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Sprechsml.
Berlin, 27. Dezember 1909.
Hochgeehrte Redaktion!
er von Ihnen in Nr. 52 Ihres geschätzten Blattes gebrachte
Bericht über unsere Versammlung in Leipzig entstammt den
»Leipziger Neuesten Nachrichten" und wir sind an der Fassung dieses
Berichts völlig unbeteiligt. Dieser Bericht hat Herrn Dr. Porges in
Leipzig veranlaßt, Ihnen ein Schreiben zu senden, in dem er sagt,
in dem Bericht über die Propagandaversammlung des Hilfsvereines
der deutschen Juden in Leipzig waren seine Aeußerungen nicht ent¬
halten gewesen, die dahin gingen: „In nicht mißzuverstehender Weise
schweren grundsätzlichen Bedenken Ausdruck zu geben hinsichtlich der
derzeitigen Art der Durchführung des Schulprogramms (des Hilfs¬
vereins der deutschen Juden), die er mit dem ursprünglichen deutschen
Programm für keineswegs vereinbar halte."
Diese Bemerkung, die den Anschein erwecken soll, als ' abe der
Hilfsverein der deutschen Juden es aufgegeben, an den geeigneten
Stellen im Orient deutsche Sprache und deutsche Kultur zu fördern,
darf nicht unwidersprochen bleiben.
Ueber das Vorgehen des Herrn Dr. Porges muß zunächst das
Folgende festgestellt werden:
Herr Dr. Porges bekleidete, auch nachdem er aus dem Orient
als Delegierter der .Alliance Israelite Universelle zurückgekehrt war,
das Amt eines stellvertretenden Vorsitzenden des Leipziger Lokal¬
komitees des Hilfsvereins der deutschen Juden, und er fühlte sich
nicht veranlaßt, seine Wahrnehmungen, die er im Orient ge¬
macht haben will, und die ihn. zu seiner jetzigen Stellung¬
nahme veranlassen, dem geschästsführenden Ausschuß des Hilfs>
Vereins mitzuteilen. Ebenso wenig fühlte er sich gedrungen,
nach seiner Heimkunft sein Amt im Hilfsverein niederzulegen. Seine
Bedenken wurden dem Hilfsverein erst bekannt, als wir den Beschluß
faßten, auf Veranlassung von Leipziger Mitgliedern daselbst eine
Versammlung abzuhalten.
In der Vorbesprechung unserer Leipziger Mitglieder über diese
Versammlung hielt Herr Dr. Porges eine einstündige Rede, in der er
auseinandersetzte, welche Bedenken er gegen das Schulwerk des Hilfs-
Vereins, im Orient hege. Diese Ausführungen konnten nur den Zweck
haben, die geplante öffentliche Versammlung unmöglich zu machen
oder'zu schädigen, und die weitere Wirkung sollte offenbar die sein,
daß die in dieser Vorversammlung Anwesenden, unter denen sich kein
Mitglied der Berliner Zentralleitung befand, gegen den Verein ein¬
genommen wurden.
Wir überlassen es dem öffentlichen Urteil, wie diese versuchte
Diskreditierung eines Vereins, dem man selbst in hervorragender
Stellung angehört, und an dessen Leitung man sich nicht direkt
wendet, aber gegen den man wirkt, eingeschätzt werden muß.
Wir sahen, als wir von diesen Vorgängen Kenntnis erlangt
hatten, uns veranlaßt, bei den Leipziger Freunden eine weitere
Besprechung in Anregung zu bringen, iu der Herr Dr. Nathan in
Rede und Gegenrede mit Dr. Porges dessen Angriffe zu widerlegen
'suchte, und diese Vorbesprechung hatte den Erfolg, daß Herr Tr. Porges
alsdann in der großen öffentlichen Versammlung nicht mehr Bedenken
über das. was vorliege, zum Ausdruck brachte, sondern nur warnte,
man möge sich von dem guten bisherigen Wege nicht abdrängen
lassen. Herr Dr. Porges äußerte sich auch über die leitenden
Persönlichkeiten des Hilfsvereins in der Versammlung in außer¬
ordentlich schmeichelhafter Weise, und Frau Dr. Porges brachte die
allgemeine Stimmung der Versammlung dadurch zum Ausdruck, daß
sie den Vorschlag machte, in Leipzig für den Hilfsverein der deutschen
Juden ein Damenkomitee zu bilden, an dessen Spitze sie sich zu stellen
bereit war.
Obgleich also Herr Tr. Porges in der Versammlung seine Be¬
hauptungen wesentlich abgeschwächt hatte, hielt es der Präsident des
Hilfsvereins doch für geboten, ihm entgegenzuhalten, daß man von dem
stellvertretenden Vorsitzenden des Lokalkomitees in Leipzig ein anderes
Vorgehen hätte erwarten müssen. Man hätte voraussetzen können,
daß er sofort nach seiner Rückkehr aus Palästina seine Bedenken
direkt der Zentralinsianz des Hilfvereins mitgeteilt hätte, statt unter
der Hand gegen diesen Verein in Leipzig zu wirken. Und Herr
Landtagsabgeordneter Geheimrat Cassel und Herr Dr. Nathan wiesen
sachlich vor der Versammlung nach, daß die Anschauungen des
Herrn Rabbiner Dr. Porges absolut auf irrigen Voraussetzungen
beruhen.
Haben die versteckten Anklagen des Herrn Dr. Porges in der
Leipziger öffentlichen Versammlung auch keine Resonanz gefunden,
so halten wir es doch für notwendig, an dieser Stelle in Ihrem ge-
geschätzten Blatte jenen Anklagen, die sich immer wieder vorwagen,
jedes Fundament zu entziehen.
Herr Rabbiner Dr. Porges behauptet, daß dem Hebräischen in
dem Schulwerk des HilfsVereins ein zu großer Raum eingeräumt
werde, und daß der deutsche Unterricht demgegenüber vernachlässigt
wird. Um diese Behauptungen zu entkräften, ist es nur notwendig,
auf unsere Jahresberichte hinzuweisen, in denen die detaillierten
Schulpläne veröffentlicht sind; und wir unserseits stellen fest, daß der
Hilfsverein genau den Grundsätzen treu geblieben ist, die er in seinem
Programm zu Beginn seiner Tätigkeit niedergelegt hat.
Es heißt da:
„Selbständig wollen wir nls deutsche Juden deutsche Sprache
und deutsche Kultur jenen unserer Glaubensgenossen bringen, denen
der Anschluß an unser geistiges Leben für ihr wirtschaftliches Fort¬
kommen und für ihre intellektuelle Entwicklung das Gebotene ist."
Und in der ersten öffentlichen Versammlung, die der Hilfsverein
in Berlin abhielt, präzisierte Herr Geheimrat Cassel unseren Stand¬
punkt gegenüber dem in Frage kommenden Problem in folgender
Weise:
„Selbstverständlich werde den religiösen Anschauungen auf das
allergewissenhafteste Rechnung getragen werden, zumal ja die Juden
jener Länder in ihrer Religion eine so feste Stütze sich bewahrt
haben, daß eine Stärkung in ihrem Glauben zugleich eine Festigung
des sittlichen Haltes bedeute."
Dem einen Grundsatz wie dem anderen ist der Hilfsverein treu
geblieben und wird er treu bleiben, und er tröstet sich gegenüber
Angriffen, wie denen des Dr. Porges, mit der Tatsache, daß unser
Schulwerk im Orient die warme Zustimmung der dortigen Ge¬
meinden gefunden hat. Weit über unsere finanziellen Mittel hinaus
werden wir immer von neuen Gemeinden um die Gründung von
Kindergärten und Schulen gebeten.
Entsprechend den Wünschen und Bedürfnissen der orienta¬
lischen jüdischen Gemeinden haben wir bisher gehandelt und
werden wir weiter handeln. Und wir werden uns nicht beirren
lassen durch die Angriffe der einen, die behaupten, wir seien nichts
als deutsche Chauvinisten, die sich von den Interessen der deutschen
Politik und nicht von den Interessen ihrer Glaubensgenossen im
Orient leiten ließen; ebensowenig aber soll es uns bekümmern,
wenn andere neuestens behaupten, wir seien zu nachgiebig gegen
unsere Glaubensgenossen im Orient, die eine ausgiebige Kenntnis
des Hebräischen und einen ausgiebigen Religionsunterricht unbedingt
verlangen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Hilfsverein der deutschen Juden
James Simon.
*
ns wird geschrieben: „Von verschiedenen Seiten werde ich an¬
gefragt, weshalb kein einziger konservativer Repräsentant zu
dem einstimmig angenommenen Anträge betreffend die Regelung der
Verhältnisse der Gemeindebeamten das Wort genommen habe, um
seiner Sympathie für diesen Antrag noch besonderen Ausdruck zu
geben. Wie Ihnen bekannt ist. habe ich dies getan und unmittelbar
nach dem Vertreter des Gemeindevorstandes die Gründe dargelegt,
aus denen ich die Berechtigung des Antrages durchaus anerkenne
und die beantragte Regelung im Interesse der inneren Verhältnisse
unserer Gemeindebeamten sowie ihrer Stellung nach außenhin für
eine Notwendigkeit halte. Es ist lediglich — vermutlich infolge eines
Versehens in dem Berichte Ihres geschätzten Blattes — die Wiedergabe
meiner Ausführungen unterblieben.
Rechtsanwalt Dr. Ignaz Cohn.
Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin.
Berantwortlich für die «edaklion: Max Bauchwitz in Berlin.