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den Juden abhängig; auch er selbst müsse die Depeschen für
sein in Würzburg erscheinendes Blatt von einem Judenbureau
beziehen. Man sei nicht im stände, ein eigenes Depeschenbureau
zu gründen. Der Antrag Memminger wurde schließlich gegen
die Stimmen der freien Vereinigug abgelehnt. Die Behauptung,
daß die meisten Münchener Blätter „Judenblätter" feien, zeigt,
wie verlogen diese Gesellschaft ist. Es gibt in München kein
einziges Politisches Blatt, dessen Verleger oder Redakteur Juden
oder auch nur jüdischer Abstammung sind.
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Die Fremdenbill ist also in England angenommen
worden. Am 25. v. M. beantragte Staatssekretär Akers
Douglas die zweite Lesung der Vorlage, betreffend die Fremden¬
einwanderung, im Unterhause. Sir Charles Dilke stellt hierzu
folgenden Unterantrag: Das Haus glaubt, daß die Gesetz¬
gebung die Ausbeutung der Arbeiter durch die Unternehmer
verhindern solle. Das beste Mittel hierfür ist, den aus der
billigen Arbeit der Ausländer entstehenden Uebeln entgegen¬
zutreten. Das Haus wünscht ferner, bevor es die Vorlage be¬
willigt, im Gesetze die Aufrechthaltung des Prinzips der Ge¬
währung einer Zuflucht für die Opfer von Verfolgungen zu
versuchen. Nach längerer Beratung wurde der Unterantrag
Dilkes zur Vorlage, betreffend die Fremdeneinwanderung, mit
241 gegen 117 Stimmen abgelehnt und die zweite Lesung
dieser Vorlage ohne besondere Abstimmung angenommen. Im
Laufe der Debatte erklärte der Präsident der Lokalverwaltung,
Long, die Regierung wünsche nicht, die Einwanderung von
gesunden, ehrenhaften Leuten zu behindern, es sei aber nicht
möglich, die gegenwärtige Art der Einwanderung weiter zu
gestatten.
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Ungemein bezeichnend für die Wut der französischen
Nationalisten über das Einvernehmen mit England ist das
Bestreben ihrer Presse, Vorwände für Verhetzungen zu er¬
finden. „Libre Parole" entdeckte in dieser Woche, daß Lord
Goschen, von dem für den Pariser Botschafterposten die Rede
war, Jude sei, und schließt daraus, daß England es nicht
wagen würde, einen Juden an einen großmächtlichen Hof als
Botschafter zu senden, während es Frankreich verächtlich als
Land zweiten Ranges behandelt, gegen das man sich alles er¬
lauben darf. Bekanntlich ist Goschen der Sohn des jetzigen
Lord Goschen, der in verschiedenen Kabinetten das Amt des
Schatzkanzlers versah und der seinerseits ein Enkel des durch
seine Beziehungen zu bedeutenden literarischen Persönlichkeiten
bekannten Leipziger Buchhändlers Georg Joachim Göschen ist.
Die Familie soll allerdings von jüdischer Abstammung sein.
*
Nicht nur in Südrußland, sondern — wie wir jetzt aus
den russischen juristischen Fachzeitschriften erfahren — auch in
Hömel haben die abgeschmackten Gerüchte von angeblichen
jüdischen Geldsammlungen für die Japaner Verbreitung ge¬
sunden. Hier wurde von den Hetzern sogar auf bestimmte
Personen hingewiesen, die sich der verräterischen Handlung
schuldig gemacht Hütten. So erzählte z. B. ein Weichensteller
jedem, der es hören wollte, der jüdische Kaufmann Lowjanoff
habe nach Japan nicht weniger als sechs Waggons Verbands¬
zeug abgeschickt. Lowjanoff klagte vor Gericht und da er
überhaupt keine Geschäftsbeziehungen zum Auslande hat, so
war es ihm leicht, die Grundlosigkeit der Verdächtigung zu er¬
weisen, woraufhin der Weichensteller zu fünf Tagen Gefängnis
! verurteilt wurde. Auch er war nur ein'Opfer der antisemitischen
! Hetzreden, die er zu hören bekommen hatte. Der Vertreter
! der Anklage stellte fest, daß noch mehrere Prozesse ähnlicher
i Art schweben und daß es den Leuten, die derartige Gerüchte
! ausstreuen, sogar gelungen ist, eine starke Erbitterung, die be¬
reits einen bedrohlichen Charakter angenommen hat, zwischen
der russischen und der jüdischen Bevölkerung der Stadt zu er¬
zeugen.
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Gerade jetzt, wo wieder einmal von einer Abänderung
respektive Verbesserung derselben die Rede ist, sind intime
Mitteilungen über die Entstehungsgeschichte der berüchtigten
russischen Maigesetze von Interesse. Aus dem Band VII der
zur Zentenarfeier der Errichtung des russischen Ministeriums
durch Zar Alexander I. im vorigen Jahre veröffentlichten
„Geschichte des russischen Ministerkomitees" entnehmen wir
darüber folgende interessante -Einzelheiten:
„Zar Alexander III. hat damals sämtliche Generalgouverneure
des Ansiedlungsrayons aufgefordert, alljährlich über die in
ihrem Verwaltungsgebiete von den Juden angerichteren
Schäden Bericht zu erstatten. Man kann sich denken, wie nach
einer solchen direkten Aufforderung diese Berichte gelautet haben
- konnten. Jeder Gouverneur suchte und fand alljährlich einen neuen
-Mißstand heraus, an dem ausschließlich die Juden schuld wären. Der
Generalgouverneuer von Odessa beklagte sich im Jahre 1883 über die
Ueberhandnahme der jüdischen Schüler in allen Mittelschulen und be¬
hauptete, daß dieses für die christlichen Schüler sehr schlimme Folgen
hätte, da sie von ihren jüdischen Mitschülern verführt werden. Der Zar
schrieb zu diesem Berichte die Randbemerkung: „Das ist sehr beachtens¬
wert." ... Des weitern schlug der Generalgouverneur vor, die Zahl
der jüdischen Schüler in den Mittelschulen derart zu beschränken, daß
ihr Prozentsatz denjenigen der jüdischen Gesamtbevölkerung des be¬
treffenden Ortes nicht übersteigt. Der Zar schrieb dazu die Rand¬
bemerkung : „Auch ich bin. derselben Ansicht." Im folgenden Jahre
wiederholte der Generalgouverneur seine Beschwerde. Die Rand¬
bemerkung Alexanders III. lautete: „Diese Frage sollte endgültig ge¬
löst werden." Auch der Gouverneur von Charkow, dessen Verwaltungs¬
gebiet außerhalb des Ansiedlungsrahons liegt, sah sich bemüßigt, über
durch das Zuströmen der Juden zu den mittleren und höheren
Lehranstalten entstehende Mißstände zu klagen. Randbernerkung des
Zaren: „Aehnliche Klagen lausen beständig aus Odessa ein!"
Weniger glatt ging es mit dem Verbot, an die Juden unbeweg¬
liches Eigentum außerhalb der Städte zu verkaufen oder zu verpachten.
Den Reigen begann der Generalgouverneur vor: Kiew, Fürst Don-
dukow-Korsakow, der als Regent von Bulgarien eben verunglückt
war- und nun seinen Aerger an den Inden auslassen wollte. In
seinem Jahresbericht an den Kaiser beschwerte- er sich darüber, daß
die Juden Rußlands heiligen Boden in ihren Besitz bringen, und daß
der Minister des Innern seinen Vorschlag, den Juden den Ankauf von
Land zu untersagen, ad acta gelegt habe. Darob zürnte der Zar
Alexander und bemerkte am Rande: „Ich wünsche, daß die Angelegen¬
heit sofort ihre Erledigung findet!" Es stellte sich aber heraus, daß
sich dieses nicht „sofort" machen läßt, denn in seinem folgenden Jahres¬
bericht beklagte sich der Eeneralgouverneur beim Zaren über den ihm
Vorgesetzten Minister, der offenbar die Absicht habe, die Frage bis zur
definitiven Lösung der gesamten Judensrage zu vertagen. Indessen
nehme die Macht der Juden immer mehr zu. Alexander III. war in
seiner Randbemerkung „vollkommen derselben Ansicht". Dennoch
flößten die weiteren Vorschläge des Fürsten Dondukow-Korsakow selbst
ihm erhebliche Bedenken ein, denen er durch die Randbemerkung:
„Alles das soll ruhig und reiflich überlegt werden!" Ausdruck gab.
Auch der Minister des Innern hegte Bedenken, ob man einen
so schweren Eingriff in das Privatrecht, wie ein Verbot, Land an
Juden zu verpachten, ihn darstellt, wagen sollte. Er zweifelte auch,
ob diese schwere Attacke auf das Privateigentum wirklich den von ihm
erwarteten Nutzen bringen werde. Es wurde nun eine spezielle Konr-
! Mission eingesetzt, welche nach gründlicher Beratung zur Verwerfung