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IK Jahrgang Nr. 39
Allgemeine
Berlin, 22. September 1915
Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse
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Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49
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Verlag von Rudolf Mosse, Berlin.
ffflhftft* Wege zur Freude. Zum Hüttenfeste. Von Bezirksrabbiner
JHlfttll. Dr. Max Beer mann, Heilbronn. — Die Woche. —
amuel Hirsch. Von L. G. — Die,/Wohltaten" des Hauses Romanow. Von Leo
che in haus. — Das jüdische Proletariat in Rußland. Bon Dr. J. Fr. —
eo M. Frank. Ein amerikanischer Dreysus oder dasOpfer eines Ritualmordes,
wn Gotthard Deutsch. — Noch ein Wort zum „Gemeindegesang". Von
berkantor Hermann Zivi, Elberfeld. — Feuilleton: Der lange Rock,
toyian von Anna Goldschniidt. — Büchereinlauf.
Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Juden-
oms"). Die dritte Kriegsanleihe in Frage und Antwort. — Berlin,
<osen, Czarnikau, Wilhelmshaven-Rüftringen, Bonn, Konstanz, Wien,
etersburg, Konstantinopel. — Bon Nah und Fern.
Wege ?ur Freude.
Zum Hüttenfeste.
Bon Bezirtsrabbiner Dr. Max Beer m n 11», Heilbrvnn.
ine verfallene Hütte am Strande der wogenden See.
Die Alte am Spinnrad. Fleißig regen sich die Hände.
,11 stiller Dämmerstunde sitzt die Enkelin der Großmutter zu
äßen und lauscht den leisen Worten, die ihre Arbeit begleiten,
ton der Fischerstochter, die den verzauberten Prinz erlöste und
ine Königin ward, klingt verheißungsvoll die Kunde in die
chnende Kindesseele. Des Mädchens Augen leuchten. Doch
ie Ahnin seufzt and spricht: „Sei stark, du zitterndes Kinder¬
erz, und halte die Tränen zurück, uns alle hat es belogen, uns
lle hat es betrogen, das sonnige Märchen vom Glück!"
Das sonnige Märchen vom Glück! Wie so manch still um-
nedetes Hüttlein ist durch die gewaltige Kampfcswoge fort¬
erissen, wie so manch trautes Glück im Winkel ward in dieser
-seinen Zeit durch des Weltkrieges eherne Gewalt zerschmettert,
a sehe ich Männer vor mir, einstens kraftvoll und markig,
im todeswund und verkrüppelt, da sehe ich Frauen mit müden
'iienen und verweinten Augen, mit umdüsterten Stirnen,
arein Not und Sorge ihre dunklen Runen geschrieben haben,
a sehe ich Kinder vor mir mit blutleeren Wangen und mattem
'lick, um die Lippen einen rührenden Zug der Wehmut... als
ätten sie das Lachen verlernt. Und daneben sehe ich Men¬
heu, die wohl Freuden haben, doch die Freude fehlt, Kinder
cs Glücks und Erfolges, die doch nicht glücklich sind. Und
u wallen kommt unser Fest wie ein lichter Engel und ruft:
Leid fröhlich!"
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Der Gottesbote der Freude zeigt uns den Ethrog, die
oldig prangende Frucht des sonnigen Südens mit ihrer Herz-
cstalt, die einst in Israels Ldhrhäusern als Sinnbild der
leligion, die das Herz will, aufgefaßt wurde, und zeigt uns
in Glauben den Born der Freude. Von dem großen Dichter
:i Farben, der nahe der brandenden Nordsee unsterbliche
Meisterwerke mit erstaunlichem Wirklichkeitssinn geschaffen
mt, Reinbrandt, gibt's ein Bild, da sieht man den Zug der
leidenden, der sich um den Seher drängt, vorn ein Greis, ihm
zu Füßen, aus elender Karre, sein gelähmter Sohn, daneben
ein verkrüppeltes Mütterchen und bei ihr ihre wahnsinnige
Tochter, allen voran aber ein junges Weib, mit dem sterben¬
den Säugling im Arm, als wollte es sagen, daß sein Leid das
größte sei, und sie alle harren der Hilfe aus der Höhe. Und
heute, wo zu dem alltäglichen Elend die Riesennot eines
gigantischen Krieges gekommen ist und tausend Wunden bluten
und Ströme von Tränen fließen, da sehen wir wieder die
Menschen unterwegs aus der Wallfahrt nach dem Wundcr-
guell der Frömmigkeit, aus dem ihren Seelen die wahre
Freude rauscht:
Zivnsstille will sich breiten
Um mein Sorgen, meine Pein,
Und die Stimmen Gottes läuten
Freude, ewige Freude ein.
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Der Palme Zweig grüßt dich und erinnert dich an den
Emir des Pflanzenreiches, der freundlich den müden Wüsten-
wanderer labt mit süßer Frucht, und bittet dich:
Wenn du ein Wort der Liebe hast.
Verschließ' es nicht im Herzen.
Brich,es als Blütenzweig vom Ast,
Zu lindern herbe Schmerzen.
Da wir Kinder waren, lauschten wir in atemloser
Spannung auf die sinnige Erzählung von jener lieblichen
Nachtigall, die durch ihren Gesang dem Kaiser die Spuk¬
gestalten verscheucht und den Todesengel verscheucht. Unser
sanftes Wort, unsere freundliche Tat soll ein Lied der Liebe
sein, das unsere Mitmenschen erlöst. Und wann brauchte die
Welt mehr der Liebe als heute, wo Dämon Krieg mit zerstören¬
der Fackel durch die Lande wehte. Da sind allerorten nötig
warme Herzen und weiche Hände, die helfen und heilen: und
indem du anderen Freude trägst ins sorgenumdüsterte Gemüt,
zieht auch in dein eigenes Innere ein der Sonnenschein der
Fröhlichkeit!
Der Myrthe Duft gemahnt an den guten Ruf und braven
Namen, den treue Arbeit schafft. Und diese Arbeit, sie senkt
Freude in die Seele. Die Aerzte wissen: für manche zerfallenen
und zerfahrenen Menschenseelen, die nach Freude lechzen und
deren Nerven müde sind und zermürbt, gibt's nur ein Heil¬
mittel: treue Arbeit. Arbeit, die nicht bloß aus der Selbstsucht
stammt, sondern aus der Selbstverleugnung. Der Himmel
der Freude erschließt sich nur selbstverleugnendem Wirken.
Wer nur für sich gedacht hat und geschafft, wird von den
Pforten zur himmlischen Freude zurückgewiesen:
Du hast gehört der Menschheit Jammerschrei
Und gingst vorbei.
Zu den Segensmächten dieses leidreichen Krieges gehört,
daß er das soziale Gewissen geschärft, den Sinn für Gemein-