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Die Nacht machte gut, was der Tag an ihr verschuldete.
Die Nacht- die Königin der Geächteten, legte ihr heimliche
Diademe aufs Kissen. :
Eines Abends mußte sie vor einem Mahl den Gästen die
Füße , waschen. Ein Fürstensohn, der an der Tafel lagerte,
verschüttete bei ihrem Nahen den Inhalt des Kelches, aus
deiner dem Sabbat Willkommen trinken wollte. : . .
Sie neigte sich demütig auf die Füße des Gastes. Die
Herrin winkte erzürnt, daß sie hinausgehe.
„Sie ist wie der Abendstern," stammelte er. „Woher hast
Du sie?"
„Mein Bruder hat sie vom Weg aufgqlesen." Thirzas
Augen funkelten vor Zorn. „Sie ist häßlich wie eine Kröte.
Hager und knochig."
Die Männer nickten mechanisch. „Hager und knochig."
Sie waren auf einmal versonnen geworden.
Draußen erklang e§ wie ; von hundert Glöckchen.. Eine
Karawane zog vorüber. Der junge Fürst sprang auf,, um
hinauszusehen.
Einer, auf dem Thirzas blaue Augen befehlend geruht
hatten, ging ihm nach. •
Der Fürst kam nicht wieder. Auch Lo-Ruhama nicht.
Des Fürsten.Haupt fand man hundert Schritte unterhalb des
Brunnens.
Der, auf dem die blauen Augen geruht hatten> hatte Lo-
Ruhama hart an der Hand gefaßt. Er fah sie an. Er hatte
sie noch nie angesehen. Seine Brauen rückten näher zu¬
sammen. Etwas Kaltes strich über seinen Rücken hin. Dann
stieß 'w sie von sich. .
Er hatte einmal in Aegypten drüben, in einem Tempel
gebetet. Sie trug das Antlitz der Göttin dort. Feierlich,
hehr, fremd, ein sonderbares Glänzen auf der niederen
Stirn.
Er ging zu der Blauäugigen hinein und sagte trotzig: „Die
nicht. Sie hat einen mächtigen Geist in sich.' Entlasse sie
gütlich. Verdirb Dir's nicht mit ihr."
Thirza sagte rauh: „Dann wenigstens nicht zu meinem
Schaden. Ich habe viel in sie hineingefüttert. Suck/ sie mir
zu verkaufen."
Er Preßte die Lippen aufeinander. .
Er schlief die ganze Nacht nicht. Wenn ich wüßte, wer sie
ist, woher sie kommt. In jenem Stamm nämlich fragte man
nicht nach dem Menschen selbst, sondern nach dem, was sein
Vater gewesen war. Da aber Lo-Nuhamas Herkunft in
Dunkel gehüllt war, kamen nur Gedanken des Mißtrauens
gegen sie auf. Sie muß fort, dachte er, sie macht mich un-^
ruhig, aber töten will ich sie nicht.
Er schickte sie zu seiner Muhme, drei Meilen weit von
hier. Die Muhme litt am Aussatz. Lo-Ruhama sollte sie
pflegen. Als die Muhme Lo-Ruhamas Augen auf sich ruhen
fühlte, brüllte sie vor Zorn und befahl ihr, sofort zu gehen.
Doch fand sie ein anderes Unterkommen im Ort. Eine blinde
Frau nahm sie auf. Lo-Ruhama tat still alles, was man
verlangte. Sie kochte, wusch und scheuerte und badete, tyw
Herrin.
„Bist Du wirklich so häßlich?" fragte einmal ; die Frau.
„Mein Mann erzählt mir. Du seiest das häßlichste Geschöpf,
das er je gesehen habe."
„Ich weiß es nicht." Die weiche Stimme der Magd klang
traurig. „Ick, bin eine heimatlose Waise. Niemand hat mir
noch ein gutes Wort gesagt, deshalb bin. ich wohl so
häßlich." :
Die an der Blauäugigen Gastmahl sie „hager und knochig"
gefunden hatten, kamen herüber und suchten ihr zu begegnen,
wenn sie aüsgiug:
Und sie vergaßen, das Wort auf den Lippen auszusprecheri.
wenn Lo-Ruhama an ihnen vörbeischritt.- Nicht daß sie'ihnen
gefallen hätte, sie glotzten sie nur an und ließen sich von
fremden Schauern durchrütteln. '
Wenn man wüßte, wer ihr Väter war. Einer aus einem
anderen Stamm zuckte die Schultern. Bei ihm fragte man
nicht, wer ist der Vater, sondern wieviele hundert Hammel
hat der Vater, um jemandes Wert danach zu bemessen?
Hatte sie einen Vater? Wo war- er? Wieviel Hammel
hatte er? '
Lo-Ruhama senkte kindlich die Augen vor den forschenden
Blicken der Männer.
Sie zog das Tuch tiefer ins Gesicht.
Sie hatte langes, dichtes Haupthaar, aus dessen Schwarz
Purpur glomm. Sie schämte sich seiner Fülle, seiner Farbe
und verbarg es.
Aber einer, der durch die Luke ihres Kämmerleins lugte,
sah es einmal in seiner Schönheit prangen und erzählte es
den anderen. Aehnliches sah ich nie, , fügte er hinzu. Er lauerte
ihr auf und umklammerte ihre Hände.
- „Ich kann Dich zertreten, wenn ich will, kein Hündlein
wird nach Dir rufen."
„Gewiß kannst Du das," ihre Stimme klang unendlich
sanft, „kein Hündlein wird nach mir rufen." Sie richtete die
Augen ruhig aus ihn.
„Wie viele hast Du schon gehabt?" zischte er, „ge-
fteiy es."
„Du sagst ja selbst, daß kein Hündlein nach mir ruft,"
erwiderte,sie mild. , —
’ ;j Ihm war es, als ob die Lust ringsum weinte.
„Wer bist Du denn nur, weißt Du nichts über Deine
Herkunft?"
„Nichts."
Am Brunnen riß einer ihr das Tuch vom Kopfe.
So also sah ihr Haar aus.
„Du gleichst einer Besessenen."
Sie zog ihr Tuch wieder hoch.
„Ich lege niemand etwas in. den Weg und tue meinen
Dienst." .
„Weshalb bist Du anders als alle anderen Weiber," herrscht
sie einer an.
Sie erhebt die Augen nicht vom Boden und schweigt.
Schnee, vom Libanon ist heiß im Vergleich zu ihr; Tauben
gleichen zornigen Schlangen neben ihr; Geheimnisse verblassen
vor dem Geheimnis, das sie selbst ist.
„Töten wir sie," sagten die Männer des Ortes, „sie macht
uns unruhig."
Etwa drei folgten ihr, als sie an den Bach ging um zu
waschen.
Der eine sah sie anund begann zu weinen. Der Zweite
umfaßte sein Amulett und überlegte die Rede, die er an sie
richten wollte.
Der Dritte zögerte, unschlüssig, was er tun sollte.
Dann trat er zu ihr und warf einen Strick um sie.
~ „Ich hübe mit Deiner Herrin geredet, folge mir in mein
Haus."
, Es war der, der ihr früher das Leben geschenkt hatte.
Sie richtete sich aus ihrer gebückten Stellung auf.
„Soll ich die Wäsche noch fertig machen?"
. . Er wehrte: „Laß sie stehen."