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Pogrome — und das weiß jeder, der die russische Bevölkerung
aus eigener Anschauung kennt — nicht Gemeingut aller
Rechtgläubigen; er würde auf einen Wink von oben sofort ver¬
schwinden. Dort ist er nur künstlich großgezogen worden, weil
die Regierung seiner als politischen Blitzableiters benötigt.
Es muß doch so sein, daß in jedem Menschen etwas Raub¬
tierartiges liegt, daß er ein Lpfer braucht, welches er zerreißt,
quält oder mit dem er spielt, bis es im Spiel unterliegt. Und
wir waren so sehr daran gewöhnt, daß man uns Juden quält,
sein Spiel mit uns treibt, daß in unserer Vorstellung ein
Rußland ohne seine Juden so wenig Raum findet wie eine
Bestie ohne ihr Lpfer. Man denke sich nur einen hohen
russischen Beamten, der Karriere gemacht hat, ohne in einer
ganz besonderen Art der Judenverfolgung seine geistigen
Fähigkeiten bewiesen zu haben! Und wie wollte man in
anderen Ländern den Hochmut und Uebermut betätigen, wenn
man nicht Juden hätte, über die man die Rase rümpfen
tonnte!
Und doch! Trotz allem und allem, ivir dürfen und werden
nicht eher ruhen, nicht eher die Waffen fortlegen, als bis wir
im Kampf um die Ehre des Judentums und der Judenheit
einen ehrenvollen Frieden errungen haben. Die „Politik der
Juden" war darum immer so schwierig, weil wir nicht in
einem Territorium leben, weil wir nicht Vertreter haben,
die sich zu Recht Vertreter der gesamten Judenheit nennen
konnten. In jedem Lande waren wir Juden gezwungen, auf
eigene Faust Politik zu treiben, weil die Glaubensbrüder im
anderen Lande in ihrer Politik andere Wege gehen mußten,
Wege, die durch die dortige „Judenpolitik" bestimmt wurden.
Die geographische und politische Zerrissenheit aber stellt sich als
größtes Hindernis einmütigem Handeln entgegen. Auch die
Zerklüftung im Innern, die unendlich vielen Gegensätze in
religiöser Hinsicht gaben der „Politik der Juden" stets einen
kleinlichen Charakter. Man vergaß in der Hitze des Partei¬
kampfes das große Ziel: die Erhaltung und Stärkung des ge¬
samten Judentums. Was ist nicht außerdem alles geschehen,
um durch die Verbreitung der Wissenschaft des Judentums
alle Glieder der Judenheit um das alte Banner zu sammeln.
Die Größe des Aufwandes und der Mühe steht in keinem Ver¬
hältnis zum Erfolg. Es sind stets die nämlichen, die ohnehin
jüdisch-wissenschaftliches Interesse zeigen, die große Allgemein¬
heit verhält sich dazu vollkommen passiv. Welches muß des¬
halb mit Notwendigkeit das Ziel der „Politik der Juden" sein?
Seitdem die Kriegssackel lodert, hat kein Sterblicher eine
rechte Vorstellung von der politischen Konstellation nach dem
Krieg. Von ihr wird auch ganz besonders die zukünftige
„Politik der Juden" abhängen. Allen Schwankungen, denen
sie etwa ausgesetzt sein dürfte, treten wir entgegen, wenn wir
das Bewußtsein von der notwendigen Erreichung zweier Ziele
zum Gemeingut aller Inden machen. Diese beiden Ziele
heißen: numerische Vergrößerung und sittliche Steigerung.
Unsere Oualität und unsere Quantität müssen sich bedeutend
heben. Je mehr Juden, desto mehr Mitkämpfer, desto mehr
Brüder, desto weniger die Vereinsamung. Die Geschichte hat cs
uns zu deutlich gelehrt, daß wir unter den anderen Völkern
nicht viele Freunde haben, daß wir auf unsere eigene Hilfe an¬
gewiesen sind. Vermehren wir deshalb die Zahl unserer Helfer
int eigenen Lager, brandmarken wir öffentlich das Unsittliche,
das in der Beschränkung der Geburtszahl liegt. Seien wir über¬
zeugt davon, daß es das Judentum verdient, erhalten zu
werden, und ist auch unser Wille, es zu erhalten, so müssen wir
zunächst unsere numerische Steigerung im Auge haben.
Nicht weniger ist aus unsere qualitative Hebung zu achten.
Das Schandmal der gesellschaftlich Ausgestoßenen soll sich
durch uns in sein Gegenteil verwandeln, soll eine veredelnde
Wirkung auf uns ausüben. Nannte man uns früher das „Volk
s der Bibel", das „Volk der Religion", soll man uns in Zukunft
! das „Volk des Charakters" heißen. Das erreichen wir nur
dann, wenn wir Jahrzehnt um Jahrzehnt an uns selber ar¬
beiten, wenn es wie eine innere Offenbarung von Seele zu Seele
geht: „Niemand soll behaupten dürfen, wir sind ausgeschlossen
worden, weil wir in ethischer Beziehung niedriger stehen." Ein
Beispiel müssen wir Juden werden für wahrhaftigen
Charakter, für selbstloses, gerechtes Handeln, für anständige
Gesinnung, für diskretes Benehmen. Wir müssen streng
werden gegen uns selber und streng gegen unsere Glaubens¬
brüder, denn uns Juden fehlt noch viel dazu, um ein nach-
nahmenswertes Beispiel zu werden. Das aber muß unser un¬
erläßliches Ziel sein — die „Politik der Juden". Schon der
jüdische Schüler soll es in seiner Jugend immer und immer
wieder hören, er muß sich durch seinen Charakter auszeichnen.
Ja, er muß dazu erzogen werden, jeden Verkehr mit einem
Menschen aufzugeben, dem nicht die Lauterkeit der Gesinnung
und die Geradheit des Wesens das höchste Ziel sind. Wie es
jüdische Turn- und jüdische Literaturvereine gibt, sollte man
besonders ethische Vereine gründen, damit wir die unjüdischen
Eigenschaften ablegen, die wir in der Ghettozeit annehmen
mußten. Das Wort „Jude" muß seinen schönen, vollen Klang
nicht nur in unseren Ohren haben; alle Welt soll durch uns
umlernen, daß „Jude" fein gleichbedeutend ist mit dem Streben
nach einem vollkommenen Charakter.
Sind wir groß an Zahl und groß an Seele, so bleiben wir
bestehen, so brauchen wir keine politische Konstellation z»
fürchten, so sind wir im schlimmsten Fall stark genug, uns
mutig zu wehren.
Dir Wochr.
^ Berlin, den 6. Juli 1915.
chon hat der zwölfte Monat dieses entsetzlichen, wenn auch
für uns bis jetzt glorreichen Krieges begonnen. Auch
die verflossene Woche war reich an großen Erfolgen. Die ver¬
bündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen
sind unaufhaltsam in ihrem Vormarsch gewesen und haben
unendliche Beute davongetragen. Die Zahl der Gefangenen
des Monats Juni ist geradezu enorm und die gemachte Beute
so riesengroß, daß man in der Tat staunen muß, wie Rußland
bei diesen alles Maß überschreitenden Einbußen noch immer
über neue Hilfskräfte verfügt. Ebenso erstaunlich ist der
Widerstand, den die Russen an vielen Orten leisten. Und doch
hat man bei dem fluchtähnlichen Rückzug an vielen Stellen und
dem ständigen, freilich unter den erbittertsten Kämpfen er¬
folgenden Zurückweichen an anderen Orten den Eindruck, daß
ihre Kraft allmählich erlahmt, und daß trotz der ungeheuren
Menschenmengen, über die Rußland ungeachtet der enormen
gar nicht abzuschätzenden Verluste gebietet, und die das Zaren
reich befähigt, die Lücken immer wieder auszufüllen, über kur
oder lang versagen muß.
Ungemein wichtig ist auch, daß in Italien, wo sich di>
Oesterreicher, in Frankreich und Belgien, wo sich di>
Deutschen auf die Defensive beschränken, die vier gegen uns ii
Waffen stehenden Mächte, Italien, Belgien, Frankreich uni
England, keinen Schritt vorwärts gekommen sind. Im Gegen
teil. Die Verluste der Italiener bei den wiederholten Angriffe!'
am Jsonzofluß sind außerordentlich. Selbst die Zahl der ge
fangenen Franzosen ist im Laufe der letzten Woche eine rech
erhebliche gewesen bei dem einzigen Male, daß die Deutscher
selbst einen kräftigen Vorstoß unternahmen.
Das Erfreulichste aber an dieser ganzen Sache besteht darin
daß die Gegner furchtbar kleinlaut werden. In Italien ist'ei-
recht still geworden. Es hat zwar den Anschein (darauf lasten
Nachrichten über die Reise des Ministers Salandra an dir