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herzuleiten, dem Protektor die Prärogative einer ungeheuerlichen Län>o-^
konzession zu gewähren, welche, so sehr auch unsere Zustände sich der'
Türkei schon annähern, vielleicht in letzterem Lande aber hoffentlich nicht
hier gesetzesfähig sind." ’
* Netimrk, 8. Dezember. Ueber praktische Wohlthätigkeit der
Newarker Glaubensgenossen berichtet die „Deborah": JnH. R. Jacobs'
Theater an Washingtonstraße fand am 22. November eine gut besuchte
Versammlung hiesiger Israeliten statt, in der darüber berathen wurde,
auf welche Weise dem „Israelitischen Waisenhaus-Unterstützungs¬
verein", welcher für seine Glaubensgenossen schon viel Gutes gethan,
am besten geholfen werden könne. Herr B. Strauß eröffnete die Ver¬
sammlung, worauf Herr Reuben Trier zum Vorsitzenden erwählt wurde.
Nachdem eine Anzahl Vice-Präfidenten und Sekretäre, sowie Herr
S. Scheuner zum Schatzmeister erwählt worden waren, wurde Coroner
Ferdinand Levy von Newyork als Redner vorgestellt, welcher anführte,
daß sich ein jeder Menschenfreund die Unterstützung der israelitischen
Einwanderer zur Pflicht machen müsse. Das „Hebrew American
Institute" in Newyvrk habe dies eingesehen und beabsichtige, Zweig-
Bereine im ganzen Lande zu organisiren. Gelinge das, so werde auch
den verfolgten Glaubensgenossen noch thatkräftigere Unterstützung zu
Theil werden. Die russischen Fttichtlinge, welche die Wohlthätigkeit stark
in Anspruch nehmen, würden ohne Zweifel mit der Zeit gute amerika¬
nische Bürger werden, und in dieser Beziehung müsse man ihnen ent¬
gegen kommen. Das einzige ihnen zur Last gelegte Verbrechen sei ihre
Religion. Herr Simon Wolf, der frühere Bundesrath-Konsul in Aegypten,
machte in längerer Rede darauf aufmerksam, daß man die Hilfs-
bediirftigen unterstützen müsse, um sich selbst zu schützen. Viele der An¬
wesenden seien gerade ebenso übel daran gewesen, wie jetzt die russischen
Flüchtlinge und seien mit dem Bündel auf dem Rücken im Lande umher¬
gewandert. Deshalb dürfe man nicht sagen: „Geht mir weg mit dem
Polacken oder dein Russen," sondern man müsse sich stets daran erinnern,
daß Derjenige, der heute reich ist, in einigen Jahren ärmer als der
ärmste russische Jude werden könne. Man müsse dahin wirken, daß
die Einwanderer amerikanische Bürger werden und sich nicht sozialisti¬
schen oder nihilistischen Organisationen anschließen. Redner forderte
sodann zu reger Betheiligung bei der später erfolgten Geldsammlung
auf. Hierauf sprachen noch in trefflicher Weise Rev. Jos. Leucht und
Jakob Weil. Die erwähnte Geldsammlung ergab ^2085, und diese
Summe wird dem Waisenhausverein überwiesen werden, dessen Aus¬
gaben in Folge der starken russischen Einwanderung von Tag zu Tag
größer werden.
Türkei.
* Jerusalem, 1. Dezember. Nach den Statuten der Societe du
chemin de fer Ottoman de Jaffa a Jerusalem et prolon-
gements on ‘embranchements haben Houssouf Navon Effendi und Jcan
Frutiger, Chef der Banquiersfirma I. Frutiger u. Co. in Jerusalem,
und zwei französische Gesellschaften dieses Untenrehmen begründet. Die
Dauer der Gesellschaft ist auf 70 Jahre festgesetzt. Die Bahn selbst ist
eine interessante, den Libanon durchquerende Gebirgsbahn, die es an
landschaftlichen Reizen mit der Semmeringbahn aufnehmen dürfte; ihre
Länge beträgt 87 Kilometer. Der Bau wurde am 1. April 1890 be-
gonrrerr, wobei unerwartet heftige Regengüsse denselben verzögerter:. Am
4. d. wurden bereits 46 Kilometer von Jaffa aus dem öffentlichen Be¬
triebe übergeben und im April d. I. hofft man auf der ganzen Strecke
den Verkehr zu eröffnen. Zu dem Berichte des englischen Konsuls zu
Jaffa aus dern Jahre 1688 an das Foreigne office wäre zu erwähnen,
daß die Ingenieure der Bahn die Brutto-Einnahmerr der ersten Jahre
rnit 13,500 Frcs. per Kilometer, d. i. mit 1,180,000 Fres. für die ganze
Bahn evaluirteu Als Grundlage wurde nur die dermalige Zahl der
Pilger und Touristen angenommen, welche im Jahre an vierzigtausend
Esmachen, und der Waarenverkehr ganz außer Acht gelassen. Man
rechnete Tour- und Retourfahrt per Kopf mit durchschnittlich 30 Frcs.,
d. i. 10 Frs. für die dritte, 15 Frcs. für die zweite und 20 Fres. für
die erste Klasse nach den französischen Betriebsnornren. Durch diese
Bahn hoffen die Entrepreneure das französische Prestige im Orient zu
heben. Uns Oesterreicher interessirt finanziell nur die Erwägung, daß
dern Lloyd eine erhöhte Passagier-Anzahl durch österreichische Pilger
und Touristen nach Jerusalem zugeführt wird. Es ist zu wünschen.
daß alljährlich eine inmter größere Anzahl unserer Stamwangehörigen
mit historischem Blicke und in weihevoller Erinnerrmg die Stätten be¬
suchen mögen, wo die Lehren des Einig einzigen Gottes ^chon gepredigt
wurden, als die alten Griechen erst die Anfänge ihrer Kultur ent¬
wickelten.
Mn Nab und Fern.
— Die israelische Volksspeiseanstalt (Klosterstraße 99) hat
während der ersten 14 Tage ihres Bestehens 20,076 Portionen verabfolgt,
und zwar 3640 ä 5 Pf., 2727 ä 6 Pf., 1971 a 10 Pf., 9296 ä 15 Pf.,
1704 ä 25 Pf., die restlichen 738 (469 ä 15 Pf., 279 ä 10 Pf.) wurden
an Arme gratis vertheilt, außerdem wurden 8625 Brödchen a 2 Ps. ab¬
gegeben. Das Kontingent der dort Gespeisten dürfte sich etwa zur Hälfte
aus jüdischen, zur Hälfte aus christlichen Besuchern rekrutiren. Die
Speisezeit ist Vormittags von 11— 1V 2 Uhr, Abends von 6—87 2 Uhr
und ist die Anstalt allen Menschenfreunden, die sich dafür interesstren,
während dieser Zeit zur Besichtigung geöffnet. — Der jüdische Friedhof
in Weißensee bei Berlin ist seit 1880 mit 11,000 Gräbern belegt worden,
und es wird daher das Reserveland, welches 50 Morgen umfaßt, in
kurzer Zeit hinzugenommen werden müssen. Das Ganze umfaßt 75 Morgen.
— Bei den Kommunalwahlen in Berlin sind sämmtliche antisemi¬
tischen Kandidaten trotz gewaltiger Anstrengungen unterlegen. — Auch
bei der Reichstagswahl in Hildesheim hat die von den Antisemiten
in Szene gesetzte Hetze für sie keine Friichte getragen. Ihr Kandidat
erhielt im Ganzen etwa 900 Stimmen. — Aus Kohlfurt melden die
„Mittheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitisnrus", daß das
reisende Publikum dort durch das Hineinwerfen der bekannten Fritsch'schen
Pamphlete in die Eisenbahnwagen aufs Höchste belästigt wird. — Baron
Treves de Bonfili ist vom Könige von Italien zum Kommandanten
des Ordens der Coronna d’ltalia ernannt worden. — In Keszthely
(Ungarn) verschied den 10. d. M. der dortige Oberrabbiner Salomon
Kohn im 64. Lebensjahre. Er veröffentlichter eine Spruchsammlung und
eine Religionslehre, welche er seiner „geliebten, leider unfruchtbaren"
Frau widmete. Das Leichenbegängniß fand den 13. d. M. unter großer
Betheiligung statt. Oberrabbiner Dr. E. Neumann arrs Gr. Kanizsa,
hielt, von dem Vorstande in Keszthely berufen, dem geliebten Seelenhirten
die Leichenrede! — Dr. Ludwig Grub er in Budapest wurde zum
Staats-Anwalt-Substitut ernannt. — In dem Vereine „Jischun erez
jisrael“ zu Paris hielt am 6. Dezember Herr Halevy einen interessanten
Vortrag über seine Reisen in Palästina. — Nach der jüngsten Zäh¬
lung wohnen in Holland 97,000 Juden, das sind etwa 2 Prozent der
Gesammtbevölkerung. — In Leyden ist der Gelehrte Abraham Kuenen
im Alter von 63 Jahren gestorben. Seit 1852 war Kuenen Professor
der Theologie in Leyden, wo er eine große Anzahl wissenschaftlicher
Schriften über Israel und die jüdische Religion herausgab. Der eifrige
Gelehrte war auch Vorsitzender der königlichen Akademie der
Wissenschaften. — Colonel Albert Goldsmid in London, der be¬
kannte Vorkämpfer für die Palästinaiden, wird sich jetzt nach Argentinien
begeben, um dort die Einwanderung der russischen Juden im Aufträge
des Baron Hirsch zu leiten. — Unter den jüngst aus Petersburg Aus¬
gewiesenen ist der unschuldige und liebenswürdige Poet und I o u r n a l i st
F r u g, der lange ein Liebling des russischen Publikums war. Das kam
daher, weil Frug Jude ist und der blutigste aller Bluthunde, Gresser,
von dem fingirten Herrn Frugs — um in Petersburg zu leben, mußte
man als Stiefelputzer oder so was eingeschrieben sein — verklagt wurde.
Der poetische Volksliebling Frug mußte sofort die Stadt verlassen. Die
Zeitungen schämten sich aber, diese Gresser'sche Tollheit zu veröffentlichen
und erzählten nächsten Morgen^ Frug mache eine Vergnügungstour nach
Odessa. — Herr Cohen, der einstige portugiesische Konsul in Pretoria
und jetzige „Ehren-General-Konsul" für Portugal im Transvaal¬
land ist vom Könige von Portugal in den Adelstand mit dem Titel
„Baron von Matalha" erhoben worden.
Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin
Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.