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sein, dem einzelnem näher zu treten, selbst wenn er geneigt
märe — was nicht immer der Fall ist —diese Arbeit mit
jüngeren Kräften zu teilen. Aber was in anderen Gemein¬
schaften möglich ist, müßte von Rechts wegen bei uns ebenfalls
sich durchführen lassen. Die Frage mag noch nicht spruchreif
sein, aber es wäre im Interesse der Gedanken, die wir ver¬
treten, wahrlich erwünscht, daß man ihr näher trete und ent¬
sprechende Organisationen schaffe, die zweckentsprechend sind.
Gänzlich hinderlich wird die Großstadt diesem Versuch gewiß
nicht sein. Es ist nicht zu übersehen, daß vor einiger Zeit in
einer großen Gemeindevertretung die Bemerkung gefallen ist,
die Geistlichen seien in erster Linie für die Lebenden da, woraus
man folgern darf, daß es ihre besondere Pflicht ist, alle die¬
jenigen, mit denen sie ihre amtliche Tätigkeit in Berührung
bringt, arrs eigenem Antriebe kennenzulernen. Daß diese
elementare Forderung nicht einmal ständig berücksichtigt wird,
beweist die eine Tatsache, daß beispielsweise Barmizwah-
Knaben in der Synagoge oft eingesegnet werden, die dem
Rabbiner persönlich in keiner Weise bekannt sind. Das ist
ein Notstand, der nicht verewigt werden darf. Geben wir
doch nicht freiwillig die ideellen Mächte preis, die uns ver¬
fügbar sind, bloß weil gelehrte Studien oder Bequemlichkeiten
dadurch gestört werden!
Dieselben Schwierigkeiten, die schon in der Großgemeinde
zu verzeichnen stnd, begegnen uns aber auch in den Bezirks¬
und Landrabbinaten- Die Verwaltung wird durch sie freilich
glücklich zentralisiert, die Schulaufsicht gewährleistet, vielleicht
noch eine Gemeinschaft der sozialen Arbeit erzielt. Aber da¬
mit erschöpft sich die persönliche innere Einflußnahme des
Geistlichen. Daß er einmal zu irgendwelchen Funktionen ge¬
rufen wird, ist doch für die einzelne Gemeinde vollkommen be¬
deutungslos. Wenn der Bezirks- oder Landrabbiner nicht
regelmäßig in seinen Bezirksgemeinden zur Predigt oder per¬
sönlichen Einflußnahme erscheint, dann erweist sich sein Amt
als jene contrackietio in ackseeto, als jener innere Widerspruch,
auf den schon vor Jahren ein Gelehrter wie Professor Israel
L e w y in Breslau aufmerksam gemacht hat. Man wird sagen,
für diese innere Arbeit hat er ja die Lehrer am Orte. Gewiß,
aber nicht jeder Lehrer Hat Neigung zu diesen Aufgaben, nicht
jeder fühlt sich dazu berufen, denn seine Vorbildung ist ja
nicht einmal darauf berechnet, ihn zn einem ausschließlich
religiös wirkenden Beamten zu erziehen. So kann es Vor¬
kommen, daß unter Umständen in den Bezirksgemeinden
jahraus, jahrein jede religiöse Belehrung unterbleibt. Das
kann zu traurigen Resultaten führen, wenn man in den
kleinsten Gemeinden aus Mangel an Mitteln oder aus
Egoismus aufhört, Lehrer anzustellen. Dort ist ohne weiteres
das Judentum dem Untergang geweiht, wie die Erfahrung
in manchem Land- und Bezirksrabbinat lehrt. Da sie also
einfach versagen, weil ihre Träger durch zahlreiche Pflichten
an ihre Hauptgemeinde gebunden sind —- Unterricht,
Kasualien, Seelsorge - , so ist die Einführung von Wunder-
rabbinaten zur Versorgung von kleinen und kleinsten Ge¬
meinden eine dringende Notwendigkeit.
Dir Woche.
Berlin, 20. April.
as wichtigste Ereignis dieser Woche ist die an die
deutsche Regierung endlich ergangene Einladung dec
Entente, den Tert des Entwurfes der Friedenspräliminarien
in Empfang zu nehmen. Die Note, die bezeichnenderweise
von Frankreich und Clemenceau in seiner Eigenschaft als
Vorsitzender des hohen Rats der Alliierten der deutschen Re¬
gierung'übermittelt worden ist, sowie die Antwort unserer
Regierung wurden gestern durch das Wolffsche Telegrapihen-
Bnrean bekannt gemacht:
T l e q r n m m d e r Waffenstill ft a n >d s - K o m m i j s i o n
in S P a a v o m 1 8. April 1919,
An Reich s m i n i ft c r E r z b e r g e r.
Generäl N u d n n t übersandte am 18. April 4 Uhr nachmittags
folgende Note:
Der Vorsitzende des Conseils, Kriegsminister, telegraphiert am
18. April 1919 was folgt:
Wollen 2k bitte folgende Mitteilung an die deutsche Negierung
weiterleiten:
1. Der oberste Rat der alliierten und assozi¬
ierten M ächte h a t b e s ch t v s se n , die mit Vollmachten .ver¬
sehenen d e u t s ch e n D e l e g i e r t e n s ü r d e n 25. A P r i l
abends nach Vers a i l l e s e i n z u l a den, um dort den von den
alliierten und assoziierten Mächten festgesetzten Tert der Frie¬
de n s P r ä l i m i n a r i e n i n Empfang z n n e h m e n.
2. Die deutsche Regierung wird daher gebeten, dringendst Zahl.
Namen und Eigenschaft der Delegierten anzugeben, die sie nach
Versailles zu schicken beabsichtigt, ebenso Fahl, Namen und Eigen¬
schaft der Personen, die sie begleiten. Die deutsche Delegation
s o l l st r e n g st e n s a u f i h r e R o Ile b e s ch rankt bleibe n
und n u r P e r s v n e n n m f a s s e n , die f ü r i h r e b e s v n -
d e r e M i s s i o n b e st i m ui t s i nd. gez. Nlldant.
Der Reichsmimster des Auswärtigen Gras Brockdorff-
Rantzau hat dem Vertreter des Auswärtigen Amtes bei der
Wasfenstillstanidskonmnission in Spaa in Beantwortung der fran¬
zösischen Mitteilung vom 18. April folgende Instruktion erteilt:
Bitte dortigen französischen Vertretern folgende Mitteilung zur
Weitergabe an die alliierten und assoziierten Mächte zu machen:
Die deutsche Regierung hat die Mitteilung des französischen
Ministerpräsidenten und Kriegsministers vom 18. April erhalten.
Sie wird die £> e r r e n G e s a n d t e n v. H a n i e l, G e h e i m e n
L e g a t i o n- s rat v. K eile r und W i r k l i ch e n L e g n t i o n s -
rat Ernst 2 ch m i d t zmn Abend des 25. April n a ch V e r -
sailles entsenden. Die Delegierten sind mit den erforder¬
lichen Vollmachten ansgestattet, den Text des Entwurfes
der F r i e de n sP r ä l i in i n a r i c n e n t g e g e n z u n e h m e n ,
den sie alsbald der deutschen Regierung überbringen werden-.
2k werden begleitet sein von zwei Bureaubeamten, Herren. Hof¬
rat Walter Reimker und Diätar Alfred Lüders, sowie von zwei
Kanzleidienern, Herren Julius Schmidt und Siedet.
Die deutschen Delegierten sind also nicht nach Versailles
geladen, llm mit den Alliierten zu verhandeln, sondern ledig¬
lich, um den Text ihrer Friederlsbedingungen entgegen-
pmehmen. Die Entente will uns, mit anderen Worten, den
Frieden diktieren. Unter diesen Umständen genügt es natür¬
lich vollkommen, wenn die Reichsregierung irgendeinen
Kurier nach Versailles entsendet, der in ihrem Aufträge den
Entwurf entgegennimmt. Es gilt mm, in Ruhe abzuwarten,
welche Bedingungen die Entente uns stellen wird. Die ge¬
samte deutsche Presse stimmt darin überein, daß nur auf der
Grundlage der Wilsonschen vierzehn Punkte für uns ein
Frieden denkbar ist. Man darf daher die Erwartung ans¬
sprechen, daß die Reichsregirrung auf diesen von ihr akzep-
rierten Grundsätzen beharrt. Steht die Entente, daß wrr fest
bleiben und einen Diktatfrieden ablehnen, so besteht immer¬
hin noch.die Möglichkeit, daß sie sich schließlich doch noch zu
Verhandlungen über die Friedensbedin-gnngen bereit erklären
wird.
„Daß man einen Völkerkonslikt," bemerkt der „Vorwärts"
sehr richtig, „der der Welt so tiefe Wunden gerissen hat, ohne
Verhandlungen, durch ein einfaches Diktat von der einen Seite,
zu reinlichem Austrag bringen kann, ist undenkbar, und die
Vermutung, daß man ans solche Weise eine Aera des Völker-
Weltfriedensbundes einleiten tonnte, wirkt doch nur wie ein
etwas boshafter Scherz."
Unterdessen hat zwischen der Entente und der deutschen Re¬
gierung ein neuer Depeschenwechsel stattgefunden. Dieser be¬
sagt, daß die Entente doch zu Verhandlungen bereit ist, denn