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£=£: Aur Geschichte der Juden in Lauingen und in
anderen Pfalz- neu burgischen Orten. Von Louis
Lamm. Zweite, vermehrte Auflage. Berlin 1915. Verlag von
Louis Lamm.
Ein sehr interessanter Beitrag zur Lokalgeschichte hauptsächlich
des 17. Jahrhunderts. Es ist das typische Bild, das uns hier vor¬
geführt wird: Bedrückungen der Juden durch eine Stadt, Schutz
durch die Fürsten, die diesen Schutz freilich nicht aus Menschlichkeit,
sondern aus fiskalischem Interesse angedeihen lassen. Von sinnlosen
Bedrückungen mag erwähnt sein, daß 1636 den Juden, die zwei
Kühe hielten, nicht gestattet werden sollte, die Tiere zur Weide zu
führen. Neben den ewigen Beschwerden stehen dann die Pläne zur
Unterdrückung und Vertreibung. Trotz all des elenden Zustandes
herrschte bei den Juden doch eine gewisse Lebensfreudigkeit, so daß
sich der Rat 1651 einmal beschwerte, daß sie öffentliche Tänzer und
Spielleute hielten. Tie Zustände blieben einigermaßen erträglich
unter dem Pfalzgrasen Wolfgang Wilhelm, wurden aber unter
seinem Nachfolger Philipp Wilhelm unglaublich; durch letzteren
geschah die Vertreibung der Juden aus Stadt und Land. Nach¬
dem sie wiedergekommen, erfolgte 1671 eine neue Vertreibung, 1741
und 1769 wiederum Ausweisungen; 1776 wurde nur ein Hofjude
mit besonderen Privilegien ausgestattet. Tie Schrift ist fleißig und
— soweit ich ohne Kenntnis der Originale urteilen kann — ge¬
wissenhaft nach bisher unbekannten handschriftlichen Materialien
bearbeitet. Im Texte sind einzelne der verwerteten Stücke in ganz
moderner Schreibweise wiedergegeben. Im Anhang werden Ur¬
kunden im Original obgedruckt. Sie machen aber den Eindruck,
als wenn sie durch Abschreibe- oder Truckfehler arg entstellt sind.
Tie Abkürzungen sind häufig nicht richtig aufgelöst. Statt „wid"
soll es gewiß „wieder" heißen; statt „daß" zu Urkund muß gewiß
„deß" zu Urkund gelesen werden. Was soll „murstiglich" bedeuten?
Aber diese Kleinigkeiten sollen uns in der Anerkennung der fleißigen
Arbeit nicht stören. L. G.
*
= Ter Ton Juan der Bella Riva. Von Rudolf Presber.
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin 1915.
Ich liebe Presbers Talent, seine leichte, anmutige Art zu erzählen,
den Reichtum der Erfindung, das Behagen, die uns meist in an¬
ständiger Gesellschaft verweilen lassen, ohne besondere Freude am
Zweideutigen und ohne das Verlangen, im Schmutz zu wühlen. In
den schweren Zeiten, die wir durchleben, ist gerade diese harmlose
Lektüre nervenberuhigend. In dem vorliegenden Bande sind zwölf
Geschichten vereinigt. Ter Titel rührt von der ersten und größten
Novelle her. Es sind meist Burlesken: komische Käuze, Menschen, die
sich für unwiderstehlich halten und durch ihre falsche Meinung in
Ungelegenheiten kommen, Tugendbolde, die im geheimen des Lebens
Freuden zu genießen wissen, zänkische Ehepaare, verliebte Jünglinge,
alte Gecken, grüne Jungen und kokette Dämchen, die uns in lustigen,
häufig wahrscheinlichen, manchmal nicht ganz glaubwürdigen Aben-
teuern vorgesührt Werdern Ter Autor weiß zu unterhalten, appelliert
sehr selten an die Lüsternheit, wenn er auch nicht geradezu Moral
predigt, verfügt über einen erquickenden Humor und über eine frische,
meist liebenswürdige Satire. In manchen früheren Sammlungen,
die an dieser Stelle angezeigt wurden, spielten Juden eine Hauptrolle,
ohne daß der Verfasser bei allem heiteren Spotte je eine Spur von
antisemitischer Gesinnung verriet. In dieser Sammlung kommen
Juden nur ganz episodisch vor. In der sehr lustigen Skizze „Wie
mein Onkel Exzellenz aus dem Hosdienste schied" wird ein Eim
jähriger erwähnt, der den Mitreisenden, auch der Exzellenz, Mazzoth
anbietet und mit seiner Gabe auch bei dem schließlich Hunger
verspürenden Herrn allmählich Gnade findet. In der Erzählung
„Isidor", die nicht etwa von einem Juden, sondern von einem Reit¬
pferd handelt, das den genannten Namen führt, wird von der Frau
eines jüdischen Bankiers geredet, die von einem das Roß benutzenden
Arzt auf einem ohne Wissen des Mannes unternommenen Spazierritt
begleitet wird.
Das Büchlein wird sich gewiß viele Freunde erwerben. L. G. .
*
~ T i e moderne Pentateuchkritikund ihre neueste
Bekämpfung, beurteilt von Eduard König, Dr. Phil, und
theol., ord. Professor und Geh. Konsistorialrat in Bonn. Leipzig.
A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung Werner Scholl. 1914.
Das letzte Jahrzehnt hat in der Vibelwifsenschaft manchen bedeut¬
samen Wandel gebracht. Die Auffassung von der Entwicklung der
jüdischen Religion hat sich derart geändert, daß man geradezu von
einem Zusammenbruch der Theorien sprechen kann, auf deren Grund¬
lage Wellhausen und seine Anhänger ihr so klares und anscheinend un¬
anfechtbares Bild -der biblischen Zeit entworfen hatten. Und nunmehr
wenden sich die Angriffe der allermodernsten Forschung gegen die
Grundlagen der gesamten höheren Kritik, besonders gegen die
bisher von der christlichen Gelehrtenwelt fast allseitig anerkannte
Quellenscheidung, welche den Pentateuch und das Buch Josua — vor¬
nehmlich wegen des Wechsels der Bezeichnungen für „Gott" — in eine
Reihe von einzelnen Qu-ellschriften Zerlegt. Besonders Dahse und
L e p s i u s sind es, die gegen jene fast zum Dogma gewordene Urkunden¬
hypothese, das festeste und älteste Bollwerk der christlichen Bibelw-issen-
schaft, immer wieder Sturm lausen. Freilich muß man vom jüdischen
Standpunkt aus bei diesen Kämpfen erhebliche Unterschiede machen.
Denn das Zurückdrängen der Wellhausenschen Theorien hat einer
positiven, der jüdischen Tradition sich erheblich nähernden, wissen¬
schaftlichen Auffassung vom biblischen Weltbilde die Wege geebnet,
wohingegen die Angriffe Dahses und seiner Freunde nur noch wilderen
und unhaltbareren Hypothesen den Zugang zu verschaffen versuchen.
Dahses Hauptschlag richtet sich gegen die Zuverlässigkeit der Ueber-
lieferung der Gottesnamen im Pentateuch. Und sind diese in ihrer
heutigen Gestalt das Ergebnis späterer Redaktion, wie er behauptet,
so sinkt die Urkundenhypothese mit allen ihren Folgerungen in nichts
zusammen. Wenn aber Dahse in diesem Punkt die Sicherheit der
Tradition, die bisher unangefochten war, erschüttern kann, so wird
damit zugleich die Zuverlässigkeit des Bibeltextes überhaupt in Zweifel
gezogen. Diesen radikalen Angriffen tritt nun in vorliegender Ver¬
öffentlichung der bekannte Vertreter M-testamentlicher Wissenschaft,
Professor König in Bonn, scharf und eingehend entgegen, indem er
Dahses Einwände gegen die Grundlage der Urkundenhypothese genau
untersucht und zerpflückt. Es ist nun hier keineswegs der Ort, auf
die Sache selber einzugehen und auseinanderzusetzen, was von jüdischer
Seite gegen die Urkundenhypothese an sich und insbesondere gegen die
aus ihr gezogenen Folgerungen einzuwenden ist. Aber ganz unab¬
hängig davon, ob wir in der Hauptsache mit König übereinstimmen
oder nicht, gebührt ihm der herzlichste Dank aller Bibelfreunde dafür,
daß er so gründlich und mit so gediegenen Beweismitteln für die
Autorität unseres Bibeltextes eingetreten ist. Denn durch das Auf-
zeigen des Alters und der Güte der Tradition bei den Gottesnamen
hat er natürlich für die Vortresflichkeit der Ueberlieferung überhaupt
Zeugnis abgelegt. Alle Einzelheiten, durch die Dahse seine Ansichten
und Behauptungen stützt, widerlegt König in zwingender Weise, und
besonderes Interesse hat für uns sein Nachweis, daß Talmud und
Targum, insbesondere aber der samaritanische Pentateuch im Gegen¬
satz zu den Behauptungen des radikalen Gegners durchaus keine
Waffe gegen den massoretischen Text bieten.
Dahses Hauptbeweismittel ist die Septuaginta in ihren ver¬
schiedenen Fassungen und Lesarten. König begnügt sich nun nicht mit
der direkten Widerlegung, sondern er führt auch indirekt seinen Be¬
weis, indem er den Spieß umkehrt und die textkritische Autorität der
griechischen Bibel bezweifelt und an greift. Durch Hunderte von
Einzelheiten weist er überzeugend nach, daß der Wortlaut der Sep¬
tuaginta die Autorität des hebräischen Bibeltextes keineswegs zu er¬
schüttern imstande ist, un d^w enn auch durch diese Kleinar beit das
Studium^ der Schrift ebenso erschwert"wird wie durch den Umstand,
daß König — freilich nie ohne Grund — andauernd seine früheren
bibelwissenschaftlichen Werke zitiert, so gewinnt man doch die Ueber-
zeugung, daß durch diese gediegene und begründete Abwehr Dahses
und seiner Freunde wilde Hypothesen endgültig als erledigt betrachtet
werden dürfen.
König macht ganze Arbeit. Die von Dahse empfohlene „Peri-
kopenhypothese", welche den Wechsel der Gottesnamen auf die spätere
Einteilung des Pentateuchs zu gottesdienstlichen Zwecken Zurückführt,
weist er ebenso treffend ab wie andere noch mehr gekünstelte und ge¬
suchte Theorien, die freilich im einzelnen einen größeren Kreis kaum
interessieren. So hat sein Buch auch für uns Juden Bedeutun g. Auch
wer mit seinen Grundanschauungen nicht übereinstimmt, wird an¬
erkennen müssen, daß König durch diese Schrift seinen vielen und
großen Verdiensten um die Heilige Schrift ein neues hinzugefügt h>at.
Goldman n, Oppeln.