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69. Jahrgang. No. 48.
Berlin, 1. Dezember 1905.
Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
Begründet von
Rabbiner 9** Ludwig Khilixpson.
Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49.
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Verlag von Rudolf Mosse, Berlin.
Dlk ruMchm Iudenoerkoigungen.
Berlin, 28. November.
as Jahr 1905 bringt für die russischen Juden einen
blutigen Abschluß. Jeden Tag wissen die politischen
Blätter von neuen Judenkrawallen in Rußland zu berichten.
Die Ereignisse überstürzen sich da, und den jüdischen Wochen¬
schriften, welche mit dem Telegraphen nicht konkurrieren können,
bleibt nichts weiter übrig, als die sich massenhaft anhäufenden
Ereignisse sorgfältig zu registrieren, zu sammeln und so ihren
Lesern über das furchtbare Unglück, von dem ihre tapferen Brüder
in Rußland betroffen wurden, ein zusammenfassendes Bild zu
geben.
Leider ist es aber einstweilen immer noch nicht möglich,
einen klaren Ueberblick über die Vorfälle zu gewinnen.
Obgleich schon vierzehn Tage verflossen sind, seitdem die
Judenkrawalle in Rußland ihren Höhepunkt überschritten
haben, laufen immer noch täglich verspätete Nachrichten ein,
welche teils neue, bisher-unbekannt gebliebene Krawalle melden,
teils ausführliche Details über bereits bekannte Vorgänge ent¬
halten. Obgleich also die Nachrichten über die entsetzlichen
Vorgänge vom 30. Oktober bis zum 5. November noch lange
nicht abgeschlossen sind, läßt sich doch jetzt schon übersehen,
daß die- russischen Juden von einer furchtbaren Katastrophe
ereilt worden sind, durch welche die Ereignisse während des
Krieges in Ostasien mit seinen Reservistenkrawallen, den
Metzeleien in Shitomir, Bjalistock, in Lodz und selbst die
Krawalle in Kischinew und Homel in den Schatten gestellt
werden. Ja selbst die zahlreichen Judenkrawalle am Beginn
der achtziger Jahre, welche den Anstoß zu den Maigesetzen
mit allen ihren Folgen gegeben haben und mittelbar die
große jüdische Emigrationswelle ausgelöst haben, sind ein
wahres Kinderspiel gegen die Ereignisse der letzten Wochen.
Seit den in der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes mit
blutroten Lettern eingetragenen Jahren 1648 und 1655, sind
die Juden Rußlands von keiner so schweren Katastrophe
betroffen worden wie in diesem Unglücksjahre. Nicht nur
nähert sich die Zahl der Opfer, welche von einzelnen Blättern,
hoffentlich in maßloser Uebertreibung, auf 15 000 Tote und
100 000 Verwundete angegeben wird, jener aus den unglück¬
seligen Jahren der Kosakenversolgung unter Chmelnitzky,
auch das weite Gebiet der gegenwärtigen Katastrophe gleicht
an Umfang demjenigen, auf welchem die furchtbaren Juden¬
metzeleien des Mittelalters sich abgespielt haben. Nicht weniger
als wie 92 Ortschaften in 27 Gouvernements des weiten
Zarenreiches haben von der Katastrophe mehr oder weniger
schwer gelitten. Es sind dieses die Städte: Ackermann, Änanjew,
Alexandrowsk, Attuki, Bachmut, Balta, Beresina, Bjelotzerkow,
Bogopol, Briansk, Charkow, Dimmer, Dwinsk, Elisabethgrad.
Eupatoria, Gadiatsch, Genitschesk, Gordiansk, Gorlowka, Holta,
Hostomol, Jaroslawel, Jekaterinenburg,Jekaterinoslaw, Ismail,
Jekorowka, Jusowka, Jwanowo - Wosniessensk, Kalaraschi,
Kamenetz-Podolsk, Kasan, Kertsch, Kursk, Koroljewetz, Klimo-
wiisch, Klinzi, Koseletz, Kischinew, Kiew, Krementschug, Lissit-
schansk, Mardarowka, Mariupol, Minsk, Mohilew, Podolien,
Njeshin, Nikolajew, Nikopol, Nowo-Sibkow, Nowgorod-
Sewersk, Nowo-Tscherkask, Nowo-Wileisk, Obuchow, Odessa,
Olwiopol, Owidiopol, Orel, Orscha, Polgoi, Potschar, Polotzk.
Nakitna, Nasdjelna, Reshitza, Rebschitza, Rostow a. Don, Romni,
Kowno, Riga, Sosnowitz, Suraji, Snrolensk, Solotonoscha,
Simferopel, Sebastopol, Staradub, Saratow, Theodosia,
Tiraspol, Twer, Tomsk, Tscheljabinsk, Tschernigow, Uman,
Ungeni, Wladimir, Wilna, Winitza, Woroschilowka, Miasma,
Wiliki-Luki,Woronesch. Bei dieser Aufzählung wird den Lesern eine
überaus wichtige Tatsache auffallen. Die Krawalle beschränken sich
nichtmehr auf das jüdische Ansiedelungsrayon, sondern um¬
faßten zahlreiche Gouvernements des Innern Rußlands, ja
spielten sogar auf Sibirien hinüber. Auch in bezug auf die
Intensität der Krawalle tritt eine neue Erscheinung zutage.
Während man im Jahre 1881 bemüht war, das jüdische Gut
zu zerstören, um so die Juden materiell zugrunde zu richten,
während man in den letzten zwei Jahren in Kischinew, Homel,
Shitomir, Lodz und Bjalistock den Juden vorzugsweise nach
dem Leben trachtete, um durch zahlreiche Morde die Juden
zu terrorisieren und sie so von der Teilnahme an der Revo¬
lution abzuschrecken, lechzte diesmal der Pöbel und die ihn
leitende und schützende Polizei sowohl nach dem Gute als nach
dem Blute der Juden. Nicht nur wurden die Läden der Juden
systematisch geplündert, ihre Häuser demoliert, ihre Möbel in
Stücke geschlagen und alles Hab und Gut gründlich verwüstet,
es wurden auch Hunderte und Tausende von Inden ermordet,
grausam gemartert und zu Krüppeln geschlagen, Greise hin¬
gemordet, Frauen tierisch hingeschlachtet, junge Kinder und
zarte Säuglinge buchstäblich in Stücke, zerrissen.
Offenbar wollte das Tschinowniktum sich an den verhaßten
und verachteten Juden,, welche ihm die ganze russische Revo¬
lution auf den Hals gehetzt haben, gründlich rächen, um dem
Beispiel Simsons nachahmend, zusammen mit den Philistern
zu sterben. Daß die Herbstkrawalle des Jahres 1905 von
mächtiger Seite geplant, sorgfältig vorbereitet und in. Szene
gesetzt wurden, beweist schon der Umfang derselben, sowie ihr
fast gleichzeitiges Auftreten an zahlreichen, weit voneinander
entfernten Orten. . Schon Plehwe soll in seiner Wut die.Worte
ausgestoßen haben: „Ich werde, die russischei RevolUtion in
Strömen von jüdischem Blut ertränken!" Plehwe kam nicht