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nicht für mich und meinesgleichen, So soll ich hier ewig ohne
innere Heimat sein, soll nicht den Boden lieben dürfen, auf
dem ich geboren, mit dem ich verwachsen bin? . . .
Ihr sagt ^var: Ihr gebt dem Land, in das euch das Schick-
sal gesetzt hat, das, was ihr ihm schuldig seid. Hier klafft doch
aber eine Lücke, Iosua? Ein Vaterland kann man doch nur
haben. Entweder das dort, das nur nicht kennen und wohl
nieinals sehen werden, oder das hier, in dem wir geboren
sind? . . .
Ich habe das Judentum durch dich kennen gelernt und den
Zionismus. Und du hast mich gelehrt, das eine sei das
andere. Wie kommt das, Iosua? Hier sehe ich doch einen
Inden, einen denkenden, begeisterten Juden, der kein Zionist
ist?
Den.1913.
Ich weiß, warum Mutter so lieb ist, daß ich unseren Haus¬
halt koscher einrichten null. Sie denkt, der liebe Gott wird
dann seine Insassen, besonders den Hausherrn, mit wohl¬
wollenderen Blicken betrachten, ihm eine größere Praxis und
eine festere Gesundheit schenken. Die Mutter ist fromm, un¬
glaublich gewissenhaft. Ich glaube, Schwager Adolph verziehe
leichter eine kleine Abweichung von den Vorschriften als sie.
Aber sie hat ein eigenartiges Verhältnis zu Gott, soweit ich
heraushöre. Sie fürchtet ihn im wahrsten Sinne des Wortes
und sucht, ihn bei guter Laune zu erhalten. Adolph hat ihr
nach einer Unterredung mit dem Arzt dringend geraten, dieses
Jahr Jomkippur nicht zu fasten. Aber sie hat es doch getan.
Sie hat die feste Meinung, wenn sie den lieben Gott nicht ge¬
horcht, bis ins kleinste gehorcht, dann straft er sie an ihrer
empfindlichsten Stelle, an ihren Kindern. Sv kommt mir
Mutters ganze Religiosität manchmal wie ein Kalifvertrag mit
ihrem Herrgott vor. „Ich tue das für dich; nun tu du auch das
für mich!"
Ten Menschen gegenüber verpflichtet sie ihre Frömmigkeit
zu nichts. Ich finde, Mutter ist ziemlich hart, wenn andere ein
Unglück trifft. Mir schien sie fast erbittert gegen das Wohl¬
tätigkeitskomitee, das mit einem Gesuch um Unterstützlmg an
sie herantrat, just, als habe es sich nicht zum Besten der Ueber-
schlvenlinten zlisaiilinengetan, sondern aus eitel Bosheit, um
ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Aber deul Schächter und dein Schammes schickt sie alle
Rauschhaschvnvh ein Bestimmtes. Das gehört wieder zu ihrem
Kalifvertrag.
Es gibt so viele Arten von Frömmigkeit.
Den.1913.
Nun kenne ich auch schon den Edersleber Bekanntenkreis.
Ich bewundere meinen Schwager, wie er diese Leute so
inilde, mit einer gewissen bescheidenen Höflichkeit erträgt. Ich
finde, die danken es dem gar nicht so. Gestern der dicke Vieh¬
händler, mit dem Mutter und Selma so viel hermachten,
sprach in einem Ton zu Adolph, der mich empörte. Ich weiß
ilicht, so laut, so übersicher. Ich machte ihm daraus ein etwas
hochmütiges Gesicht, das wieder Mutter und Selma nicht
recht zil sein schien. Ich fand sie viel zu liebenswürdig zll
dem dicken, ungebildeten Mann, der so selbstgefällig alle mög¬
lichen geschäftlichen Spitzfindigkeiten von sich erzählte, die alle
darauf hinausliefen, daß er der einzige Schlaukopf ist und die
Gutsbesitzer und Schlächter, mit denen er zu tun hat, die
Idioten sind. Mir war ganz übel von dem Mann.
Den.1913.
Herr Louis Friedberg, das Ekel, das ich vorigen Sonn¬
abend keilneillernte, ist der Mann von Selmas bester
Freundin. Die Frau ist annehmbarer als er. Ihr verkafferter
Anzug und ein gelvisses angenehmes Phlegma beruhigt über
die plumpen Brillanten an Ohren und Händen. Wenn Herr
Louis und Frau Betty da waren, sind meine Schwiegermutter
und Selma jedesmal ein bißchen verstimmt. „Betty hat eine
glänzende Partie gemacht," haben sie mir beide schon dreimal
mit einem kleinen Seufzer erzählt. „Und sie hat nur zehn¬
tausend mitgekriegt." Selmas Mitgift betrug nämlich 15 000,
wie mir die Schwiegermama nun des öfteren berichtet hat.
In mir empört sich etwas, das für meinen Schwager Partei
nimmt. Wie kann man die beiden Männer nur in einem
Atem nennen!
Ich finde, Adolph wird längst nicht genug anerkannt, auch
nicht von seiner Gemeinde. Bei diesem dicken Viehhändler, der
nur von unreellen Drehereien zu prahlen weiß, die er als
Kapitalwitze zum besten gibt, fällt es mir am unangenehmsten
auf. Aber ich finde auch sonst, die jüdischen Herren könnten
dreist den Hut etwas tiefer vor ihm ziehen.
Die christlichen Edersleber scheinen ihn besser zu schätzen
zu wissen. Sie geben ihm alle möglichen Vertrauensposten,
und aus jedem Gruß, ober wenn der oder jener Nachbar ihn
anspricht, merkt man, wie beliebt er ist und tvieviel persönliche
Achtung er genießt.
Wie kommt es, daß die Inden ihre Beamten nicht besser
behandeln? Sogar hier in Edersleben, wo Adolph doch, wie
meine Schwiegermutter noch heute nicht ohne leisen Vorwurf
gegen seine bescheidene Stellung betont, „in so eine bekowete
Familie hineingeheiratet hat".
Mutter, findest du es wirklich, Selma ist hinabgestiegen?
Ach, du großer Himmel! Nun ja, wenn da, wo Herr Louis
Friedberg sitzt, oben ist, sitzt Adolph Kaufmann freilich unten.
Aber sonst? — Ich wundere mich noch immer im stillen, daß
Adolph so zufrieden, daß er ein so wirklich glücklicher gut¬
jüdischer Ehemann ist.
Den.1913.
Darin teile ich Adolphs Schicksal: auch ich kann mir meiner
Schwiegermutter Kind nicht ganz abverdienen. Es ist zu viel
des Glückes für mich.
Vielleicht macht uns das zu zwei so guten Kameraden, un¬
ausgesprochen sogar zu Verbündeten. Der Heymaunsche
Familienstolz ist zu groß, die Eigentümlichkeiten, in die sich die
Familie eingesponnen hat, zu augenfällig, als daß wir uns
beide nicht unendlich viel zu erzählen haben würden, was uns,
den Fremden, von außen Gekommenen, ausgefallen sein mußte.
Wenn wir nur anfingen! Aber wir fangen nicht an. Wir
wissen voneinander, daß wir, jeder für sich, innerlich ein wenig
lächeln, sogar auch einmal ein wenig bitter lächeln über den
! starren Egoismus, mit dem die Schwiegermama stundenlang
z die eigenen Kinder lobt und die Schwiegerkinder nur als ihr
i Beiwerk betrachtet.
Ein Glück, du lieber, seiner Schwager, daß du auch nicht
mit einem Blick aufschautest — schon er hätte den Bann
brechen können —, als Mutter dir gestern abend mit Gewalt
den Schäl aufpackte für den Heimweg und, da du dich gegen
dieses Monstrum der Bekleidungsbranche wehrtest, in einem
Ton, der mehr gebieterisch als besorgt klang, sagte: „Da tu ihn
doch um bei dem scharfen Wind, Adolph. Du kriegst es wieder
in den Hals, und Selma hat doch so genug zu tun".
Nein, mit keinem Blick schautest du auf und zu mir hin,
du Guter. Wir mokieren uns nicht über unsere Schwieger-
mntter, wir sind zu anständig dazu. (Fortsetzung folgt.)
Lprrchlasl.
Wir erhalten folgende Anfrage:
Welches jüdische Sanatorium, Nerven- und Spezial-Kehlkopf-Be-
hau-dtun'g, nimmt Soldaten auf?
Kriegsteilnehmer 1914/15,