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werden immer arme Juden erschlagen oder wenigstens ans¬
geplündert oder -gestoßen nnd angespien. Wenn man lebt
in Rußland und ist arm, ist man das gewohnt. Wir sind
doch reich, wir Juden, Lauter Rothschilds. Und auf der
ganzen Welt gibt es nicht so viele Bettler als es gibt jüdische
Bettler in Rußland."
„Wie sind Sie hierher geko mmen?"
„Wie kommt ein Bettler? -Haben Sie gehört von
Kischinew? Ich hab'gehäbt ein Geschäft, ein eigenes Geschäft.
Das ist geworden ausgeraubt und angezündet. Und mein
Vater . . . und mein Weib . . . nnd mein Kind . . . mein
einziges Kind, meine schöne Fradele . . . Und mein rechter Arm
ist seither steif, und ich kann ihn nicht bewegen und kann nicht
arbeiten. Und mein Verstand ist, glaub' ich, nicht in der
Ordnung. Und wie ich Hab' alle begraben gehabt, Hab ich
mich durchgebettelt nach. Galizien. Dort Hab' ich gebettelt
Monate lang, dann hat man mich eingesperrt und aus¬
gewiesen, denn ich Hab keine Zuständigkeit gehabt. Und ich
Hab' gebettelt bis hierher. Und jetzt verkauf' ich Schuh¬
schnüre. Zwei Stück nur fünf Pfennige. Gute, starke Schuh¬
schnüre. Im Geschäft kriegen Sie sie nicht so billig." '
„Und wenn Sie lange Zeit gebettelt haben, warum haben
Sie vorhin den Nickel nicht genommen, den ich Ihnen geboten
habe?"
„Bettle ich jetzt? Ich verkaufe Schnhschnüre. Manchen
Tag verkaufe ich sechzig Paar. Wenn ich kann verdienen,
bettle ick nicht. Gute Nacht, Herr."
„Herr Kotschewski!"
„Was will der Herr?"
„Wollen Sie mir nicht die Hand reicheil zum Abschied ?"
Er reichte mir zögernd die Hand.
„Gute Nacht, Herr!"
„Güte Nacht, Herr Kotschewski. Und nehmen Sie hier
■ meine Adresse. Vielleicht brauchen Sie einmal einen Freund."
Aber ich sprach die Worte in die Luft. Er war bereits
davongegangen, langsam, mit gesenktem Haupt, ein Träumer.
Aus mrinrm Leben.
Von Professor Dr. H. Steinthal s. A?)
ls ich nach Quarta kam, fragte mich ein Tertianer:
„Verstehst Du (inner ?" Ich wußte so viel französisch,
wie irgend ein Knabe meiner Klasse, aher knmer kannte ich nicht.
Ich ließ mich nicht verführen.
In Sekunda fing ich an, weil ich Rabbiner werden wollte.
Talmud zu studieren; es geschah in dreimal wöchentlich ein¬
einhalb Stunden. Das war harte Arbeit, nicht nur für mich,
sondern auch für meinen alten Lehrer, und für ihn sogar noch
in höherem Grade. Mitten in der Stunde unterbrach er den
Unterricht, indem er eine Prise nahm und auch mir eine aubot.
„Das klärt den Kopf", sagte er. Ich nahm auch eine, nnd
nachdem wir beide herzhaft geniest, ging es frisch weiter.
- Als ich in Oberprima war und im 19. Jahre meines
Lebens, sagte der Mann, bei dein ich in Kost war, und der
mich sehr lieb hatte: „Ein Primaner ist ein halber Student,
und Du wirst bald ein ganzer. Du mußt rauchen lernen.
Hier hast Du eine Zigarre, zünde sie an und rauche." Das
tat ich, aber meine Cousine, die dies mit ansah, lachte laut
auf.. Ich hatte nämlich gehört, man dürfe den Rauch nicht
9 Die obige Skizze fand sich im Nachlasse des sel. Steinthat.
Sie wird unfern Lesern sicher eine schöne Erinnerung sein an den
. teuren Mann, dessen Worten sic so oft gelauscht. Die Red.
hinter schlucken, das sei gefährlich, und ich wollte der Gefahr
entgehen. Also zog ich stark ein nnd sperrte dann den Mund
auf und hauchte mit aller Kraft den Rauch aus. „Nicht aus¬
hauchen, ausblasen!" sagte mein braver, lieber Kostherr. So
lernte ich kunstgemäß rauchen, und er gab mir von. Zeit zu
Zeit wieder eine Zigarre.
Als ich aber Student war, machte ich Zeichen auf meinem
Brote, wieviel ich täglich davon essen dürfte, um die vor¬
bestimmte Zeit damit zu reichen, und um es nicht trocken zu
offen, aß ich eine Mohrrübe dazu. Da blieb mir kein Pfennig
zu Tabak und Bier; aber Freunde und Gönner präsentierten
mir bei Gelegenheit eine Zigarre und ich verlernte mein Rauchen
nicht.
So kam mein dreißigster Geburtstag heran, ich war
unterdes schon Privatdozent geworden, da brachte mir ein
Freund eine lange Pfeife und ein Päckchen Bahia. Nun ward
ich ein regelmäßiger Raucher.
Ein Jahr später unternahm ich' eine Reise nach Paris.
Das war damals, obwohl die Eisenbahn fertig war, doch
immer noch ein Unternehmen. Von hier nach Köln fuhr man
eine Nacht und einen Tag, volle 24 Stunden, und ich natürlich
in der dritten Klasse, dann kam Brüssel und endlich Paris.
Ich befand mich in der tiefen Wehmut eines jungen Mannes,
der zum erstenmal den Kreis von Freunden und Verwandten
verläßt, in die Welt hinansfährt ohne zwingenden Grund, nur
um zu erfahren, wie es dort aussieht, mit dem erschreckenden
Gedanken, daß man sogar im Anslande sitzen bleiben könnte,
da die Aussichten im Vaterlande doch gar zu trübe seien. Ich
stieg in Paris in einem Hotel garni ab; es lag in einer Straße,
die nicht mehr besteht. Wie ganz anders, wie trübselig sah
das Zimmer aus gegen das, welches ich in Berlin bewohnte!
Das war zwar nur eine Dachstube, aber hellblau getüncht und'
in der Bellevuestraße, das Fenster aus die Kastanien! Das
Haus steht freilich auch nicht mehr. Sogleich nach der Ankunft,
nachdem ich von einem Polsterstuhl Besitz genommen hatte
(dem einzigen Polstermöbel des Stübchens, in Berlin hatte ich
doch ein Sofa mit einer blendend weißen gehäkelten Decke),
bat ich den Wirt um ein Glas Wasser. Er brachte mir eins,
das er vor meinen Augen aus einer Flasche eingoß. Das
Wasser war lau und abgestanden. Wir lebten damals Anfangs
Juli. Ich sagte, er möchte mir de l’eau fraiche geben. (In
. Berlin trank man damals noch kühlstes Brunnenwasser.) Der
Mann sah mich verwundert an und sagte: eile est fraiche, eile
n*est pas cuite. Schon gut, schon gut, dachte ich; man hat
mich ja vor dem Pariser Wasser gewarnt.
Dies erzähle ich aber blos, um dem Leser recht lebendig
die Stimmung vorzusühren, in der ich mich in jener Stunde
befand. Und das Schlimmste habe ich noch nicht erwähnt,
das war aber folgendes. In Berlin hatten doch alle Stuben,
die ich inne gehabt hatte, weiße Holz dielen. In Paris war
das Zimmer mit Ziegelsteinen gepflastert, wie in Deutschland
der Hausflur!
In solcher Stimmung nun suchte ich Trost. In meinem
Koffer tag meine Pfeife und noch die Hälfte des Päckchens
Bahia. Die holte ich nun 'hervor. Seit vier Tagen sunter-
wegs, hatte ich nicht geraucht. Wie wird das schmecken! —
Wie gesagt, es war die heißeste Zeit; des Weichselrohr hatte
sich wohl in der Hitze etwas zusammengezog'en, es steckte nicht
fest im Porzellanenen Abguß, und eben wie ich den brennenden
Fidibus heranbringe, füllt jener ab und der Kops aus dem
vermaledeiten Pflaster liegt in Scherben — o Jammer! Welch
ein Vorzeichen für die kommenden Tage!
Und das Geschick erfüllte sich; in den folgenden drei
Jahren habe ich weder eine Pfeife, noch Bahia, noch eine