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zugreifen.. Sämtliche jüdische Häuser und Läden .wurden in Brand
gesteckt. .
27. Kasan. Auch in dem einige tausend Kilometer vom
Ansiedelungsrayon entfernten. Kasan fand am 4. und 5. November
ein Krawall statt. Zahlreiche jüdische Häuser sowie die Synagoge,
sind zertrümmert. Der Magistrat.. stellte, die Forderung aus, die
Kosaken zu entfernen und die Polizei zu entwaffnen. Darauf bildete
sich rasch eine städtische Miliz, welche die Ruhe vollkommen her¬
gestellt hat.
28. Kursk. In Kursk begann der Pöbel unter Vorantragung des
Zarenbildes und Absingung patriotischer Lieder am 1. November
gegen Abend die jüdischen Läden zu plündern und die Häuser zu
demolieren. Die Synagoge wurde zerstört und 14 Thorarollen" ent¬
wendet und geschändet. Polizei war nicht da. Die Kosaken haben
sich an der Plünderung beteiligt.
29. Kurland. Auch Riga hat während der schwarzen Woche schwer
gelitten. Am 3. November fand ein Zusammenstoß zwischen Juden
und Pöbel "statt, wobei die Kosaken auf die Juden eine Salve ab-
gaben. Am folgenden Tage überfielen von der Polizei ausgestachelte
Altgläubige die Juden auf der Straße. Letztere hatten 10 Tote und
25 Verwundete. Der Selbstschutz hat sich da vortrefflich bewährt.
30. bis 36. Kiew. Ueber die Vorgänge in Dimmer liegen nähere
Nachrichten nicht vor. Hostomol ging am 10. November in Flammen
aus. In Bjelotzerkow und Obuchow konnte der Krawall im Keime
erstickt werden. In Nowo-Tscherkask wurden am 1. November sämt¬
liche jüdische Häuser demoliert. In Uman brachen die Unruhen am
3. November aus. Der Selbstschutz griff rasch ein, wurde aber durch
drei Salven von den Kosaken vertrieben. Ueber den furchtbaren
Krawall in Kiew hat der Telegraph ausführliche Nachrichten gebracht.
Eingeleitet wurde er am 31. Oktober von mehreren Gruppen halb¬
wüchsiger Burschen, welche von erwachsenen Hooligans geleitet wurden,
mit dem Einwerfen der Fensterscheiben in den jüdischen Wohnungen
auf Podol. Als diese Taten völlig straflos blieben und der Pöbel
sich überzeugt hatte, daß die Polizei wirklich den Pogrom begünstigt,
griffen auch Erwachsene ein. Durch einen feierlichen Gottesdienst
gestärkt, zog die Menge unter Vorantragung des Zarenbildes durch
die Straßen, alle jüdischen Läden' und Häuser demolierend. Dabei
wurden auch die Redaktionen sämtlicher in Kiew erscheinenden liberalen
Blätter arg verwüstet, und ein Versuch des Selbstschutz, diese Redak¬
tionen zu verteidigen, wurde von den Kvsaken mit Gewehrsalven be¬
antwortet. . Bald griff der Krawall auch auf das von der Aristokratie
bewohnte Viertel Lipski über. Die Häuser von Brodsky, Halpern,
Alexander Brodsky, Baron Ginsburg, Epstein und anderen jüdischen
Millionären sind geplündert worden. Da der Sohn Alexander
Brodskys bei der Verteidigung seines Hauses einen Räuber erschossen
hatte, wurde die ganze Familie verhaftet. Das Haus wurde furcht¬
bar verwüstet, wobei auch alle Bücher und Dokumente der berühmten
Aktiengesellschaft für Zuckerindustrie „Alexandrowo" vernichtet wurden.
Alle Straßen mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung bieten den Anblick
einer eroberten Stadt. Die Fenster in den Häusern sind zertrümmert.
Die Straßen liegen voll von zerschlagenen Möbelstücken und Geschirr.
Die Handwerksschule sowie die jüdische Volksschule auf dem Podol
wurden geplündert und demoliert. Der Schaden wird auf 15 Millionen
Rubel taxiert. Die Zahl der Toten wird selbst offiziell mit 76, die der
Verwundeten mit 406 angegeben. Sie dürfte aber mindestens das
dreifache betragen. Zahlreiche Menschen nämlich wurden lebendig
in den Dnjeper geworfen, so daß sie spurlos verschwunden sind.
Wir freuen uns jedoch, mitteilen zu können, daß der aus dem
Homeler Krawallprozeß berühmt gewordene Rechtsanwalt Rainer,
dessen Tod von verschiedenen Blättern gemeldet wurde, am Leben ist.
Merkwürdig ist, daß diese ganze furchtbare Verheerung von kaum
100 Mördern und Räubern vollbracht wurde, welche imstande waren,
eine Stadt von 350000 Einwohnern, die von 25 000 Soldaten be¬
schützt war, vier Tage lang zu beherrschen. Aus dieser Tatsache geht
zur Evidenz hervor, daß der Krawall eben von der Polizei systematisch
organisiert worden ist, welche den Barfüßlern auch vier freie Tage
versprach. Schon am 1. November, dem zweiten Krawalltage, hat
der Rat der' Professoren an den Grasen Witte folgende Depesche ab¬
geschickt: „Die Stadt ertränkt in Blut. Das Militär ist wild. Die
schwarze Bat^>e geht um und schlachtet die Juden nieder. Im Namen
der allgemeinen Menschheit bitten wir Sie, dem Militär die Gewalt
zu entnehmen und die verstärkte Bewachung aufzuheben. Jede ver¬
säumte Stunde kann hunderte von Menschenleben kosten." Witte
befahl auch sofort telegraphisch, den Krawall mit allen Machtmitteln
niederzuschlagen. Allein das betreffende Telegramm wurde zwei Tage
lang in der Kanzlei des Generalgouverneurs zurückgehalten. Zum
großen Dank sind die Juden dem Leutnant Heide verpflichtet, der
zwei Salven auf den Pöbel abgeben ließ, infolge deren acht
Räuber getötet und zehn verwundet wurden. Diese Salven waren
ein Wink mit dem Zaunpfahl, sich zu entfernen. Die Eisenbahn¬
arbeiter haben beschlossen, die Entlassung aller Arbeiter, welche sich
am Krawall beteiligt haben, zu fordern. *
Polizei und Militär nahmen an der Plünderung lebhaften An¬
teil. In der Kaserne des Mirogoder Regimentes wurden später große
Massen geraubter Kostbarkeiten entdeckt. Bei einem Oberst wurden
am 4. November mehrere Seidenballen, zahlreiche Uhren und Gold¬
sachen gesunden. Wie leicht es war. dem Krawall in jedem Moment
Halt zu gebieten, beweist die Tatsache, daß einzelne den Juden
freundlich gesinnte Pristaws vermocht haben, allein und ohne jeden
Sukkurs ganze Häuserblocks vor Plünderung zu bewahren. Ein
inaktiver Offizier hat eine ganze Mietskaserne und ein Major mehrere
Häuserkomplexe verteidigt. Die Kiewer Zeitungen teilen mit, daß sie
Beweise in den Händen haben, wonach der Krawall von erfahrener
Hand längst organisiert war.
37. Minsk. Das Gouvernement Minsk ist ebenso wie alle
andern nicht in Südrußland gelegenen Provinzen des Ansiedlungs-
rayon von Pöbelexzessen verschont geblieben. Desto mörderischer
gingen in der Stadt Minsk die Kosaken vor, deren Mordlust am
31. Oktober in wenigen Minuten Dutzende von jüdischen Menschen¬
leben zum Opfer fielen. Au diesem Tage versammelten sich etwa
15000 Menschen auf dem Platze vor dem Bahnhöfe zu einem großen
Meeting, um die durch das Zarenmanifest geschaffene neue Lage zu
besprechen. Auf dein Rückwege von der Versammlung wurde die
Menge plötzlich mit Salven eiupfangen, welche acht Minuten währten,
während gleichzeitig Schutzleute und Hooligans auf die Fliehenden
mit Revolvern schossen. Die Zahl der Opfer wird offiziell auf 50
Tote und 100 Verwundete beziffert. In der Wirklichkeit ist die Zahl
der Toten und Verwundeten weit größer, nämlich 100 Tote,
darunter 49 Juden und 300 Verwundete, darunter 64 Juden. Eine
andere Version gibt die Zahl der Toten aus 170 und die der Ver¬
wundeten auf 200 an. Unter anderen fiel auch Rechtsanwalt Entis,
der vom Schutzmann Nr. 40 kaltblütig erschossen wurde. Als
Antwort aus die Metzeleien brach am zweiten Tage der Generalstreik
aus. Die Streikenden forderten die Absetzung des Gouverneurs, des
Militärkommandanten und sämtlicher Polizeibeamten, die Entfernung
der Kosaken und Entschädigung der Familien der Ermordeten durch
den Staat. Gleichzeitig begab sich eine Deputation nach Petersburg,
um dem Grasen Witte die Wünsche des Volkes vorzulegen. Witte
hat erklärt, alle Schuldigen sollen bestraft werden. Jedenfalls aber
habe sich der Gouverneur Knrloff unmöglich gemacht. Den Mitteilungen
der lokalen Behörden über die Vorgänge wird von den Blättern die
Aufnahme verweigert. Herr Gouverneur Kurloff wollte nämlich
gern eine Geschichte mit einem Karoussel a la Kischinew oder einem
Hering ä la Homel in die Welt setzen. Die Zeitungen weigern sich
jedoch, bei der Züchtung solcher Enten mitzuwirken.
38 -40. Mohilew. Das Gouvernement Mohilew liegt zwar nicht
in dem von der Flutwelle von Krawallen überschwemmten Süd¬
rußland, dafür steht es aber unter dem Regime des berüchtigten
Klingenberg, und es wäre daher merkwürdig, wenn dieser blut¬
triefende Tyrann an dem von dem Tschinowniktunr geschmiedeten
Komplott gegen die jüdischen Vorkämpfer der Revolution sich nicht
beteiligt hätte. In der Tat fanden auch in drei Orten des Gouver¬
nements Mohilew größere und kleinere Krawalle statt. Ueber den
Krawall in Klimowitsch liegen nähere Nachrichten nicht vor. In
Nebschitza wurde der Krawall vom Polizeichef organisiert, der den
Pöbel mit Gewehren versah. Die ganze Stadt ist ausgeplündert.
30 Mitglieder des Homeler Selbstschutz, welche ihren Glaubensgenossen
zu Hilfe eilen wollten, gerieten in einen Hinterhalt und wurden
durch Gewehrschüsse völlig aufgerieben. Neun wurden sofort getötet
und 21 schwer verwundet. Auch in Orscha ist der Krawall vom