Seite
besitzen, Privatstudien zeitlebens zu treiben) im Grunde
nichts weiter sind, als Trägerinnen eines Titels, die sich
durch nichts anderes als durch, die leere Bezeichnung voH
ihren Schwestern unterscheiden. Ein materielles Proletariat,
denn die Damen aus ärmeren Ständen -werdM, wenn nicht
unsere Gesetzgebung- eine ganz andere wird, schließlich fast
noch hilfloser sein, als viele Männer. Nicht alle können
Aerztinnen werden, nicht alle Lehrerinnen — wo sollen z. B.
jüdische Oberlehrerinnen hin? — der Richter- und Ver¬
waltungsdienst bleibt ihnen für absehbare Zeit verschloffen,
und es dürfte über kurz oder lang gerade für diese Damen,
die etwas gelernt haben und es betätigen wollen, ein viel
schlimmeres Elend heranziehen, als für die, die sich bisher
mit einer geringeren Bildung begnügten und doch nicht vor¬
wärts kamen.
Eine andere Tätigkeit jüdischer Frauen wird von vielen
Männern geduldet, ja gefördert: der freiwillige Dienst in
Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsvereinen. Man kann,
hierfür auf leuchtende Vorbilder Hinweisen: auf Henriette
Goldschmidt in Leipzig, eine der ersten Vorkämpferinnen der
Bildungsbestrebungen, aus Frau Lina Morgenstern in Berlin,
die Begründerin der Volksküchen und des Hausfrauenvereins,
rund auf viele andere ausgezeichnete Frauen, die nicht nur mit
Feder und Wort ungemein tätig waren und sind, sondern
ihre gesamte Arbeitskraft den von ihnen gegründeten In¬
stitutionen jahrzehntelang gewidmet haben. Es gibt — glück¬
licherweise — in Berlin noch viele allgemeine Wohlfahrts- und
Ünterstützungsvereine; Hauspflege, Letteverein, Unterrichts¬
und Erziehungsanstalten, wohltätige Gesellschaften, in denen
jüdische Damen mit christlichen Zusammenwirken, es gibt gar
manche unverheiratete, viele verheiratete Frauen, die ohne
ihre Pflichten als Töchter oder als Gattinen und Mütter zu
vernachlässigen, allgemeinen Angelegenheiten sich widmen.
Und neben solchen nichtjüdischen Institutionen, in denen
jüdische Damen mittätig sind, gibt es in den meisten kleinen
Städten, um wieviel mehr in dem großen Berlin, zahlreiche
rein jüdische Frauen- und Jungsrauenvereine zur Belehrung,
Unterhaltung, Armenunterstützung, Kindergärten und ähnliche
Anstalten.
Eine solche Einrichtung braucht nicht empfohlen zuwerden,
da sie schon segensreich besteht. Eher wäre ihre Beschränkung
anzuraten, als ihre Vermehrung, denn ich für meine Person
gestehe offen, daß ich solche Sonderung nach Konfessionen in Wohl¬
tätigkeitsdingen nicht liebe. So sehr ich die Chanukabescherung
für empfehlenswert halte, so betrachte ich jüdische Kinder¬
gärten, Ferienkolonien eher für ein Uebel, als für einen Vor¬
teil, weil durch solche Einrichtungen eine Trennung nach Kon¬
fessionen schon in einem Lebensalter hervorgerufen wird, dem
sie besser noch erspart, bliebe.
Woraus aber hingewiesen, was durchaus gefordert werden
muß: das ist die Betätigung der Frauen in der
Gemeinde.
Ein kleiner Anfang dazu ist gemacht: im Armenwesen ist
den Frauen eine kleine Rolle zugebilligt worden; auch in der
Fürsorge sind Damen eifrig und erfolgreich tätig. Sonst
aber stehen die Frauen noch vollkommen abseits. In dieser
Beziehung ist die Stadt Berlin weiter, als die jüdische
Gemeinde Berlin. Die „Vosstsche Zeitung" vom 5. November
abends meldete, von einer Fürsorgedame im Berliner
Polizeipräsidium, die bei dem Jugendgericht, bei den Vereinen
von Amtswegen zu tun hat und die für die Vermittlung
zwischen Behörde, und Vereinen im Polizeipräsidium täglich
zwei Stunden lang Sprechstunde hält.
! Kann ; bjte Gemeinde nicht dieses löbliche Beispiel nach¬
ahmen? Wir besaßen und besitzen wohl noch Ehre'ndamen in
unseren Waisenhäusern und in der Mädchenschule- (bei der
Neueinrichtung unseres Krankenhauses soll diese Einrichtung
leider abgeschafft werden), diese Damen haben über aus¬
schließlich eine private, keine öffentliche Stellung: ich
persönlich habe, obwohl ich bald zwei Jahrzehnte Mitglied des
Schulvorstandes bin, noch nieckals eine dieser Ehrendamen
amtieren gesehen; mit der Verwaltung der Schule baben
sie nichts zu tun, an Beratungen über irgendwelche von der
Gemeinde abhängigen Einrichtungen nehmen sie keinen Teil.
Muß dies so bleiben?
Wir haben an der Mädchenschule eine Anzahl fest¬
angestellter Lehrerinnen, manche Hilfskräfte, viele Hospitan-
tinnen, wir besitzen einen Vorbereitungskursus für junge
Damen, die sich dem Berus als Religionslehrerin widmen
wollen, wir haben an unseren Gemeindereligionsschulen schon
. manche junge Mädchen angestellt, teils solche, die in dieser
Vorbereitungsanstalt ausgebildet sind, teils solche, die ihre
Bildung anderwärts gewonnen haben. (Ich sage absichtlich
,Mädchen", denn bei der Verheiratung solcher Lehrerinnen
hört die Anstellung im allgemeinen auf, Ausnahmen, die man
von dieser Regel macht, haben keinen glänzenden Erfolg.)
Wäre es für alle diese Lehrerinnen und Anwärterinnen
nicht äußerst vorteilhaft, wenn sie. die sich gewiß weder über
den Direktor noch über die Mitglieder des Schulvorstandes
irgendwie zu beklagen haben, sondern allen Grund besitzen,
die treue Sorge des einen und die rastlose Arbeit der anderen
anzuerkennen, wenn sie sich gelegentlich an eine Dame als
Vorgesetzte wenden könnten? Es kommen gewiß Fälle vor,
wo Geschlechtsgenossinnen eher in der Lage sind, einen Rat
zu erteilen oder durch Zuspruch einen augenblicklichen Trost
zu gewähren.
Ich würde es daher nicht nur für kein Unglück, sondern
geradezu für ein Glück halten, wenn eine feinsinnige, edel-,
denkende, gebildete, vielleicht: sogar studierte Dame — obgleich
auf das letztere das Hauptgewicht nicht zu legen ist -- Mit¬
glied des Schulvorstandes würde. Sie würde nicht nur
bei persönlichen Angelegenheiten der Lehrerinnen.^ sondern auch
bei technischen und pädagogischen Fragen reichen Anlaß zur
Betätigung ihrer Kraft finden.
Auch im Armen- und Fürsorgedienst könnte den
Frauen ein weit größerer Wirkungskreis zugewiesen werden.
Wie bei der Zentrale für soziale Fürsorge (der ehemaligen
Auskunftsstelle für ethische Kultur) gar manche jüdische Frauen
und Mädchen — deren Tätigkeit ich in keiner Weife beschränken
will, sondern wie oben ausgeführt, als Zeugnis gemeinsamen
Wirkens beider Konfessionen für höchst ersprießlich, ja not¬
wendig halte — in die Häuser selbst entlegener Stadtteile
gehen, um Recherchen zu machen, so könnte eine ähnliche Ein¬
richtung gerade im jüdischen Armendienst von außerordent¬
lichstem Nutzen sein. Schriftliche Bittgesuche, persönliche Vor¬
stellungen, namentlich verschämter Armen, bei den überlasteten
Mitgliedern, hauptsächlich der Großgemeinden, haben nicht immer
den Nutzen, den sie haben sollen. Wenn Frauen dagegen selbst
in die Häuser gingen, Frauen, die in diesen Dingen viel schärfer
sehen als Männer, und denen, namentlich von feiten der
armen Frauen viel mehr anvertraut, weit eher das richtige
offenbart, wird, als den Männern, wenn sie sich überzeugen
könnten, ob die schriftlichen Angaben zutreffend sind, wenn sie
zu untersuchen vermöchten, auf welche Weise geholfen werden
kann, so würden sie vielleicht imstande sein- eine rationellere
Verteilung der Almosen vorzunehmen, so würden sie vermutlich