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Bedenken des modernen Menschen werden feinfühlig berücksichtigt, so daß
auch der gebildete, anspruchsvolle Leser durch diese Predigten gefesselt
werden dürste.
Rosemanns Wiener Kriegspredigten und Leimdörfers Neujahrs-
Predigt Vereinen vaterländische und religiöse Stimmungen und schlagen
kraftvolle Klänge an, die wuchtig ins Gewissen unserer Zeit hinein¬
donnern, ebenso wie die in Prag gehaltene Chanukapredigt von
Schwarz und die gedankentiefe Predigt des Frankfurter Rabbiners
Nobel: „Der Tag des Kampfes".
Zum Vorlesen geeignet durch ihre klare Gedankenführung und ein¬
fache, natürliche Sprache sind die Kaiserrede und Kriegspredigt von
Bezirksrabbiner Pmkuß, Heidelberg, wie die Kaisersgeburtstagspredigten
von Lion Wolff, Tempelburg.
Brr lange Kack.
Roman von AnnaGoldschmidt.
(8. Fortsetzung.)
Den. 1913.
S onderbar, noch immer hatten wir uns nicht näher
kennen gelernt. Er scheint sehr beschäftigt zu sein, der
Schwager. Heute abend habe ich mich gar nicht gelangweilt.
Ich glaube, das kann einem mit Adolph auch kaum geschehen.
Ein Dank wurde nur schnell in Gedanken in die Heimat ge¬
sandt, ein Dank an Freund Iosua, der mich ein wenig ein¬
geweiht hat in die Fragen, von denen mein Schwager so
warm erfüllt ist wie er. Adolph freute sich, daß ich mich so
für die Judenfrage interessierte, daß ich so mancherlei von der
Geschichte unseres Volkes wußte. Freilich merke ich erst immer
in solchen Augenblicken wieder, wie grausam wenig ich weiß.
Wir müssen morgen mehr darüber sprechen.
Den..... 1913.
Ich will eine gute jüdische Hausfrau werden, weiß es
Gott! Eine, die mit keinem Gedanken an etwas anderes
denkt als an ihren Mann und später an ihre Kinder, eine, an
deren Seelenkleid kein Stäubchen ist. so wie es mir Moritz von
seiner Mutter beschrieb, und wie man es ihr auch anmerkt.
Ein Hauch von Ehrbarkeit und Wohlanständigkeit weht
um sie.
Mutter, nimm mich in die Schule.
Ich will nicht bös und versteckt und mokant sein, wie ich
cs von Natur aus bin, ich. will brav sein und empfänglich für
alles Gute, und all die winzigen Nebensachen, deine kleinen
Schwächen will ich übersehen. Du warst doch auch einmal
jung, aber nicht wahr, du hast nie an einen anderen gedacht
als an den, der heute noch wie von einem Thron herabschaut
von seinem Ehrenplatz über dem Sofa? „Mein seliger Mann!"
Wenn du das sagst, dann liegt alle Liebe, alle Treue, alle
Ehrerbietung darin, die du ihm noch über das Grab hinaus
erweisest.
Mutter, kann man 'das besser, wenn man fromm ist? Ich
meine, wenn man alle religiösen Vorschriften hält? Bedingt
die Treue in so kleinen Dingen auch Treue im großen? Dann
will ich einen frommen Haushalt haben, Mutter. Morgen
verspreche ich es dir.
Und wenn ich es versprochen habe, dann bin ich gebunden.
Es muß doch, esmußdoch Frieden in mir werden.
Den.1913.
Die Mutter hat sich über meinen Vorsatz sehr gefreut, und
sie sagte: „Das merke dir, mein Töchterchen: die ganze
Frömmigkeit der jüdischen Frau liegt im Fleischkoschermachen."
Darin? nur darin? Gott verzeih mir, ich habe mich ent¬
setzt. Nur das Mechanische: eine halbe Stunde wässern, eine
Stunde salzen — das ist alles? Spielt denn die Frau in der
jüdischen Religion eine so untergeordnete Rolle?
Ach, könnte ich doch heute abend einnral Iosua sprechen, nur
einen Augenblick!
Wenn meine Schwiegermutter recht hätte, bereute ich heute
abend, was ich heute morgen versprochen habe.
Den.1913.
Heute war ich bei Kaufmanns.
Ich traf meine Schwägerin in großer Aufregung. Große
Wäsche, schlechtes Trockenwetter, Anmaßungen einer Wasch¬
frau, die die ständigen von Lene weit hinter sich zurückließen
— das alles gleich aus dem Korridor —, da tat sich mir die
Erlösung auf in Gestalt der Tür, die zu Adolphs kleinem Ar-
beitszimmerchen führt. Aber bald wurde es groß und weit.
Platz genug darin, daß sich mein Herz endlich einmal weiten
und dehnen konnte. Bei der Schwiegermama, die immer so
schrecklich viel und so Wichtiges zu tun hat, kann es das nicht
und bei den Bekannten, denen ich zur Schau gestellt werde,
wo wir sie nur treffen, ebensowenig. Aber hier ist es mir, als
sei ich in meiner Welt, so sehr sie doch von meiner daheim im
Elternhaus verschieden ist. Auch von der, in die mich Iosua
hat schauen lassen und Moritz. Der Schwager und ich sind wie
zwei alte Kameraden.
Ich setzte das Gespräch fort, das ich gestern mit der Mutter
gehabt hatte. Von den unendlich vielen zeitraubenden Vor¬
schriften des Rituals, von den Festgeboten und Verboten (so
schrecklich viel Verbote!) sprachen wir, die der Mutter so
grausam viel Arbeit machen, und die sie mit fast angstvoller
Genauigkeit befolgt, so, als seien es eherne Gesetze, deren Sinn
ich doch nicht verstehe, und die mir beinah nur dazu angetan
erscheinen, dem Menschen Mühsal und Hindernisse in den Weg
zu legen.
Bei Adolph schauen sie mich ganz anders an. Ich kann
mir denken, daß sie, von einem Erinnerungszauber umkleidet,
einen tiefen, frommen Reiz für einen behalten können, und
daß sie einem bedeutungsvoll bleiben können, schon als Be¬
weise einer wunderbar weit vorausschauenden Weisheit unserer
Gesetzgeber. Adolph wird nicht müde, mir ihren tiefen Sinn
zu erklären, und immer mußte ich ihm zugeben — sehe ich
von dem Heute ab und der rein persönlichen Frage, ob sie ein
Heutiger noch halten will oder nicht —, sie bergen so viel feinen
Takt und Zartsinn, so viel weise Fürsorge für Körper und
Seele, daß man in andächtiges, frommes Staunen versinken
muß und sie einem heilig erscheinen können, auch wenn man
sie nicht wie Adolph doch sicher (ich habe an diese heikle Frage
nicht gerührt) für göttlichen Ursprungs hält.
Ein lieber, kluger Mensch ist mein Schwager, mild und ge¬
scheit, viel ernster als mein Moritz und nicht so streitbar wie
Iosua.
Ich habe Iosua viel zu danken. Er hat mich- aufgerüttelt
aus meiner gedankenlosen Dumpfheit und Stumpfheit, mir
klargemacht, daß der Standpunkt, auf dem wir standen und
lebten, nicht der rechte, daß er überhaupt keiner war. Ich habe
vieles verehren gelernt, was ich früher verschämt zudecken zu
müssen glaubte, und erröte jetzt über mancherlei, aus dem ich
mir früher eine Ehre machte. So weit, Iosua, danke ich dir.
Aber du hast mich so ruhelos gemacht, so zwiespältig. Du
hast mir so mancherlei gesagt, was ich nicht begreifen, was ich
mit all meinen wachen, folgewilligen Sinnen nicht begreifen
kann, obgleich du es doch sagst, Iosua, von dem ich so viel und
so gern gelernt habe.
Man kann nicht zum Frieden kommen bei deiner Lehre, weil
du immer sagst, daß man doch halb, doch fremd, doch Gast
bleibe, wenn man nicht in dem Land ist, in das zu kommen
ich doch keine Möglichkeit sehe. Du auch nicht, wenigstens