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und gesellschaftlichen Interessen. Wenn sich der Jude mit ihnen
vermengt, so kann es nur zu ihrem Schaden sein. Er kann nur
dann Platz gewinnen, wenn er andere hinausdrängt. So¬
lange er Jude ist, kann man sich gegen ihn wehren. So sehr
er auch danach strebt, den Rassenmagyaren zu gleichen, sein
Aeußeres, seine Gewohnheiten verraten den Fremdling und
drängen ihn zurück. Aber wenn er sich taufen läßt, dann ist er
gleich ein Rassenmagyar. Wenn er es nicht sofort ist, dann
ist er es in der zweiten Generation ganz gewiß. Denn in Un¬
garn heißt jeder, der Christ ist, Magyar, sofern er nicht eben
vorzieht, Rumäne oder Sachse zu sein, Mas mitunter auch sehr
lohnend ist.
Littauer machte sich aus dieser argwöhnisch m Zurückhal¬
tung nicht das geringste. Seinetwegen mochten sie tun, was sie
wollten. Auch die kleinlichen Eifersüchteleien ärgerten ihn
nicht. Was befürchteten denn diese Herren eigentlich? Er be¬
wirbt sich weder um ihr Ansehen noch um ihren Einfluß. Er
verlangt nichts und erwartet nichts. Er hat keine besonderen
Ambitionen. Er wollte eine Unternehmung haben, und diese
hat er bekommen. Mehr will er nicht.
Um so mehr war aber Agnes Maria wegen der reservierten
Haltung der Christen betrübt. Die gute Frau hatte sich den
christlichen Zustand ganz anders vorgestellt. Sie hatte ge¬
glaubt, daß sie sich bloß taufen lassen müsse, um gleich so
ausgenommen zu werden wie Frau Sonngott oder Frau Su-
hajda de Hajdäcs, denn ein getaufter Jude ist doch so viel wert
tvie ein als Christ geborener Edelmann. Ja, warum nicht
gar! Galt sie ihnen so viel? Wurde sie ebenbürtig behandelt?
Tie christlichen Herren grüßten sic auch jetzt noch ebenso wie
früher: höflich und mit besonderer Achtung. Vor Frau Su-
hajda lüften sie kaum den Hut, nur ganz ohnehin mit fami¬
liärem Lächeln rufen sie ihr ein freundschaftliches „Küß die
Hand" zu. Aber wieviel Wärme steckt darin, welche Unmittel¬
barkeit des Zusammengehörens. Diese Unterscheidung riß
ihr ins Herz, und mit tiefem Schmerze fühlte sie, daß vor ihr die
christlichen Herren immer den Hut abnehmen würden.
Nun, mit den christlichen Herren wäre es noch irgendwie
gegangen. Aber die Frauen. Die grausamen Frauen, ach,
diese quälten sie mit tausend Nadelstichen. Sie erwiderten tvohl
ihren Besuch, doch sie wußte ihnen keinen Dank dafür.
Frau Szentpüly trat mit den Worten bei ihr ein, sie habe
wirklich eine sehr angenehme Enttäuschung erfahren.
„Wissen Sie, gnädige Frau, aufrichtig gesagt, fürchte ich
mich ein wenig vor den Juden."
„Aber, Baronin," sprach errötend Frau Littauer, „Sic
wissen ja . . ."
„Ich weiß es, ich weiß es, aber dennoch wissen Sie . . . das
geht nicht so schnell."
Frau Suhajda wieder nahm sie vertraulich beiseite und
fragte zitternd vor Neugierde: „Nur mir sagen Sie es, mein
Herz. Jetzt kann es Ihnen doch schon ohnehin ganz gleich sein.
Sagen Sie mir doch, liebe Frau Littauer, ist es wirklich wahr,
daß ihr Ostern Christenblut haben müsset?"
Auch ihre Dienstboten hatten das gefragt. Alle fragten
das.
Doch nicht alle gingen so einfältig oder so rücksichtslos vor.
Es gab auch solche Frauen, die auf feine Art, gleichsam hauch-
artig, jene ideale Grenzlinie zogen, welche sie voneinander
trennte. Da war zum Beispiel Frau Keöcheöghy, die unter
allen die größte Bildung besaß. Auch diese war bei dem ersten
christlichen Jour anwesend, aber sie verletzte Frau Littauer nicht
mit bösgemeinten Anzüglichkeiten. Im Gegenteil, sie lobte und
pries alles, was ihr vorgesetzt wurde, besonders das feine Back¬
werk. So lieb und so sanft war diese Frau, und auch beim Ab¬
schied strahlte sie vor lauter Wohlwollen. Sie umarmte Frau
Littauer, küßte sie und sprach wieder lobend:
„Liebste, cs war einfach herrlich. Alles war großartig. Nur
mehr Rahm sollen Sie, mein Herz, ein anderes Mal nehmen.
Wir haben es s o gern, bei u n s ist Rahm die Hauptsache."
Also war sie noch immer nicht bei ihnen. Ihre Seele
schluchzte und weinte, und jetzt dämmerte auch ihr eine trübe
Ahnung davon, daß sie zwischen zwei Welten geraten war.
Die eine hatte sie hinansgcstoßen, und die andere wollte sie
nicht aufnehmen.
IX.
In dem Hellen Littauerschen Hause war die Luft gar ge¬
drückt geworden. Die alte patriarchalische Heiterkeit war hin¬
ausgezogen und trübe Fastenstimmung lagerte auf allem,
gleich einer finsteren Wolke. Frau Littauer, die sich in den
Christen getäuscht sah, suchte im Christentum selbst Entschädi¬
gung. Aber da sie ihre neue Religion, deren Geist und Wesen
ebensowenig verstand, wie sie ihre alte Religion verstanden
hatte, konnte sie sich nicht auf deren Höhen empvrschwingen,
sondern siel in ihre Tiefen. Sie klammerte sich an die Aeußer-
lichkeiten des Christentums, las den Rosenkranz, ging oft zur
Kirche, verehrte die Heiligen, beichtete und enthielt sich Freitags
des Fleischessens. Und als ihr auch das keine Befriedigung
mehr gewährte, fand sie bei ihrer primitiven Bildung die
primitive Urform des Christentums, die selbstquälerische, ent¬
sagungsvolle, öde Askese, welche die Menschen flieht, den klein¬
sten Freuden scheu ausweicht und das Erdendasein zu einer
langen, qualvollen Folter macht.
Littauer verspottete diesen sinnlos blinden Eifer, doch hatte
er keine Zeit, sich viel darum zu kümmern. Er steckte bis
zum Hals in der Arbeit, und manches ging ihm schief. Er
hatte die Vorarbeiten des Baues in Angriff genommen, was
mit viel Aerger verbunden war, denn jeder wollte ihn über¬
vorteilen. Und wenn er sich nach den Verhandlungen mit
Lieferanten, Fuhrleuten und Arbeitern ein wenig ausrnhcn
wollte, kam seine Frau und klagte ihm ihre Leiden.
Als ob er keine gehabt hätte. Wurde doch auch er scho¬
nungslos von rechts und links gestochen und gebissen. Bald
von Juden, bald von Christen. Die Nadelstiche der Christen
duldete er lächelnd. An diese war er ja seit jeher ge¬
wöhnt. Aber die Sticheleien der Juden ärgerten ihn, machten
ihn ungeduldig, nervös, ja beinahe krank.
Nichts verletzte ihn aber so sehr, wie das Purimspiel. Das
griff ihm ans Herz. Vergebens sagte er sich, daß die Pfeile,
welche Zodek Hungerleider gegen ihn abgeschossen hat, jetzt
stumpf seien und nicht mehr verwunden könnten.
Diese öffentliche Verhöhnung schmerzte ihn so sehr, daß er
an Rache dachte. Dieses unedle Empfinden, welches zu seiner
gutmütigen Naturveranlagung in Widerspruch stand, hätte er
sonst zurückgewiesen, jetzt aber fühlte er es als menschliche Ge¬
rechtigkeit.
Und er schürte seinen Zorn, nährte den Groll iin Herzen
und zerbrach sich den Kopf, um verschiedene Bosheiten zu er¬
sinnen, was ihm nicht schwer siel, denn er >var erfinderisch.
Sein erster Gedanke war, diesen boshaften Zodek Hunger¬
leider abschieben zu lassen. Das könnte er sehr leicht durch¬
setzen. Dem Richter lvaren die vielen gelockten Bachurim ohne¬
hin ein Dorn im Auge. Er betrachtete alle als Gesindel und
Tagediebe.
Zodek war nur ein Werkzeug, der wahrhaft Schuldige war
David Gutlohn. Sein tückischer Verstand hatte diese Schmäh-
lichkeit ailsgeheckt.
Nun, dann wird er die Beleidigung an ihm rächen. Lange
überlegte er, auf welche Weise er dies bewerkstelligen solle.
Gutlohn war reich, er aber war noch reicher. Er könnte ihm
sehr leicht Schaden zufügen. Den Weizen der Bauern könnte
er ihm vor der Nase wegkaufen, ihn aus dem Pachthofe hinaus¬
steigern; dann könnte er auch .wegen seiner unehrlichen