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vorhanden, die mich an Sie fesseln. Wenn ich ganz klar zurück^
blicke, so kommt es mir vor, als ob ich Ellen, neben t)etfr
Naturtrieb, der doch jedem gefunden Menschen innewohnt, in
einem Geiste der Empörung geheiratet. Ich bildete mir ein,
daß mit -meinen Glaubensbrüidern nicht alles in Ordnung sei?
Aus der einen oder anderen Ursache waren sie mir direkt auf
die Nerven gefallen. Ich nehme an, daß unbewußt, nebelhaft,
wie Sie es mir ja -selbst vor einem Jahre gesagt, meine Misch¬
ehe einen gewissen Protest gegen Einrichtungen und Vorgänge
sein sollte, die nach meiner Ansicht mit Fehlern und Gebrechen
behaftet waren. Ellens Flucht aber war für mich ein deut¬
licher Fingerzeig, daß die Vorsehr mg meinen Protest nicht
gutgeheißen, daß sie ihn- verworfen, und anstatt einen Stoß
zu versetzen, habe ich selbst einen fühlbaren Schlag empfangend
Ich war daher bereit, meinen Mißgriff einzugestehen; einzu¬
gestehen. daß es eine grenzenlose, unstatthafte Ueber-Hebung
ist. Altüberliefertes, durch Jahrtausende Geheiligtes im Hand¬
umdrehen über den Haufen werfen zu wollen. Und in der
Stille und Einsamkeit nach dein Rückschlag, da ertönte in mir
ganz laut der Ruf des Rassengeistes, um so lauter, als er doch
während der Unterdrückung neue Kräfte gesammelt hatte, um
nrich mit unauflöslichen Banden an sich zu ketten. Und jetzt,
Alice, spricht der aufrichtige Jude zu -der treuen Jüdin. Er |
spricht, klar und deutlich, laut und vernehmlich, um keinem
Zweifel und keinem Mißverständnis mehr Raum zu geben..
Tie Jahrtausende u.n»serer Gemeinschaft sind meine Für¬
sprecher und Verteidiger. Ihnen, Alice, gehöre ich mit einem
Gefühl der Heimat, der Sicherheit, des Geborgenseins, weil
ich weiß, daß ich mich Ihnen vollständig, blindlings anver¬
trauen und mit verbundenen Augen folgen kann, wissend^
daß kein Mißverständnis mir heimlich auflauert, daß keine
Verwirrung und Irrung auf unbekannte Pfade mir droht.'
Und dieses uneingeischränkte Vertrauen, dieser unepschütter-.
liche Glaube, Alice, bilden sie nicht einen besseren Kitt und
Halt als der Sinnenrausch, der täppisch nach einem bunten
Schmetterling greift, ob er dabei auch zwischen Dornen und
Disteln fällt, die ihn blutig verwunden?" (Fortsetzung folgt.)
Lum ffelte drr Lkkrriung.
Von Nathan Cohn (Charlottenburg),
as Fest der Freiheit zu begehen.
Rüstet alles sich jetzt wieder,
Doch beklomm'nen Herzens stimmen
An wir die so frohen Lieder.
Aus der Fron, die^unßre Ahnen
Hat gedrückt in Sklavenketten,
Ließ durch Moses weise Führung
Der Allgübge sie erretten.
Dankbar haben nie vergessen
Wir der gnadenreichen Tat;
Sorgsam haben wir gehütet.
Was entsproß der Freiheit Saat.
Draußen grollt Kanonendonner,
Draußen hausen wilde Horden;
Um die Freiheit zu erringen,
Scheut man nicht vor Brudermorden!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Einem Dreigestirne gleichen;
Strahlt es, werden trübe Zeiten
Bald dem hellen Lichte weichen. —
Zügellose Freiheit meidet.
Besser wird es dann ans Erden.
M ö a m F e st e der B e s -fc e i n n g
Frühling es srt r alle wer d en !..
Sprrchlaai.
Zur Berufswahl.
Die-bisherigen Versuche, die Juden anderen Berufen als dem
Handel und der Industrie zuzuführen, haben, das muß ein jeder, der
in die Verhältnisse Einblick hat, bekennen, nur wenig oder keinen
Erfolg gehabt. Alle Schritte gegen die einseitige Berufswahl der
Juden, um die üblen Folgen, die sie für uns in physischer und wirt¬
schaftlicher Beziehung hatte, abzüwehren, sind im groben und ganzen
vergeblich gewesen, und selbst die in letzter Zeit allenthalben vom
Zentralverein eingerichteten Berufsberatungsstellen haben darin
keine Aenderung herbeifsihren können. Das lag in den wirtschaft¬
lichen Verhältnissen tief begründet, die eben dein Handel besonders
günstig waren, und dazu kam noch der Umstand, daß die Juden
inuner mehr vom Lande in die Stadt abwanderten und sich den
kanfmännischen Berufen zuwandten. Nun scheint in dieser Beziehung
eine Aenderung sich anzubahnen. Die großen Schwierigkeiten, mit
denen der Handel in den nächsten Jahren zu kämpfen haben wird,
die großen Lasten, die ihm werden auferlegt werden, sie werden
ohne Zweifel dahin rühren, daß mehr, als dies bisher geschehen ist,
die Juden sich dem landwirtschaftlichen und vor allem dem hand¬
werklichen und technischen Berufe zuwenden werden, denn gerade
letzterer wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, in Zukunft besonders
günstige Aussichten bieten, und wieder dürfte das alte Sprichwort
Wahrheit werden: Handwerk hat goldenen Boden.
Bon diesem Gesichtspunkt aus möchten wir es nicht unterlassen,
die jüdische Oeffentlichkeit auf das in Köln bestehende Israelitische
Lehrlingsheim e. V. aufmerksam zu machen, das sich die Aufgabe
stellt, tüchtige jüdische Techniker und Handwerker heranzubilden, und
um so mehr liegt Veranlassung dazu vyr, als diese Anstalt sich nicht
allein auf das Rheinland beschränkt, sondern auch Zöglinge aus allen
Gegenden Deutschlands aufnimmt, wenn sie nur den Vorbedingungen
entsprechen, die an sie hinsichtlich ihrer körperlichen und geistigen
Entwicklung gestellt werden müssen, denn in ein solches Heim gehören
nicht Knaben hinein, die sonst in keinem Berufe Unterkommen finden,
sondern gerade solche, die körperlich und geistig gesund und sittlich
vollwertig sind und versprechen. Tüchtiges in ihrem Handwerk zu
leisten. Ebenso wird Wert darauf gelegt, daß der Zögling selbst ent¬
sprechend seinen Neigungen und Anlagen die Wahl trifft, welches
Handwerk oder welchen technischen Beruf er ergreifen will. Hat er
sich aber einmal entschieden, so darf er von dem einmal gewählten
Beruf nicht wieder zurücktreten, es sei denn, daß besondere Gründe
vorliegen, die einen Rücktritt rechtfertigen. Selbstverständlich wird
dafür Sorge getragen, daß die Zöglinge eine gute berufliche Aus¬
bildung erhalten, die sich nicht nur darin zeigt, daß seitens des
Heims tüchtige Lehrherren ausgesucht werden: sie werden auch
während der ganzen Lehrzeit überwacht, um sie zu möglichst großer
Strebsamkeit anzuspornen und etwa vorhandene Mängel abzustellen.
Hat sich aber dieser und jener Zögling durch gute Führung und durch
Befähigung geeignet erwiesen, so werden ihm Stipendien gewährt,
damit er nach beendeter Lehrzeit oder später entweder die höheren
Fachschulen, wie die Maschinenbauschule, die Baugewerkschule, Schule
für Elektrotechniker und Kunstgeloerbeschule, besuchen oder sich sonst
in seinein Berufe weiterbilden kann. In jedem Falle muß er jedoch
bei der Ausnahme in die höheren Fachschulen eine zwei- bis drei¬
jährige Lehrzeit hinter sich haben. Es darf im allgemeinen gesagt
werden, dasz die Leitung des Heilus bestrebt ist, es zu einer Muster¬
anstalt auszugestalten lmd allen Anforderungen zu entsprechen, die
an eine solche Institution gerichtet werden dürfen, auch bezüglich
der Erziehung der Zöglinge in geistiger, sittlicher und religiöser
Hinsicht. Darmn seien vor allein die Lehrer der jüdischen Gemein¬
den auf dieses Lehrlingsheim hingewiesen, damit sie ihm geeignete
Zöglinge zuweisen, die Neigung lind Fähigkeiten für das Handwerk
besitzen. Der Zuschuß zu den Berpslegungskosten seitens der Eltern
ist verhältnismäßig gering bemessen, und sind diese vermögenslos,
so geschieht die Aufnahme unentgeltlich: es wird dann aber verlangt,
daß die zuständigen Vereine lind Institutionen, die sich diesem Für¬
sorgewerk widmen, oder auch die Gemeinden, sofern sie begütert sind,
für den Zuschuß aufkvmmen, denn eine vollständige kostenlose Auf¬
nahme kann nicht gefordert werden, da die Mittel zur Erhaltung des
Lehrlingsheims fast ausschließlich von der hiesigen Gemeinde bestritten
werden. Betreffs ?lufnahmebedin.gungen wende man sich an den
Verstand des „Israelitischen Lehrlingsheims Köln a. Rh.".
Köln, im April. Rabbiner Dr. Caro.