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73. Jahrgang. Nr. 4$.
Berlin, 26. November 1909.
Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
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Zur Frauenfrage. — Die W o che. — Fr. Gernsheim: Mirjam.
*J IUJmU* _ Briese von Selig Paulus Cassel. Mitgeteilt von M. Zu ck er¬
mann-Hann oder. — Zu dem Opferdienst in Israel. Von N. Brettholz. —
Aus dem Wiener Ghetto. Von Hermann Menkes. — Feuilleton:
Lo-Ruhama. Von Maria Janitschek. — Katharina Wejgiel. Von
Dr^ Julius Reimer. — Sprechsaal.
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falen, Bamberg, New York. — Von Nah und Fern.
Zur Frsuenkrsgr.
Berlin, 23. November.
3 n der ordentlichen evangelischen Generalsynode wurde
am 4. November die Petition des Deutsch-evangelischen
Frauenbundes (Sitz in Hannover) um Eingliederung der Frau
in die verfassungsmäßige Gestaltung der Kirche eingebracht.
„Berichterstatter Syn. Hofprediger Rogge (Potsdam) hebt hervor,
daß die Petition von 37 preußischen Ortsgruppen herrührt.
Eine kirchlich geordnete Mitarbeit der Frauen in der Armen-,
Kranken- und Waisenpflege, in der Fürsorgeerziehung und in
anderen Aufgaben des kirchlichen Gemeindelebens müsse den
.Gemeinden zum Segen gereichen und müsse dankbar begrüßt
werden. Zu solcher Mitarbeit bieten 8 17 der Kirchengemeinde-
und Synodalordnung und § 14 k der rheinisch-westfälischen
Kirchenordnung die verfassungsmäßige Grundlage. Der Bericht¬
erstatter empfiehlt der Generalsynode folgende Beschlußfassung:
„Diese Angelegenheit dem Ev. O.-K.-R. mit dem Ersuchen zu
übergeben, die Gemeindekirchenräte anzuregen, von dem ihnen
zustehenden Rechte, sich für gewisse Aufgaben des kirchlichen
Gemeindelebens Hilfskräfte aus der Gemeinde beizuordnen, in
geeigneten Fällen auch durch Heranziehung von Frauen zur
Mitarbeit an. diesen Aufgaben Gebrauch zu machen, auch die
Darbietung von etwa erforderlich oder zweckmäßig er¬
scheinenden Richtlinien an die Gemeindekirchenräte in Erwägung
zu ziehen." . Berichterstatter Hofprediger D. Rogge betont u. a.,
daß man den christlich gesinnten Frauen — denn um solche
handele es sich — soweit als möglich Entgegenkommen sollte,
da die Mitarbeit der Frauen auf den oben angegebenen Ge¬
bietes ^außerordentlich erwünscht sei. Die Petenten dürfen
aber-darüber nicht zweifelhaft sein, daß in der gegenwärtigen
Zusammensetzung der Generalsynode keine Aussicht für sie
vorhanden ist, daß ihre weitergehenden Wünsche bei ihr Wider¬
hall finden."
Dieser Passus, der in der „Bossischen Zeitung" vom 5. No¬
vember stand, gibt auch uns zu denken. Wir haben keine
Generalsynode und glücklicherweise auch keinen Oberkirchenrat.
Die Angelegenheit, die von jener befürwortet wurde, und von
diesem vermutlich abgelehnt wird, muß über kurz oder lang
uach uns beschäftigen.
I.
Wenn ich in meiner ersten Ansprache an die Leser her¬
vorhob: wir wollen das bevorzugen, was uns eint, nicht das,
was uns trennt, so darf ich wohl die Frauenfrage zu dem
Einenden rechnen. In bezug auf Ehegesetze mögen wir streiten.
Mir wurde neulich ein Fall aus Wien berichtet, der mich
schaudern machte. Eine verwitwete Dame, die in ihrer ersten
Ehe ein Kind gehabt hatte, das vor einigen Jahren starb
wollte sich wieder verheiraten. Die zwei Brüder ihres ver¬
storbenen Mannes sind längst verheiratet. Trotzdem verweigerte
der Rabbiner die Vollziehung der Trauung, weil die Braut
es ableynte, die Chaliza-Erklärung der Brüder ihres Mannes
einzuholen.' Das junge Paar mußte sich mit einer sogenannten
Notzivilehe begnügen. Das ist für mein Gefühl ein haar¬
sträubender Fall, und ich kann es kaum glauben, daß viele
Rabbiner so vorgegangen wären wie ihr Wiener Kollege.
Aber abgesehen von den Ehegesetzen und von äußerlichen
Vorschriften, wie das Tragen eines falschen Scheitels seitens
der Ehefrauen und ähnliches, herrscht wohl in den verschiedensten
Lagern darüber Einigkeit,'daß die Frauen nicht die Beachtung
finden, die sie verdienen. Bei Denkenden und Fühlenden ist
die ehemals übliche Verachtung des Weibes gewichen. Wer
noch im Morgengebete Gott dankt, daß er ihn nicht zum
Weibe geschaffen, der verbindet wohl mit diesem Satze keine
Geringschätzung, sondern wenn er sich bei den Worten über¬
haupt etwas denkt- so stellt er sich nur mit Freuden vor, daß
er von allen körperlichen und seelischen Leiden des Weibes
befreit ist. Selbst die äußerlich frömmsten Juden gewähren
der Gefährtin ihres Lebens, der Mutter ihrer Kinder eine
würdige Stellung, wie in ihrem Herzen, so in ihrem Hause.
Und die wenigsten haben gewiß etwas dagegen, daß die
Frauen sich auch im Leben betätigen. Ein großer Wirkungs¬
kreis hat sich ihnen geöffnet. Zunächst das Studium.
Unter den jungen Damen, die sich durch Vorbereitung auf
dem Gymnasium, durch Bestehen des Abiturientenexamens
zum Besuch der Universität vorbereiten, befinden sich ebensoviel
Jüdinnen, wie unter den vielen Hunderten, die auf Grund
des Nachweises allgemeiner Bildung oder ohne solchen Nach¬
weis, die Hörsäle beliebter Dozenten füllen. So wenig ich
gegen eine solche Beschäftigung einzuwenden habe, so fürchte
ich hier ein geistiges und materielles Proletariat: Ein geistiges,
denn manche Damen aus besseren Ständen machen die Sache
mehr als Mode mit, denn aus wirklichem Eifer, und es kann
leicht kommen, daß viele, die die Studien in der Mitte ab¬
brechen und einige, die es bis zum Doktor bringen, und dann
schließlich heiraten, oder doch keine Neigung empfinden, einem
schlecht , bezahlten Berufe sich zu widmen und keine Befähigung