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Lin Gedicht aus der Küabentzeit ! '«
Lerdinand Lalkslles.
us dem Nachlasse.Lassalles werden jetzt Briefe und Ge-
dichte veröffentlicht. Darunter ein für uns besonders
interessantes. Inhalt und Schriftzüge verweisen es in
seine spätere Knabenzeit. Es dürfte etwa in das vierzehnte
Lebensjahr Lasfalles entfallen. Ueberschrieben ist es „Meinen
geliebten Eltern", es ist ein in Poetischer Form gebrachter
Geburtstagsglückwunsch. Wenn aber Lafsalle in späteren
Jahren bei poetischen Versuchen die Form schwer be-
meisterte, so als Knabe noch weniger. Die Verse sind meist
holprig, die Reime erzwungen und der Rythmus wechselt
beständig. Dagegen ist der Gedanke des Gedichts ganz poetisch;
der Knabe läßt ein kürzlich gestorbenes Kind seiner Eltern
vor Gott für diese bitten und legt dem Mond die Erzählung
von der Ausnahme des Gebets, das ein Malach, der Sendbote
Gottes, unterstützt, in den Mund. Der Einfluß der fromm-jüdischen
Erziehung, die Lassalle im Elternhause erhalten, herrscht hier
noch vollständig vor, und ebenso die Einwirkung Schillerffcher
Gedichte. Das Gedicht ist sehr lang und wird allmählich ein¬
tönig; wir beschränken uns daher auf die Wiedergabe einiger
charakteristischer Verse. Es beginnt wie folgt:
Gehst heute ja so bald, o lieber Mond!
Es schwindet ja so schnell die düstere Nacht!
Der Sonne, die arn Himmel prächtig thront,
Hast heute ja so früh schon Platz gemacht!
Es ist der Grund davon, so sprach der traute Mond,
Den ich bereit dir zu erzählen bin,
In dieser Stadt allhier ein Eh'paar wohnt,
Ruhig, fromm, von gottgefäll'gem Sinn.
Dieses Ehepaar, erzählt nun der Mond weiter, das „viel
des Jammers schon ertragen" hat, aber stets gottvertraüend
dabei blieb und nimmer zu sagen wagte, „daß ungerecht der
Ewige sei," hat jüngst sein viel geliebtes Wesen verloren, ohne
jedoch in des Schmerzes Uebermacht gegen Gott zu murren.
Vor Gottes Thron kniet das Kind und
. . . .forderte für seine Eltern Lohn,
Daß immer sie so gut und gottesfürchtig sind.
Der Malach, Gottes Bote, kommt herbei und —
. . . erzählt, wie er bei jenem Paare
Des Schmerzes Uebermaß geschaut.
Wie ihre Wangen bleich, wie ihre Haare,
Ach, von Tränen (!) sind ergraut.
Flammend und donnernd ertönt es da aus des Herrn
Mund — und ein solcher Glanz bedeckte Gott, daß „selbst
die Engel in der Runde zitternd lagen aus den Knieen" —
er werde den Wunsch gewähren, denn er habe die Eltern lange
genug geprüft.
Es naht der Tag, an welchem sie geboren,
, Zur Schicksalswend' bestimm' ich diesen Tag,
Ich Hab' ihn dazu auserkoren,
Daß er des Glückes Anfang machen mag.
Soviel Tage die Eltern in Kummer verbracht, soviel
Jahre mögen sie nun in Glück leben und der Malach diesen
Willen Gottes ausführen.
„So sprach der Mond und plötzlich schlief ich ein."
Da erscheint ihm eine Lichtgestalt, die ihm sagt, daß das
Elternpaar, von dem der Mond gesprochen, sein eigenes sei —
Und solcher Eltern Sohn zu sein.
Darum beneiden Engel dich fürwahr.
r;
Die Lichtgestalt zerfließt, freudeatmend erwacht'-der jngend-
liche Dichter und —
eine unsichtbare Stimme hört' ich.
Als von Verwunderung voll ich war:
Glaube fest und zweifle nicht,
Was du sahst, ein Traum nicht war.
Damit endet das in kleiner regelmäßiger Schrift, wie alle
Jugendbriefe Lassalles sie aufweisen, sehr sauber niedergeschrie¬
bene Gedicht.
Lttrrsrilche Mitteilungen.
=' Heinrich Jork-Steiner: Der Talmudbauer und-Anderes.
Berlin 1904. Allg. Jüdischer Verlag. Die wehmutsreiche Blüte des Anti¬
semitismus ist der Zionismus. Wie immer man sich zu dieser Frage
stellen mag, die so manche Schwärmerseele begeisterte, so viele prak¬
tische Köpfe zur Verneinung zwang, so bleibt eines als das unbe-.
bestrittene Verdienst dieser Bewegung bestehen. Sie hat eine ganze
Anzahl künstlerischer und literarischer Erscheinungen gezeitigt und
Kräfte ausgelöst, deren Schaffen nicht nur in den interessierten
Kreisen Beachtung findet, sondern auch die Anerkennung der Weitab¬
stehenden, für deren Urteil ausschließlich die Leistungen maßgebend sind.
Das gleiche gilt von Schriftstellern und Dichtern. Sie sind litera¬
rische Erscheinungen, die unabhängig von ihrem zionistischen Ideal
überall mit Ehren genannt werden, und zu ihnen gehört auch
Heinrich Jork-Steiner. Sein Buch „Der Talmudbauer" ist eine wert¬
volle literarische Gabe, an der man seine Freude haben und der
man reiche Anregung danken kann, gleichviel welchen Standpunkt
man zu dem Leitmotiv des Zionismus einnimmt, das bald leise
klagend, bald siegreich jauchzend durch die Blätter rauscht. Der
„Talmudbauer" ist von einem genauen Kenner von Land und Leuten
geschrieben. Das zeigt sich in der klaren Darstellung und sicheren
Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse, die mit feiner Beobachtungs¬
gabe erschaut und mit fester Hand gezeichnet sind. Will es, auch
manchmal scheinen, daß der Verfasser, von seinem Temperament hin¬
gerissen, manches zu rosig malt, was er im „gelobten Land" gesehen,
so tritt dem gegenüber doch wieder eine kühle Objektivität zu Tage,
die ohne Beschönigung auch alle Mängel enthüllt, schmerzenden
Herzens vielleicht, aber wahr, so daß wir ein klares und anschau¬
liches Gesamtbild der palästinensischen Stätten gewinnen, auf denen
die einfache Handlung sich vollzieht. Eine schlichte Liebesgeschichte
von intimem Reiz und doch als nebensächlich empfunden dem bedeut¬
samen kulturellen Inhalt der Erzählung gegenüber, aus den es
Jork-Steiner wohl hauptsächlich ankam. Denn wie das Lebendort
in den Kolonien sich gestaltet, wie man es ausbaut, welche Wege
man beschreitet, um den Boden zu gewinnen und fruchtbar zu machen,
das ist interessant wiedergegeben und regt zu ernstem Nachdenken an.
Die Gestalten sind gut ausgesührt, und vor allem tritt die Persön¬
lichkeit der Talnmdbauern hervor, dieser eigentümlichsten Erscheinung,
— mau könnte sagen contradiet.io in adjecto — denn Talmud und
Bauer, das sind wohl die schroffsten Gegensätze. Dort aber auf jenem
Boden verschmelzen sie sich zu harmonischer Einheit. Die Notwendig¬
keit macht eben alles möglich. Die Erzählungsweise Jork-Steiners
ist lebendig, voll Farbe und Schwung, es ruht etwas von orienta¬
lischer Poesie darüber. Das tritt nicht nur in der Erzählung hervor,
nach der das Buch benannt ist, und der ich als der bedeutsamsten
die eingehendste Besprechung zuwende, sondern auch in den anderen
Geschichten, die der sehr geschmackvoll ausgestattete, mit prächtigem
Buchschmuck versehene Band umfaßte. Sowohl „Die tote Frau" wie
„Maskir", „Marbulka", „An der Klosterpforte", „Mendele Lohengrin"
und „Croceolos Synagoge" zeigen die gleichen Vorzüge einer Erzählers-
tünst, die die charakteristischen Merkmale der Gestalten richtig er¬
kennen läßt, ein Milieu gut zu zeichnen vermag und das Ganze in
formgewandter, temperamentvoller Darstellung bietet.
' Ulrich Frank.
Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin.
Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.