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seine Denunziation niedriger zu hängen, daß die Störung aller
Ordnung die politische Tätigkeit der Juden charakterisiere.
Meine Absicht geht nur dahin, das talmudifche und biblische
Zitat des Herrn Chamberlain zum Anlaß zu nehmen, um an
der Hand desselben Herrn Chamberlains germanische Wahr¬
heitsliebe näher zu beleuchten und uns mit dem biblischen
Fremdengesetz etwas eingehender zu beschästigen. Daß ich
Herrn Chamberlain eines Besseren belehren könnte, dieser
Hoffnung gebe ich mich keinen Augenblick hin. Aber ich denke,
solche Thesen dürfen nicht unwidersprochen bleiben; und wenn
sie schon zehnmal widerlegt worden sind, müssen sie immer von
neuem in breitester Oefsentlichkeit widerlegt werden, um die
Wohlwollenden zu kräftigen, die Zweifler zu belehren, uns
selbst den gerechten Stolz auf unsere Religion zu erhalten.
*
Wir wiederholen die kleine Anmerkung Chamberlains:
„Die Rabbiner gehen im Talmud noch weiter und behaupten,
das Gebot „Du sollst nicht stehlen" bezöge sich „nur auf
Menschendiebstahl" (vgl. Sanhedrin f. 86a); im übrigen ist also
der Jude frei, nach Herzenslust zu übervorteilen."
Ein typischeres Beispiel dafür, was man gegen unsere Reli¬
gion zu sprechen und niederzuschreiben wagt, ohne dabei zu
erröten, kann es wohl kaum geben. Die Stelle, die hier zitiert
wird, behandelt den Lehrsatz, daß der Kontert, der Zusammen¬
hang, von entscheidender Bedeutung sei für das richtige Ver¬
ständnis eines biblischen Gebotes oder Verbotes, daher nie
außer acht gelassen werden dürfe. Der.talmudische Ausdruck
hierfür ist: “0*1 = „dabar, hallamed
meinjano", das heißt, der Sinn einer Satzung ergibt sich aus
seinem Zusammenhang. Das will nun der Talmud mit
zwei Beispielen demonstrieren. Das eine ist Ex. 20,15.
Da heißt es im Dekalog: „Du sollst nicht stehlen."
Worauf bezieht sich diese Stelle? Offenbar nur auf Menschen¬
diebstahl. Warum? Weil es zu den 13 Lehrregeln gehört,
eine Satzung ans ihrem Kontert heraus zu verstehen. Da nun
im Dekalog, vom fünften Gebote angefangen, alle Satzungen
auf Menschen sich beziehen, so bezieht sich auch die Satzung
„Du sollst nicht stehlen" auf Menschendiebstahl. — Das zweite
Beispiel ist Leviticus 19,11. Hier heißt es auch: „Ihr sollt nicht
stehlen", bezieht sich jedoch auf Gelddiebstahl. Und warum?
Abermals der Lehrregel entsprechend, daß eine Vorschrift nur
aus dem Zusammenhang zu erklären sei. Da in Leviticus 19,11
alle anderen Sätze auf Geld, auf Werte sich beziehen, bezieht
sich auch der Satz „Ihr sollt nicht stehlen" auf Geld und Wert.
Ich fordere hiermit Herrn Chamberlain auf, die betreffende
Stelle welchem christlichen Gelehrten immer auf dem weiten
Erdenrund vorzulegen, welchem immer, der Hebräisch lesen
kann und kein notorischer Fälscher ist, und erkläre mich bereit
zu jeder wie immer gearteten Genugtuung, wenn diese Stelle,
Sanhedrin 86«, anders lautet, als ich sie wiodergegeben habe.
Was tut nun Herr Chamberlain? Er unterschlägt die
zweite Stelle und zitiert nur die erste, llnd das alles, um
sagen zu können: „Im übrigen ist also der Jude frei, nach
Herzenslust zu übervorteilen." Und das nennt sich dann
arische Treue und germanische Wahrheitsliebe!! Man lese ein¬
mal die von Jauche strotzenden Jnvektiven, die Chamberlain
auf Seite 689 „dem jüdischen Gelehrten Guhrauer" auf den
Kopf wirft, der augeblich in der von ihm veranstalteten Aus¬
gabe der Briese Goethes eine judenfeindliche Stelle unterdrückt
hat. Wie viele ehrlich-treue, begeisterte Männer gibt es unter
der großen Zahl der jüdischen Goetheforscher! Dieser eine
Guhrauer aber entfesselt bei Herrn Chamberlain einen Orkan
arischer Entrüstung, und am ganzen Leibe zitternd schreit er
auf: „Diese Episode . . . soll . . . als Beispiel für das dienen,
was uns jetzt umgibt und unsere Kultur im Kleinen wie im
Großen fälscht, bis einstens das eigentlich Deutsche — im
Denken, Fühlen, Schaffen, Sein — unter berghohem Wüsten¬
sand shrosemitischer Ahnungslosigkeit und Herzensdürre und
Geistesarmut erstickt." Zwei Seite« weiter aber hat Herr
Chamberlain selber die Stirn, eine ähnliche Unterschlagung
skrupellos vorzunehmen, aber nicht etwa aus Liebe, wie es
vielleicht Guhrauer getan hat, sondern aus wildem, zügel¬
losem Haß. Ich überlasse das Urteil über diese Tat Chamber¬
lains allen gesitteten Menschen. (Fortsetzung folgt.)
Die Woche.
Berlin, den 27. April 1914.
ährend die Natur ihre reichen Frühlingsgaben ver¬
schwenderisch der Menschheit schenkt, und die Men¬
schen der Lenzesfreude sich hinzugeben Verlangen tragen, be¬
reiten sich Unruhen vor, die schwere Folgen haben können. Das
in sich zerrissene, durch schwere Kämpfe zerspaltene M e x i k o
wird von den Vereinigten Staat enAmerikas mit
Krieg bedroht; Veracruz ist von den Amerikanern besetzt,
Mexiko eint sich, um dem gemeinsamen Feinde zu begegnen.
Dadurch scheinen sich ernste Verwickelungen vorzubereiten, die
möglicherweise ihre Rückwirkung auf Europa haben können.
Es war davon die Rede, daß England und die Staaten
Südamerikas ihre Vermittelung angeboten haben; es ist zu
hoffen, daß dadurch schwere Folgen vermieden werden.
*
Unser bayerischer bi.-Berichterstatter schreibt uns:
Aus dem bayerischen Judentum, das- seit einem Menschen¬
alter erst relativ und nun eine Reihe von Jahren auch absolut
beträchtlich in zahlenmäßigem Rückgänge sich befindet, kommt
eine Nachricht, die -wieder einmal einen deutlichen, und zwar
nicht eben erfreulichen Einblick in die vielen und verschiedenen
Gegensätze innerhalb der Judenheit im zweitgrößten deutschen
Bundesstaat -ermöglicht. Man weiß, wie seit Anfang -des zwan¬
zigsten Jahrhunderts der Widerstand der kleinen orthodoxen
Sondergemeinden gegen die maßgebliche Gültigkeit der moder¬
nen Hauptgemeinden mit deren weit überwiegenden Mit¬
gliederzahl mehr und mehr sich verschärfte und, die längst reife
Revision des durchaus veralteten, ein Jahrhundert alten
Judenedikts verhindernd, auch die christliche Oefsentlichkeit,
die allgemeine Tagespresse und sogar den Landtag beschäftigte.
Die Altgläubigen verlangten eine übergebührliche Rück¬
sicht gegenüber den ihrerseits vielfach verachteten „ Neo -
logen", den Orgeltempelleuten, und zogen den Staat, dessen
Arm sie einzugreifen wünschten, in diese unerquicklichen Strei¬
tigkeiten. Jetzt ist nun, wie soeben durch die Zeitungen bekannt
wird, ein einschneidender Beschluß seitens einer größeren An¬
zahl Mittel- und Kleingemeinden erfolgt. Am 19. April tagten
zu Nürnberg nämlich die Vertreter der israelitischen Kultus¬
gemeinden Ansbach, Bamberg, Bayreuth, Gunzenhausen,
Jchenhausen, Kissingen, Kitzingen, Neustadt a. S., Nördlingen
und Treuchtlingen. Einstimmig sprachen sich diese Abgeord¬
neten von Gemeinden, in denen die Orthodoxie noch einen
starken, oft selbst vorwiegenden Einfluß besitzt, gegen die
Austrittsmöglichkeit, Proporz, das ist Verhältniswahl, und
die vorgeschlagene Zentralkasse der bayerischen Kultusgemein¬
den aus; nur eine Gemeinde will in Großgemeinden die
Austrittsmöglichkeiten zugestehen. Die (oder der)
Einsender dieser wohlberechneten Zeitungsnotiz fügen pro¬
phetisch hinzu: „Ein« Anzahl weiterer Gemeinden werden sich
der gefaßten Resolution anschließen und auch viele Private".
Dazu sei darauf hingewiesen, wie gerade während der aller-
jüngsten Zeit in Bayern vor der Oefsentlichkeit und in der
Presse ein lebhafter Kamps wegen der argen Schwierigkeiten
tobt, die die katholischen Kirchenbehörden den Austritt-