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Markus existiert nur in der Sage. Auch der Name „Simon
der Gerechte", findet sich nicht auf dem Grabstein in Liebens
„Galed". Trotzdem wird der heldenmütige Rabbi mit seinem
Sohne fortleben. Er ist interessant, und vielleicht entschließe
ich mich zu einer interessanten Sammlung jüdischer Ge¬
schichtssagen.
ßaflius' OkkehN'.
Von TadeuszKoüczyiiski. Ucbersetzung von; S. H o r o w i tz'
erodes schwieg eine Zeitlang, schließlich wiederholte er die
Frage: „Hyrkan, wirst du meinem billigen Verlangen
Gehör schenken?" — Der Hohepriester blickte ihm direkt in
die Augen, runzelte die Brauen und versank in ein düsteres
Hi «brüten.
„Galiläas Präfekt," sprach er endlich, „du weißt ganz gut,
daß ich solch einein Aufwiegler gegenüber, wie Malich einer ist,
machtlos bin. Wende dich an das Sanhedrin mit einer
Klage über ihn."
„Das Sanhedrin besitzt heute in den judäischen Landen
schon gar keine Bedeutung," erwiderte Herodes, „es genügt,
daß, sobald ich Malichs Namen erwähne, all diese aristo¬
kratischen Greise, die sich Richter nennen, in Verwirrung
nach Hause fliehen."
Darauf erklärte der Hohepriester:
„Und wie sollten sie nicht in Verwirrung flüchten, wenn
Malich nach dem Haupte deines Vaters, der von Rom zu
Judäas Statthalter ernannt war, langte. Wenn er sich an
solch einem mächtigen Manne vergriff, gibt es noch jemanden,
der es noch wagte, gegen ihn aufzutreten?"
„Hoherpriester," unterbrach Herodes ihn erbittert, „wie tief
sind wir schon gesunken, daß es auf unserem Boden weder ein
Gericht noch Gerechtigkeit mehr gibt? Hat Gottes Macht uns so
weit verlassen?"
„Präsekt, lästere nicht!"
„Wer lästert mehr: ich, der sagt, der Herr hat uns ver¬
lassen, oder du, der behauptet, daß es keine Macht in der Welt
gibt, die es wagte, nach Malichs Haupt zu langen? Er hat
meinen Vater vergiftet. Er hat den Mundschenk bestochen,
Jerusalem weiß davon, Ober- und Untergaliläa, Thrns und
Joppa wissen davon, und solch eine schändliche, schreckliche
Tat soll »ngesühnt bleiben? Deine Größe, der Glanz deiner
Würde und deine Gunst und Freundschaft sollen auch fürder
seine Person beschirmen?"
„Ich lebe mit ihm in freundschaftlichen Beziehungen aus
Zwang", verteidigte sich der Hohepriester. „Wenn ich mit ihm
nicht freundschaftlich verkehrte, ich wäre „morgen" unsicher,
und sein Arm würde meine Seele von meinem Leib trennen;
Schrecken erfüllt mich, dir, Präfekt, sage ich es, und
doch muß ich, ivcnn er mich aussucht, ein Lachen auf meinen
Lippen hervorzanbern."
Herodes versank in ein finsteres Nachsinnen.
Von der Stube des Hohenpriesters breitete sich ein weiter
Ausblick auf Jerusalem aus. Ein Meer von Dächern, die sich in
Palmen und Obstgärten, mit einem schneeigen Blütenslaum
bedeckt, badeten, ergoß sich zu den Füßen des Tempels und
erstreckte sich weit gegen den Gipfel des Zionsberges.
Die unbewegliche Himmelsbläue bildete über der Stadt der
jüdischen Könige eine Kristallkuppel, mit einem riesigen, den
Blick blendenden Sonnenbrillant in der Mitte, der Glut-
h Au- einem Zyklus: „Das untergehende Jerusalem".
strahlen auf die unten liegenden menschlichen Wohnstätten
ausströmte.
Hyrkan schritt ans die Türe zu und machte sie unbemerkt
auf, und als er sich überzeugte, daß niemand sie belausche,
ging er auf den Fußspitzen zu Herodes und flüsterte ihm zu:
„Warum verschaffst du dir nicht allein Gerechtigkeit? Bist
du nicht in deiner eigenen Kraft so stark und in deiner Rach¬
sucht so mächtig, um ihm ein rasches Ende zu bereiten?"
Herodes bedeckte die Augen und schwieg.
„Bist du bei den Römern nicht gern gesehen?" fuhr der
Hohepriester fort, „und hast du nicht gezeigt, daß du zu
Taten bereit bist, daß dein Schwert mit deinen Gedanken
Schritt hält? Ich bin alt, du voll Kraft ..."
Der Präfekt verharrte weiter im düsteren Schweigen.
„Nun, so rede doch," drängte der Hohepriester, „es gibt viel¬
leicht in ganz Judäa nicht solche zwei Männer, die es wagten,
so offen miteinander zu reden, wie wir es tun. Warum ist
der Tod deines großen Vaters bisher nicht gerächt? Rede,
Präfekt. . . die Zeit drängt . . . Malichs Leute umgeben mich
und spionieren, dein allzu langer Aufenthalt bei mir kann mir
und dir teuer zu stehen kommen."
Herodes erhob sich hastig, lief zum Fenster, wie von einem
jähen Entschluß betroffen, streckte die geballte Faust gegen die
Stadt aus und schrie laut:
„Malich wird sterben!"
Der Hohepriester erblaßte, mit einer jähen Bewegung be¬
fand er sich neben ihm, legte die Handfläche aus seinen Mund
und lispelte:
„Leise, wenn dir das Leben lieb ist."
Er aber nahm die Hand des Hohenpriesters in ferne vom
Kampf gehärteten Hände, und funkelnden Blickes ihm in die
Augen schauend, ließ er sich laut vernehmen:
„Malich wird sterben, das, Hoherpriester, schwöre ich dir inr
Angesicht des Tempels und der ganzen Stadt."
Hyrkan, sich losmachend, rannte wieder zur Tür, öffnete
sie ungeduldig, blickte auf den Vorplatz, und niemanden fin¬
dend, wandte er sich beruhigt an den Präfekten mit den
Worten:
„Du bist wahnsinnig."
„Ich habe einen Rat gefunden."
„Was für einen?"
Herodes antwortete nicht direkt auf die Frage, sondern
beklagte sich erbittert:
„Hoherpriester, du hast mich gefragt, warum ich bisher den
Meuchelmord an meinem Vater nicht gerächt habe? So will
ich dir antworten: Es gibt auf Judäas Boden weder ein Ge¬
richt noch eine Gerechtigkeit. Es gibt keine Hüter der Gesetze,
nur ungewollte Gräber existieren. Weder das Sanhedrin,
noch dir, Hoherpriester, noch gar eine Macht, selbst Jahwe ver¬
mag nicht nach dem Haripte eines einfachen Mörders zu langen."
„Präsekt, lästere nicht."
„Ich lästere und werde lästern, denn obwohl Jahwe so
mächtig ist, daß er mit der Zrrnge seine Feinde aus dem
Meeresgründe beißt, hat er bis jetzt den Vergewaltiger seines
Tempels und den Mörder meines Vaters, Malich, nicht aus¬
gebissen. Ja, du, der Hohepriester des untergehenden Jeru¬
salems, du hast die Wahrheit gesprochen. Weder ich, der
Sohn des Ermordeten, römischer Präfekt, war imstande,
den Manen meines ermordeten Vaters durch das Blut des
Giftmischers Genugtuung zu verschaffen . . . denn ich bin
schwach wie ihr und die ganze jüdische Nation . . . Immer
erfaßte mich eine Angst, daß Malichs Parteigänger für seinen
Tod an meinen Kindern und meiner Frau Blutrache nehmen
werden . . . Denn in Judäas Landen sah ich für mich nir¬
gends einen Stützpunkt."
Hyrkan hörte ihm mit wachsendem Erstaunen zu.
(Schluß folgt.)