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Inhalt, die infolgedessen eine Mischung von Bösem und
Gutem ergab. Ein Exemplar der preußischen Gesetz¬
gebung aus den Jahren 1790 und 1797 sür die Juden in Bres¬
lau und in den Preußen neu erschlossenen polnischen Pro¬
vinzen, in polnischer und deutscher Abschrift, auch mit einer
russischen Uebersetzung versehen, ist dem — in der handschrift¬
lichen Sammlung der kaiserlich-russischen öffentlichen Biblio¬
thek befindlichen — Derschawinschen Original angeheftet.
Der Senator entlehnte weitgehende Reformen auch aus dem
Muster dieses Juden-Reglements in Preußen, die Juden zu
einem besseren Leben zu erwecken, doch gab er seinem Bericht
einen gehässigen Ton. In einem Punkt aber verhielt sich der
Senator einigermaßen sympathisch zu den Juden: in der Sache
der Aufklärung. In diesem Punkt allein liegt auch die
historische Bedeutung der „Meinung" Derschawins, als einer
e r st e n Anregung, europäisches Unterrichtswesen zu ver¬
breiten. Er bezog sich unter anderem auf die kulturelle Tätig¬
keit Mendelssohns und aller jüdischen Gelehrten Deutsch¬
lands, die „mit den höchstaufgeklärten Männern Europas
gleich stehen". Die Derschawinsche Anregung ist etwas später
in Betracht gezogen worden.
Aus der fünfjährigen Regierungszeit Kaiser Pauls sind
außer manchen gesetzgeberischen Ordnungen der jüdischen Ge-
nieindeverhältnisse und deren Verwaltungen als besonders
lennzeichnend folgende Verfügungen nachzutragen: 29. De¬
zember 1796, daß auch die jüdischen Angehörigen der Kauf-
mannsgilden doppelte Abgaben für ihre Privilegien so¬
nne die Poststeuer doppelt leisten müssen, und diejenigen
Juden, die dazu nicht in der Lage sind, sollen für drei Jahre im
voraus zahlen und ins Ausland übersiedeln. 11. September 1799
ist diese Bestimung dahin gemildert worden, daß die Rück¬
ständigen in den zweifachen Abgaben, o h n e die Steuer zu be¬
zahlen, das Land verlassen sollen. Nach Jahresfrist wiederum
- 17. September 1800 — ist dieselbe Verfügung besonders
hart verschärft worden: die die doppelten Zölle rückständigen
Juden sollen zur Zwangsarbeit in die Bergwerke deportiert
werden. Erst 1824, im vorletzten Regierungsjahr Alexanders I.,
hat diese äußerst böse Maßregel ausgehört').
Allen russischen Monarchen seit Paul hat oft lichtvolles
deutsches Wesen vorgeschwebt, zumal mütterlicherseits durch¬
weg deutsches Blut in ihren Adern floß. Der russische starke
Einschlag, die kirchenpolitische Sphäre, ließ aber die deutsche
Einwirkung nicht aufkommen. Manche humane Idee war
deutschen Ursprungs, die besten Bestandteile für Aufklärung
und Menschenrechte, auch zur Emanzipation der Juden, kamen
vom Westen ins nordische Reich; sie haben aber im rauhen
Norden kaum ein greifbares Gebilde erhalten können. Die
starke echt-russische Strömung, ein dunkles Fahrwasser, lies in
voller Wucht entgegen und überschwemmte manche moderne
Richtung, vernichtete manche junge Kulturstätte.
Hätte die russische Regierung wirklich die Absicht, die Juden
in den alten polnischen Provinzen aus ihrem Zustande in einen
kultivierten Zustand zu versetzen, so müßte man die bezweckte
Kultur der Juden nicht als neue Quelle der Staatseinnahme,
sondern als eine Aufgabe der Menschlichkeit betrachten, deren
Lösung auch dem Staatsinteresse heilsam wäre. Die kaiser¬
lichen Ukase konnten keine tiefere Wirksamkeit auf Leben und
Denkart der Juden Rußlands äußern, als Eigennutz der Re¬
gierung und Bestechlichkeit der Regierungsbeamten die Ergeb¬
nisse verwirkten^). (Fortsetzung folgt.)
h Aufsatz von I. Hessen im Jahrbuch (russisch) der „Budusznost"
1900, S. 85. Berschadsky in der russischen Monatsschrift
„Woschod" 1895, Hest 1 bis 5.
Scheinhaus, „Zur Geschichte der russischen Juden im 19. Jahr¬
hundert", S. 5 ff.; Berlin 1901.
-) Ersch u. Grober, Allgem. Enzyklopädie nsw. (Leipzig 1850),
27. Teil, §. 139: Artikel „Juden" (Geschichte) von S. Cassel.
Lriegspredigten.
Von Rabbiner Dr. Beer mann, Heilbronn.
uch die jüdisch-religiöse Literatur unserer Tage spiegelt den
Weltkrieg wider. Eine ganze Reihe von Predigten Ist er¬
schienen, in denen die gewaltigen Kampfereignisse von religiöser Warte
alls beleuchtet werden.
Mit dem königlichen Gebete Goethes an der Spitze: „O gib mir Gott
im Himmel! Daß ich mich der Höh' und Liebe nicht überhebe!", gibt
der Elberselder Rabbiner Dr. Norden in 15 kurzen Predigten ein
Charakterbild des Kaisers, in dessen starken Händen jetzt das Schicksal
des Vaterlandes auch in diesen erregten Zeiten sicher ruht. Schlicht in:
Ausdruck, frei im Ausbau gehen diese knappen Reden ohne Umschweife
auf das Wesentliche und ergeben, im Zusammenhang gelesen, in der
Tat ein scharf umrissenes Bild von der kraftvollen Persönlichkeit unseres
Herrschers. Im Anschluß an Psalm 45 wird der Kaiser als begnadeter
Redner und als kraftvollste Persönlichkeit unter den Königen der Zeit
geschildert. Aufrichtig und grundehrlich in Wort und Werk, ein Mann,
der nicht nur sür das Heer, sondern sür alle Herrscheraufgaben Teil-
nähme hegt, offenbart er Verständnis sür Volkserziehung und ist
durch sein Leben voller Arbeit und Pflichttreue ein Vorbild des Fleißec
für sein Volk. Es wird trefflich gewürdigt, wie der Kaiser Kunst
und Wissenschaft fördert, für die beseligende Macht der Religion Ver¬
ständnis hat und warmherzig Nächstenliebe bekundet. Ein moderner
Mann, ein Arbeiterkaiser und ein Friedenshort, dessen Deutschtum gleich
bedeutend ist mit Kultur und Freiheit, ist er ein Meister im Herrscher
beruf, der als vorurteilsloser Menschenfreund über den Parteien steh-
und in ihnen allen den Gemeinsinn über den Parteisinn, siegen lasse!
möchte.
In „Seligmanns Vaterländischen Reden in großer Zeit" ist wirklic!
etwas von dein machtvollen Sturmeswehen dieser eisernen Wochen zi
spüren. Flammende Begeisterung führt hier das Wort und spricht voi
unse rem guten Rechte, das uns auf Gottes Seite stellt und uns bei
Sieg geben wird, preist Deutschlands Weltberuf, Schirmherr de
Friedens und König der Gerechtigkeit zu sein, und weist auf den Geis
der Güte hin, der über die Schauer der Zeit hinwegtrügt und da-
opserreiche Kriegsjahr in ein segenvolles Jahr Gottes umwandelt, an
dessen blutigen Wegspuren der Friede emporkeimt.
Unsere Weisen sagen: Es gibt dreierlei Arten von Frieden. Es gib
einen Frieden, der gleicht einem Gefäße, das ins Feuer gesetzt ist -
Glut von beiden Seiten —, das ist kein rechter Frieden. Dann gibt >t v
einen Frieden, der gleicht dem Fluge des Vogels: der Streitende flieh
den Ort des Streites — auch das ist noch kein rechter Frieden. Dam
gibt es aber einen Frieden, der dem Strome gleicht, von dem es heißt
„Siehe, ich lenke dir den Frieden zu, wie einem Strome, an dessen Usern
die der Strom verbindet, die Menschen gottgesegnet zusammenwohnen.
Das ist der rechte Friede.
Der Frieden, den wir bisher so nannten, glich dem Gesäß, das in
Feuer gesetzt ist — Glut von beiden Seiten. Nur eines schürenden Armec
nur eines flammenden Spans bedurfte es, um die Glut des Welt
krieges auflodern zu lassen, daß sie in roten Flammenbächen sich ergoß
Gerüstet in eiserner Wehr, mit feuerspeienden Kriegswafsen standen di
Völker lauernd, voll Argwohn und Mißtrauen einander gegenüber
zitternd vor dem Augenblick, da das entfesselte Entsetzen über die Völkc
einherfahren würde. Mußte dieser bewaffnete Frieden nicht Schis
bruch leiden?
Oder der Frieden, den wir bisher so nannten, glich dem Fluge de?
Vogels, der Streitende floh den Ort des Streites. Nur durch Nac!
geben und Verzichten, nur durch Zurückstellen gerechter Ausbrüä-
konnte der Frieden erhalten bleiben.
Diese Reden atmen stellenweise dichterischen Schwung und ve>
dienen das Lob, das ihnen Prof. Niebergall, Heidelberg, jüngst in ix'
„Christlichen Welt" gespendet hat.
Des Schweinfurter Rabbiners Dr. Stein bei Kauffmann erschiene!-'
„Gottesdienstliche Kriegsvorträge" verzichten auf rednerischen Schrmu
sie sind, in innigen, schlichten' Tönen gehalten, treugemeinte Worte tn >
Welt und Leben zugewandten Seelsorgers, der die Nöte und Bedün
msse der Seinen kennt und mit Takt und Ernst sie zu beraten weis .
Die ineisten Reden stellen einen der Kriegspsalmen in den Mittelpunkt
der Betrachtung und heben die Seite des Liedes hervor, die sich mit
Stimmungen unserer Zeit berühren und den Menschen unserer Tas<
Trost und Kraft zu verleihen vermögen. Die religiösen. Zweifel mo