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Berlin, 9. Juli l9l5
70. Jahrgang Nr. 28
Allgemeine
eitung des Judentums.
Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse
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Verlag von Rudolf Mosse, Berlin.
ITflftÄft* Iudenpolitik und Politik der Juden. Von Rabbiner Dr.
Gelles, Lissa. — DieW oche. — I. B. Lamm. Von L. G. —
Kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — Tie „Wohltaten" des Hauses
Romanow. Von Leo Schein haus. — Von der Aja Sofia bis zur
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schmidt. — Literarische Mitteilungen.
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Frankfurt a. M., Wien, Budapest, Salonoki. — Von Nah und Fern.
Iudenpolitik und Politik der Juden.
Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa.
einrich Heine sagte einmal, wenn es nur ein Häuflein
Juden gäbe, das an einem versteckten Winkel der Erde
wohnte, würden sich die Gebildeten aller Völker auf-
machen, um diese lebenden Zeugen einer uralten Kultur zu
schauen; da sie sich aber in großen Massen unter
allen Nationen aufhalten, geht man an ihnen vorüber,
ohne sie zu achten. So ganz entspricht dieses Wort
Heines nicht der Wahrheit. Wer da weiß, was die
•- im Verhältnis zu allen anderen Völkern — so
wenigen Juden der Welt schon zu schaffen machten, könnte
gar leicht zu dem Ergebnis gelangen, man schenkt ihnen zu viel
Beachtung, man kümmert sich zu sehr um sie, ist überall und
immer zu schnell dabei, den „Juden" als solchen von allen
anderen Menschen zu unterscheiden. Es hieße Eulen nach Athen
tragen, wollten wir den historischen Nachweis führen, daß das
Wort „Jude" im Laufe der Zeit das internationale Signal für
unsere Verfolgung geworden ist. Ist es doch eine psychologische
Tatsache, daß das Wort „Jude" im Munde eines Nichtjuden
unsere ohnehin schon große Empfindlichkeit noch mehr gereizt
1«t. Erst die letzten Jahrzehnte, die ein allseitiges Erstarken
t>es Judentums aufweisen, haben auch hierin eine Umwand-
ung unserer Seele bewirkt, und wer uns heute Jude „schimpft",
Bst in uns nur das Gefühl des Stolzes aus.
An sich wäre es nicht sonderbar, daß sich die jüdische Ge¬
meinschaft von wenig freundlich gesinnten Völkern umgeben
iah; finden wir doch kaum eine Nation, von der man schlecht¬
hin sagen könnte, sie hätte keine Feinde, Wenn wir genauer
Hinblicken, entdecken wir, daß gerade das Bewußtsein, in der
Hand andever nur Objekt zu sein, die Staaten dazu veranlaßt,
immer mehr und mehr Subjekt zu werden oder — um es mit
anderen Worten zu sagen — sich die politischen Lebens¬
bedingungen nicht von anderen diktieren zu lassen, sondern sie
selber zu diktieren. Um aber solches tun zu können, muß man
innerlich einig sein, nach außen hin eine Gemeinschaft bilden
und als solche vertreten sein. Daß die Einigkeit im Innern und
die gemeinsame Vertretung aller Juden nach außen fehlen,
machte die „Politik der Juden" stets zu einer tragischen.
Aber auch die „Judenpolitik" unterscheidet sich sehr von
jeder anderen Politik. Sie läßt sich nicht von großen, staats-
männischen Ideen leiten, von Gedanken, die Gemeingut der
größten Politiker aller Länder sind, sondern von
niedrigen Leidenschaften. Und wenn es eine Wahrheit
ist, was einst ein großer Staatsmann sagte: „In
der Politik gibt es keine Moral," so haben wir den
klassischen Beweis für dieses Wort in der „Judenpolitik". Das
Unmoralische der „Judenpolitik" liegt nicht nur in ihren
Mitteln und Zielen, sondern auch in ihrem Versuch, sich mo¬
ralisch zu rechtfertigen. Man denke nur an die vielen grobsinn¬
lichen Beschuldigungen, die man im Mittelalter gegen uns er¬
hob, an die Verdächtigungen psychischer Art, mit denen man
uns in neuester Zeit bekämpft. Immer und immer ist es das
Streben, sich und anderen einen rechtlichen Grund für den
Judenhaß zu suggerieren. Es wird sicher einmal eine Zeit
kommen, in der man die „Judenpolitik" als Maßstab an einen
Staat anlegen wird, um die Höhe seiner Kultur sestzustellen.
Vorläufig sind wir Juden leider noch immer die einzigen, die
diesen Gradmesser gebrauchen.
In dem großen, wissenschaftlichen Streit, der um die Ver¬
erbungstheorie entbrannte, hörte man viel von dem psycholo¬
gischen Gesetz: „Funktionen schassen sich Organe." Auf die
„hohe Politik" übertragen, können wir betonen, daß die Funk¬
tionen des durch Vererbung übernommenen Judenhasses gleich¬
falls ihre Organe sich geschaffen haben, und zwar im Staate
selber. Wie sehr ein solcher Staat auf die Dauer unhaltbar
ist, wie sehr er auf seinen eigenen Untergang hinarbeitet, lehrt
die Geschichte Spaniens. Zu Recht besteht noch immer die Lehre
des Aristoteles, daß der Staat in der Erziehung des Volkes zur
Tugend seine Hauptaufgabe erblicken, daß er entgegenkommen
müsse dem Verlangen der Menschen, sich einander anzu¬
schließen (ocvSpioTto; cp63si -'iXtrr/.ov £<j>c.v), daß er keine Daseinsbe¬
rechtigung habe, wenn er Haß und Zwietracht säe und erhalte,
anstatt die Glückseligkeit der Bürger in einer vollkommenen
Gemeinschaft des Lebens zu fördern. Aber die Staaten — und
darin liegt das Unmoralische einer jeden Politik - - richten sich
nicht nach philosophischen Maximen, sondern nach Opportuni¬
tätsgründen, und nichts schwankt mehr als das Ziel der
Politik.
Bei eingehender Betrachtung der „Iudenpolitik" kommt man
zu dem Ergebnis, daß sie in den verschiedensten Ländern die
verschiedensten Gestalten hat. Je höher ein Land in der all¬
gemeinen Bildung steht, desto tiefer sitzt der Antisemitismus
in der ganzen Bevölkerung. Je niedriger die allgemeine
Bildung eines Landes ist, desto mehr ist der Antisemitismus
nur ein politisches Instrument in der Hand weniger. Was
haben wir nicht in unserem deutschen Vaterland vor dem Krieg
gegen den Judenhaß kämpfen müssen: auf Schritt lind Tritt
begegneten wir ihm, bald zeigte er uns ein politisches, bald ein
gesellschaftliches Antlitz, bald war er religiös, bald wirtschaft¬
lich, obwohl doch ohne Zweifel das deutsche Volk das gebildetste
ist. In Rußland dagegen ist der Antisemitisinus trotz aller