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1 Wie, um seinen ihn quälenden Gedanken ein Ventil ver¬
schaffend, ließ sich Berko bald darauf' mit' gedänrpfter Stimme
vernehmen: : ^ ^
„Es wäre besser, die Augen für immer zu schließen und
nicht zu schauen! Gott hat uns einen, einen Sohn beschert!
Rachel, ich mache Dir keine Vorwürfe, aber schau, was mit
uns vorgeht! Wie er herabgekommen . . . Woher kamen
ihm diese wilden Gedanken? Er hat sich und uns dem
Gespött der Leute Preisgegeben."
„Berko, er wird zurückkommen", sagte die alte Rachel
zaghaft.
„Wie damals! Denkst Du? Es schien mir, er fei schon
zu Verstand gekommen, er werde schon bei uns im Geschäft
bleiben. — Nun, er heiratete! Und was weiter? Er ließ die
Eltern, die Frau im Stiche und ging davon! Wohin? Um
sich zu schlagen! Wer hat^s ihn geheißen? Ist er dort not¬
wendig ? Mögen sich die Edelleute oder Bauern schlagen, was
kümmert das uns? Es ist eine Schmach für die ganze
Gemeinde! Silberwasser hat vier Söhne, drei Eidame, und
alle arbeiten zusammen. Einer von ihnen ist ein Gelehrter!
Ja, das nenne ich ein Ansehen genießen! Wenn unser Berko
gelehrt wäre! Dann wäre es nicht schade zu arbeiten^ —
Aber so — alles möge schon zu Grunde gehen! .
Josielowicz sprang von seinem Sitze auf, begann mit
großen. Schritten die Stube zu durchmessen und an dem
Seidengürtel auf seinem langschößigen Atlasrock zu zerren.
„Es sind jetzt schwere Zeiten für die Herberge, nicht das,
was früher!" ließ sich Rachel vernehmen, die die Gedanken
ihres Mannes ablenken wollte.
„Schwere Zeiten, aber nicht für alle! Schau, wie es bei
Nathan zugeht. Dort sitzen alle Herren vom „Fiskus". Zwei
Winkelschreiber haben dort ihre Kanzlei aufgefchlagen. Vis
Mitternacht sind dort eine Menge Leute! Könnte es nicht auch
so bei uns sein? Eine Herberge auf dem Ringplatze, in der
ganzen Gegend bekannt . . . noch Reb Eli — sein Name sei
gesegnet — hat sie gegründet. Rachel, siehst Du, Nathan hat
gute Söhne. Ja, gute Söhne! Sie sind dem Vater behilflich,
und wie helfen sie ihm aus. Nathan hat Lieferungen für die
Armee, alle Oesterreicher gehen bei ihm ein undaus. Nun, er
möge es haben, ich bin nicht neidisch! Wenn man wenigstens
diese Demütigung — diese Schande von mir nähme. Daß man
ihn dort meinetwegen totschlüge! Daß es einmal schon ein
Ende nimmt."
„Berko! Das ist doch unser Kind — fluche nicht!"
„Rachel, Du gibst Dich noch Illusionen, hin," ermahnte
der alte Josielowicz düster. „Er ist kein Jude mehr! Unsere
Religionsgesetze sind für ihn nicht mehr vorhanden! Er hat
sich mit dem Adel eingelassen! Er ist schon ein Zlpikores! Er
schämt sich wahrscheinlich schon des Vaters, der Mutier, der
Frau und der zehn Gebote ! Rachel, ich habe keinen Söhn
mehr! ..."
Berko ließ sich kraftlos auf die Bank fallen und begrub
fein Haupt in die Handflächen. Unter dem Eindrücke der
Worte ihres Mannes atmete Rachel schwer und rackelte nervös
über dem Schanktische.
„Lokalem alejodem!" ertönte plötzlich eine lustige Stimme
auf der Schwelle.
„Alejchem scholem!“ entgegnete Berko, langsam sein Haupt
emporrichtend und die gekrümmte Gestalt eines Männleins
anblickend. „Du bist es, Schapse?"
„Wer sonst! Habe ich mich während dieser Woche so ver¬
ändert?"
„Was hört man?"
„He, he! Man hört sehr laut und sehr Nichtgutes! . .
Krieg! Solch ein Krieg, wie e§ vielleicht noch keinen gegeben
hat! . . ." ,' . " :
„Das weiß man ja. Es wird wohl schon eine Woche sein,
daß beim Landrate 'ob der Kapitulation Warschaus großer >
Jubel herrschte. Es schadet nichts. Es wird keine Grenze
geben, vielleicht wird sich das Geschäft bessern."
„He, he! Es mag sein. Warschau hat sich den Oester¬
reichern ergeben! Ich weiß nicht! In Zelechow aber ist
aus dem Landrate ein Präfekt geworden und die polnischen
Truppen rücken vor."
„In Zelechow?"
„Nun, ich komme doch von dort! Meine Feinde sollen
keine solche Ruhe haben ! Vor lauter Schreck kann man krank
werden. Jede paar hundert Schritte wird man angehalten.
Und wohin? Wozu? Womit? Wieviel Polen? Wieviel Oester¬
reicher? Und jeder droht, jeder will gleich aufhängen, tot¬
schlagen! füsilieren!"
„Das wird bald ein Ende nehmen," bemerkte Josielowicz
gleichgültig. Daß Euere Worte nur am schnellsten in Er¬
füllung gehen! Aber ich habe an Euch ein Anliegen. Verzeiht,
ärgert Euch nicht — es ist ja nicht meine Schulde Ich bin
nur ein armer „Faktor" — Makler."
„Was ist's?"
„Ich . . . ich habe für den Husarenoberst französischen
Tabak gebracht. Wißt Ihr, für von Gringer. Sie sollen
morgen früh aus Kock abmarschieren."
„Sollen sie gehen!"
„Ich halte sie auch nicht. . . Cs sind solche Gewaltmenschen.
Nur, seht ihr, Reb . . . Der Oberst hieß, Euch sagen, daß er
mit all seinen Offizieren in Euer Einkehrhaus kommen wird."
Josielowicz erbleichte.
„Was will er von mir?"
„He, he! Was kann er wollen? Er wird essen, trinken
— und dann wird er Euch vielleicht eine Afsignate geben, für
welche Ihr keinen Dreier kriegt — ?"
Berko spie zornig aus. Schapse fuhr, sich krünnnend und
mit den Augen blinzelnd, ironisch fort:
„Wozu sich ärgern? Von Gringer ist solch ein Stänkerer
und Ihr, Berko, müßt mit ihm in Frieden leben! Er ist Oberst
und Euer Söhn ist doch auch ein Oberst! Ein General
vielleicht ... Den Husaren gebührt ein Abschiedsschmaus.
Würde es sich schicken, daß Nathan oder Silberwasser solche
Persönlichen bewirten! Reb Abram selbst hat mir heute
gesagt, daß dieses Glück nur Euch zukommt!"
„Und Du bist gekommen. Dich lustig zu machen?"
„Ich! Wie würde ich es wagen, solch eines angesehenen
Kaufmanns zu spotten?" Schapse blickte nach der offenen
Türe. „Schaut! Sie kommen schon. Der Oberst und die
Offiziere!"
Josielowicz ging den österreichischen Husaren entgegen.
Die Gaststube füllte sich mit Säbelgerassel, Sporengeklirr und
dem Trubel einer lärmenden Unterhaltung. Oberst von
Gringer winkte den devot stehenden Berko herbei.
„Höre, alter Tagedieb!" sagte er barsch. „Laß Wein auf¬
tragen. Du wirst uns ein tüchtiges Nachtmahl vorsetzen.
Daß niemanden etwas abgeht, denn sonst wird es Dir schlecht
ergehen."
„Herr Oberst! Ich werde mir Mühe geben, obwohl es
mit meinem Keller schlecht bestellt ist. Man verkauft nichts —"
„Mache, was Du willst! Nimm woher immer! Sonst
werden wir selbst alles durchsuchen !"
Berko preßte die Zähne zusammen und schleppte sich nach
der Gesindestube, um Befehle zu erteilen. Die Tische wurden