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8. Jahrgang, No. 19
Berlin, 6. Mai 1904.
Allgemeine
eitung des Judentums.
Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
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Verlag von Rudolf rNosfe, ' Berlin»
Dir engMchr Frrmdrnbill.
Berlin, 4. Mai.
an hat so oft vom „treulosen Albion" gesprochen. Man
meinte dann immer, daß es anderen Ländern die
Treue gebrochen. Daran hat man nie gedacht, daß England
sich auch selbst untreu werden könnte. Das aber scheint es mit
der vor einigen Tagen vom Unterhause in zweiter Lesung an¬
genommenen Fremdenbill zu werden. Nicht nur mit der schönen
Ueberlieferung, daß England allen aus Politischen oder kirch¬
lichen Gründen Verfolgten Gastfreundschaft gewähre, daß es
die Zuflucht bilde für alle, die mühselig und beladen, aber in
dem freien Lande durch Fleiß und Tüchtigkeit nützliche Mit¬
glieder der menschlichen Gesellschaft werden wollen, soll auf¬
geräumt werden, sondern auch seinem alten Freiheitsideal muß
es untreu werden, welches nicht gestaltete, daß der Polizei
irgend welche willkürliche Macht eingeräumt werde, daß sie
eigenmächtig über das Schicksal von Menschen entscheide, oder
auch nur um deren Privatangelegenheiten sich kümmere usw.
Hat man es mit einer senilen Erscheinung zu tun? Man hat
so lange schon von dem beginnenden Verfall Englands ge¬
sprochen. Zeigt sich dieser vorläufig am markantesten nicht
etwa im Verlust von Kolonien, im Rückgang oder Stillstand
des Handels und der Industrie, sondern auf geistigem und
politischem Gebiete? Fast möchte man an ein Ermatten
des einst so klaren und auf allen Gebieten so bedeutenden
englischen Geistes, glauben, wenn man an die von einem
Ehamberlain mit so großem Erfolge in Szene gesetzte Agitation
gegen den Freihandel denkt und jetzt auch die Mutter aller
Parlamente ein Gesetz schaffen sieht, das nicht nur unenglisch,
sondern auch — unpraktisch, d. i. zwecklos, ja zweckwidrig ist.
Nach dem hier in Rede stehenden Gesetze wird das Mini¬
sterium des Innern ermächtigt, beim Landen von den Schiffs¬
passagieren Pässe zu -verlangen, in denen eingehende'Perso¬
nalien und auch der beabsichtigte Wohnsitz angegeben sein
müssen. Ferner soll die Polizei von Einwanderern verlangen
dürfen, daß sie zwei Jahre lang die Behörden Mer ihren Auf¬
enthaltsort und ihre Beschäftigung in Kenntnis erhalten.
Ausländern soll das Landen überhaupt verboten werden können,
wenn ihre Pässe nicht befriedigen und ihre Beschäftigungs¬
und .Lebensweise gegen gewisse Bedingungen verstößt. Es
können am Landen verhindert werden: Verbrecher, Prostituierte
und Zuhälter; Personen, die keine sichtbaren oder wahrscheinlichen
Mittel für ihren Lebensunterhalt haben; Personen, die voraus¬
sichtlich den.Gemeinden zur Last fallen werden und Personen
„von allbekannt schlechtem Rufe". Von den Eingewanderten,
die sich zwei Jahre lang bei den Behörden zu melden haben,
darf jeder ohne weiteres ausgewiesen werden, der von . einem
Angeber als eine Person von allbekannt schlechtem Rufe
denunziert oder der aus Gemeindemitteln erhalten werden
muß. Den Ortsbehörden wird das Recht erteilt, Ausländern
das Niederlassen in von Ausländern stark übervölkerten Stadt¬
teilen zu verbieten.
. Wir, die wir doch noch fortwährend mehr oder weniger
bevormundet und beaufsichtigt werden, wir, denen noch das
rhythmische „Mandelstamm und Silberfarb" in den Ohren klingt,
wir können nicht so bald und so sehr erkennen, wie unenglisch
diese Gesetzesvorschriften sind, als solche, die jahrelang in
England gewohnt haben, ohne auch nur ein einziges Mal
nach einem Paß, nach einem wer? woher? zu welchem .Zwecke?
gefragt worden zu sein, ohne auch nur ein einziges Mal mit.
irgend einer polizeilichen Behörde das geringste zu tun gehabt
zu haben.
Gewiß läßt sich gegen verschiedene Bestimmungen nichts
oder wenig einwenden, obwohl England bisher ohne sie aus¬
gekommen und.nicht schlecht dabei gefahren ist. Es wird nun
behauptet, die Zunahme der Einwanderung und die Minder¬
wertigkeit der meisten Einwanderer mache es nötig, daß die
bisher offene Tür geschlossen werde. Aber wie steht es mit
dieser Zunahme? Im Jahre 1902 sind im. ganzen in England
66 471 Personen eingewandert, dafür sind aber 205 662 aus¬
gewandert. Die Zunahme der Einwanderer betrug nicht, wie
erst behauptet worden war, 82 000, sondern, wie der Staatssekretär
des Innern zugeben mußte, nur 8800. Und wenn England, wo
jetzt noch auf 1000 Einwohner nicht ganz.7 Fremde kommen,
über zu viele Fremde klagt, was sollen erst andere Länder
sagen, wie Frankreich, die Schweiz rc.? In der Schweiz
kommen auf 1000 Einwohner 95 Fremde. Vielleicht wird man
in England bald wie in Frankreich die Einwanderung sogar
begünstigen müssen; denn die Abnahme der Geburten in eng¬
lischen Familien ist bereits beängstigend. In London allein
werden wöchentlich 500 Kinder weniger geboren, als normal
geboren werden müßten.
In Wirklichkeit klagt man auch nicht so sehr über die
Fremdenmenge in England, als vielmehr über die Fremden¬
menge in London, speziell im Londoner Ostend und ganz
besonders über die Menge der hier dicht beisammen
wohnenden aus Rußland, Galizien und Rumänien
..eingewanderten Juden. Treiben wir keine Vogel Strauß-
Politik und lassen wir uns kein X für ein U-machen. Es
wäre den Engländern nie eingefallen, ein Gesetz wie das in
Rede stehende zu erlassen, wenn nicht so viele aus den
genannten Ländern geflüchtete Juden nach England gekommen
wären und sich zum weitaus größten Teil im Londoner Osten