels unentbehrlich seien, allgemein und ungehindert zu
zulassen. Aus Anlaß dieser Eingaben sind die Gründe, die für da
bisherige Verhalten der preußischen Behörden gegenüber den nu-
Rnßland und dem österreichischen Galizien zuziehenden Juden bc
stimmend gewesen sind, eingehend geprüft worden. Es ist dabes
sagt die halbamtliche „Berliner Korrespondenz", keine Veranlaffun,
gefunden worden, von dem bisherigen Verfahren, »vonach ein
Prüfung von Fall zu Fall stattfindet, abzuweichen. Die Interesses
von Handel und Gewerbe werden nach wie vor bei der Zulaffu» s
ausländischer Juden nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Zur Ve>
nieidnng etwaiger Unbequemlichkeiten wird es sich empfehlen, da
Bestreben darauf zu richten, diejenigen ausländischen Elemente, di
in den Eingaben als zur Zeit für den Handel unentbehrlich be
zeichnet werden, durch Inländer zu ersetzen.
*
Wie antisemitische Blätter mit tiefer Betrübniß melden, hat dc
Oberstaatsanwalt Drescher gegen das Urtheil der 3. Stras
kainmer des Berliner Landgerichts!, in Sachen v. Mosch Revisiw
eingelegt. Es handelt sich um den bekannten Prozeß, in dem Her
v. Mosch wegen des Artikels: „Der Tod Kaiser Alexanders vor
Rußland ein talmudisches Verbrechen", angeklagt war und mit dc
Motivirung freigesprochen wurde, daß, obwohl alle Requisiten dc
Gotteslästerung »»zweifelhaft vorlägen, doch ein beschimpfender An-
druck nicht vorhanden sei, und daß der Angeklagte nicht die Religio
der Juden, sondern nur die Raste treffen wollte. Ein interessante
Beleg zu den Ausführungen, die Herr Rechtsanwalt Dr. Enges
Fuchs in der heutigen Nummer über das Thema: „Antisemitismu
vor Gericht" macht.
*
Verschiedene Blätter berichten fortgesetzt von Erleichterungen,
welche in der Lage der russischen Juden bevorstehcn, während
in Wirklichkeit alle Maßregeln, welche erlassen werden, nur Bes
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