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mehr dazu, seine Drohung zu verwirklichen. Die RevolutioM
wußte, daß sie vor allem den Henker Rußlands beseitigen müM
wenn sie -nur die ersten Schritte gegen ihr weites Ziel mächetz^
soll. Plehwe wurde von der marschierenden Revolution zur^
Seite-geschleudert! Aber Plehwes Schüler.' leben noch und sie'
bemühten sich, noch im letzten Augenblick,, die russische Revolution
in Strömen von jüdischem Blut zu ertränken." Zn dieseH
Behuse wurden überall Räuberbanden organisiert, der PöbeH
systematisch gegen „Juden und Demokraten" gehetzt und detz
seit Monaten gedrillte Mob mit Aexter», finnischen Messern, jch
selbst mit Militärgewehren gut bewaffnet. Die auf die Juden
schließlich losgelaffene Meute wurden in vielen Orten von
Polizisten und Gendarmen offiziell geführt. Sie besaß sorg¬
fältig geführte Listen aller jüdischen Wohnungen, und Läden,'
so daß selbst vereinzelt in durchwegs von Christen bewohnten
Straßen gelegene jüdische Häuser von vormals nicht verfehlt
wurden. Andererseits wurden Christen, welche in über¬
völkerten jüdischen Mietskasernen wohnten, vom Pöbel sorg-
fällig geschont. Damit den Mördern ja kein Haar gekrümmt
werde, wurden sie von Kosaken und Soldaten geleitet, welche
alle sich zur Wehr setzenden Juden unter heftiges Gewehrfeuev
nahmen. Daß das Tschinowniktum bei der Plünderung auch
sich selber nicht vergaß, wird durch zahlreiche Beispiele doch
Polizisten und Gendarmen erhärtet, welche Uhren, Goldwarechi
Seidenstücke und Bargeldern übten und stahlen. - -
Glücklicherweise kam aber das Tschinowniktum mit seineE
verruchten Plane, die russische Revolution in Strömen jüdischem'
Bluts zu ertränken, ein wenig zu spät. Zwei Wochen vorhE
fand der gewaltige Eisenbahnerstreik statt, welcher den Zarem
Nötigte- Witte zum Ministerpräsidenten zu ernennen und Ruß^
land eine europäische Konstitution zu versprechen. Jetzt hatten!
die Judenpogrome eigentlich keinen Zweck mehr und die Strömy
von Blut sind vergebens vergossen worden. Wir sind über-^
zeugt, daß der Zar trotz aller Machinationen der ebenso!
dummen wie dreisten und frechen Kamarilla sein gegebenes^
Wort nicht mehr zurücknehmen wird.' Zu spät! Das Tschi-^
nowniktum ist tot, und selbst sein letztes großes Verbrechen, diej
Herbstkrawalle von 1905, werden es nicht mehr wieder ins!
Leben zurückrufen können. ?
Diese Krawalle selber haben trotz ihrer Furchtbarkeit einige!
erfreuliche Lichtblicke gezeigt. In erster Reihe haben sie den
gewaltigen Fortschritt bekundet, den das russische Volk in den
letzten zwölf Monaten gemacht hat. Ganz Polen, Litauen/
sowie die Ostseeprovinzen sind von den Krawallen fast völlig
verschont geblieben, und nur einige Kosakenmetzeleien, von denen
die Juden allerdings am schwersten betroffen wurden, sind da
zu verzeichnen gewesen. Hier, wo kompakte, um ihre Freiheit
kämpfende Nationalitäten wohnen, konnte die Polizei selbst
unter dem Mob nicht genug Räuber und Mörder dingen, um
mit Erfolg einen Krawall in Szene zu setzen. Nur in dem von
Griechen, Rumänen und sonstigem vaterlandslosen Gesindel
bewohnten Südrußland, sowie in dem von dem Gouverneur
Klingenberg regierten Gouvernement Mohilew vermochte die
Polizei unter dem Lumpenproletariat die nötige Anzahl
Gesindel aufzutreiben. Auch in Zentralrüßland konnte der
„Patriotismus" nur in den. wenig kultivierten Orten ziehen
und Krawalle gegen „Juden, Polen, Armeniern und sonstige
Feinde des weißen Zaren" zeitigen. In Moskau wurden, die
Krawallversuche im Keime erstickt. In Petersburg haben die
ehrbaren Arbeiter ein Verzeichnis der Mitglieder der schwarzen
Bande angelegt. In Charkow erklärten die Eisenbahnarbeiter
dem Gouverneur, beim leisesten Versuch zu- einem Judenkrawall
in die Stadt dringen und die Exze.denten mit bewaffneter Hand
Niederschlagen zu wollen. Und in Warschau wurden die Juden¬
hetzer vom/VoM-wie tolle Hunde erschlagen. Endlich wollen
wir zu ünserm eigenen Tröste und zum Tröste unsrer Leser
noch eine letzte lichtvolle Erscheinung hervppheben. Wir meistern,
die ausgedehnte undmächtige Organisation d^s jüdischen
Selbstschutzes. Während noch vor drei Jahren rn Mschinewdre
Juden sich vor den gegen sie andrräyAend.eN'.Baudw>^M;- Kellern-. v
und Bodenkammern verkrochen, wo sie von ihren Mördern,
einzeln abgeschlachtet wurden, während in Shitomir ein emziger
Christ, der -unvergeßliche Student Blinoff, sich offen dem
jüdischen Selbstschutz anschloß, kämpften in Kiew und Odessa,
in Bachmut, Rostow und zahlreichen anderen Orten, Hunderte
von Studenten und Arbeitern Schulter an Schulter mit der
jüdischen Verteidigung. Letztere war seit Shitomir so erstarkt,
daß in zahlreichen Fällen das Militär wie in einer offenen
Feldschtacht gegen sie mit Schnellfeuergeschützen Vorgehen mußte.
In vielen Orten konnte der Krawall von den Juden im
Keime erstickt werden, und wo dieses, wie in. Kiew, in
Odessa- usw. nicht mehr möglich war, haben wenigstens Hunderte
von Räubern ihre Raublust mit dem Leben bezahlen, müssen.
Wir sind überzeugt, daß die Herbstkrawalle von 1965 die
letzten Judenkrawalle in Rußland sein werden, daß das
Tschinowniktum, dieser einzige und große Feind der russischen
Juden, in einigen Jahren tot und begraben 'seirr^. jedenfalls
aber niemals mehr den Versuch wagen wird, „die russische
Revolution in Strömen von jüdischem Blut zu ertränken."
Nach diesen ausführlichen Vorbemerkungen wollen wir .
eine systematische Darstellung der einzelnen Vorgänge bringen,
'.die uns von einem genauen Sachkenner zugeht., .
' JudenkrawälleFanden in nachstehenden Gouvernements in
folgender Anzahl statt: In Bessarabien 6, Charkow 1, Cherson 11,
Jaroslaw 1, Jekatermoslaw 7, Kasan 1, Kiew 7, Kurland 1,
Kursk i, Minsk 1, Mohilew-3, Orel 2, Podolien 7, Poltawa 5,
Pskow 1, Riasan 1, Saratow 1, Smolensk 2, Taurien 7,
Tschernlgow l 3, Tomsk 3, Twerl, Wilna 2, Witebsk 3, Wladi¬
mir 2, Wolynien 1 und Woronesch 1.
1--6. Gouvernement Bessarabien. Die Krawalle in diesein Gou¬
vernement fanden zwischen 1. und 8. November statt. In Attuki, Acker--
man, Ismail, Ungeni nahmen sie keine großen Dimensionen an./
Dagegen wurde Kalaraschi vollständig eingeäschert. Furchtbar hat der
Pöbel in Kischinew gewütet, wo der Krawall am 1. und 2. November vor
sich ging. Noch liegen nähere Nachrichten nicht vor. Allein schon
diese genügen, um zu zeigen, welchen Umfang der Krawall diesmal
angenommen hatte. Die Banden gingen mordend und plündernd
von Haus zu Haus. Nachdem der Selbstschuh.niederkartätscht war, ver-
krochen sich die entwaffneten Juden aus Böden und in Kellern. Die
Zahl der Getöteten, 25 Inden und gegen 13 Christen, und der Ver¬
wundeten, 50 Juden und gegen 46 Hooligans, ist nicht so groß wie
im Jahre 1903. Dagegen nahm die Zerstörung des jüdischen Eigen¬
tums einen w.eit größeren Umfang als beim letzten Krawall an.
7. Gouvernement Charkow. In Charkow war der Krawall von
kurzer Dauer, da die Eisenbahnarbriter dem Gouverneur erklärt
hatten, falls er den Mob nicht zügelt, bewaffnet in die Stadt dringen
zu »vollen.
8—18. Gouvernement Cherson. Die Krawalle in diesem Gou¬
vernement spielten sich zwischen dem 31. Oktober und 4. November ab.
Ueber die Vorgänge in Ananjew, Mardarowka, Owidipol ündTiraspol
liegen nähere Nachrichten nicht vor. Das Städtchen Holta war der
Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Krawallen, indem der Pöbel, .
nachdem er mit Holta fertig war, einerseits nach Olwiopol, anderer¬
seits nach dem im Gouvernement Podolien gelegenen'Städtchen
Bogopol überging. Ganz Holta ist niedergebrannt, ebenso Olwiopol,
In Elisabethgrad begann der Krawall am 31. Oktober mit einer
patriotischen Manifestation. Nachdem der Pöbel sich durch einen
feierlichen Gottesdienst gestärkt hatte, ging er, von Kosaken geführt,
von Haus zu Haus und von Läden zu Laden, jeden Juden, der ihnen
in den Weg kam. niederschlagend und alles vor sich her demolierend.
209 -jüdische Häufen und sämtliche jüdische Läden sind .demoliert.