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83. Jahrgang. Nr. 46
Berlin, 14. November 1919
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Das Blutbad in Lemberg. Von Elias Nacht (Berlin). —
iJUlJUll* Die Woche. — Bestätigung der jüdischen Kultusbeomten
in den a'lten pvenßischen Shnagogengemeinden. Von Gel). Justizrct
Fried mann (Glogau). — Zum Jubiläum der Shnagogeng-emeinde zu
Luckenwalde. Von I. F r r ude n t h a l (Luckenwalde). — Der Altmeister
der Wissenschaft des Judentums. Von Leon S ch e i n h a n s (Memel). —
Fe u i'lleton : Benjamins Liebeslied. Roman von S a m lt e l
M eisels. — Literarische Mitteilungen. — SP r echsaal.
Der Gemeindebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Juden¬
tums"): Berlin, Königsberg, Thorn, Hindenburg. Breslau, München,
Frankfurt a. M., Zürich, Nachod, New Dort. — Von Nah und Fern.
Das lölutbaü in Lemberg.
Von Elias 9tacht (Berlin).
m 22. November kehrt der Jahrestag jener an unseren
schon an sich schwer geprüften Brüdern von der Pol¬
nischen „Elite" in Lemberg verübten Grcueltaten wieder. Sie
stehen einzig in der Weltgeschichte da. Daher sei es mir, der
Augenzeuge jener Mordtaten war, gestattet, sie an dieser Stelle
deni jüdischen Leser Mitzuteilen.
Mit Ausbruch der Revolution setzte der, Kampf zwischen den
Polen und den Ukrainern um den Besitz Lembergs ein. Die
jüdische Bevölkerung erklärte ihre Neutralität. Die Ruthen en
beantworteten diese Erklärung mit der Erlaubnis zur Grün¬
dung einer jüdischen Miliz (ca. 800 Mann stark), die den Zweck
hatte, das jüdische Viertel vor Bandenübersällen zu schützen.
Die Ruthenen unterstützten dieses Werk mit allen Kräften. Die
Polen dagegen legten den Juden, die sich in dem von ihnen
besetzten Teil Lembergs aufhielten, die schwersten Hindernisse
in den Weg. Bei den „Polonäsen" war es für die jüdischen
Frauen eine Tortur, jene Beschinripfungen und Drohungen
cntgegenzunehmen, die die polnische Bevölkerung, von der
„Ordnung haltenden" polnischen Soldateska ansgehetzt und
unterstützt, ihnen darbot. Nie erhielt eine Jüdin, .wenn^sie
auch den ganzen Vormittag auf ein Brot wartete, ihre Gebühr.
Sie wurde immer zurückgedrängt mit der Bemerkung, sie habe
zu warten, bis die Polen erhalten haben; wenn Brot übrig¬
bliebe, so würde sie schon beteilt werden. Im übrigen wären
sie nicht verpflichtet, die Juden zu verpflegen. Kolbenstoße und
die Versicherung, daß die Zeit der Abrechnung mit den Inden
nicht wehr sernläge. folgten.
Der 17. November war für die Lemberger Juden ein Tag
besonderer Aufregung und Trauer. In der polnischen Tages¬
zeitung „Pobudka" (Der Wachruf) erschien ein Artikel,
„Neutrale" betitelt, worin die polnische Bevölkerung indirekt
zur Veranstaltung von Pogromen aufgefordert wurde, da,
laut Aussage einer Frau, Juden auf Legionäre ge¬
schossen und mit heißem Wasser gegossen hätten. Diese Frau
hätte gesehen, wie Juden aus dem Tempel mit Maschinen¬
gewehren aus die Legionäre gefeuert hätten. Später stellte
es sich heraus, daß die Ukrainer ans dem Tempel geschossen
hatten. ' ' • ■ ■:". ■
Daß den Juden eine Katastrophe bevorstand, waren
sich alle sehr wohl bewußt. Wir waren aber völlig machtlos,
denn auch die durch Funkspruch erbetene Hilfe der Entente
blieb aus. Um nichts unversucht zu lassen, begab sich eine
jüdische Abordnung, die aus den Herren Prof. Dr. Schvrr,
Advokat Dr. Allerhand und Dozent Dr. Freilich bestand, zu
dem polnischen Abgeordneten Ehlamtatsch, um die von der
„Pobudka "erhobenen Beschuldigungen zu widerlegen. Herr
Dr. Freilich, in dessen Hause ich zu Verkehren pflegte, empfing
mich darauf mit den Worten: „Lieber Freund, wir gehen den
schlimmsten Zeiten entgegen, denn die Polen suchen uns zu
vernichten. Die Mittel und Wege sind ihnen gleichgültig. Ich
bin auf das schlimmste gefaßt."
Die Wohnungen der Juden waren dem polnischen
Kommando durch die aus Befehl ausgefüllten Verzeichnisse,
die binnen 24 Stunden, nach Religion geordnet, ausgefertigt
und abgeliefert sein mußten, bekannt. Das Haus Bema¬
gasse Nr. 8 war während der Kämpfe besonders hergenommen.
Nachdem man den jüdischen Bewohnern des Hauses alles Hab
und Gut genommen, sie mit Kolbenstößen traktiert und zwei
von ihnen erschossen hatte, wurden sie nur in den Hemden auS
ihren Wohnungen verjagt. Wie bestialisch die Legionäre ans
Werk gingen, zeigt, daß sie sogar an Bildern der Familie die
Augen ausstachen, jüdische Reliquien entweihten usw.
Auf den Straßen sah man Juden in Ketten führen. Ten
Grund und ihr Los kannte man nicht: nur die lhnchlustige
Menge gab ihnen ihr Geleit. Die Dienstmädchen wurden an¬
gewiesen, die Stellungen bei den Jrrden aufzugeben, da es ge¬
fährlich wäre, bei ihnen zu dienen.
Am 22. früh machte ich mich auf den Weg, eine bekannte
Familie anfzusuchen. Vor mir schritt ein Legionär mit
einem Mädchen, die folgendes Gespräch führten: „Hast du ge¬
hört," sagte sie zu ihm, „was die gemeinen Juden unseren
braven Soldaten getan haben? Sie haben sie mit heißem
Wasser begossen und ans ihrem Tempel mit Maschinengewehren
ans sie geschossen." „Wir wissen alles," erwiderte er, „wir
haben unsere diesbezüglichen Weisungen schon erhalten;
binnen 48 Stuirden müssen alle Juden Leichen sein."
Alls den oben angeführten Tatsachen, die nur ein Atom
von den Drohungen, Tätlichkeiten usw. darstellen, die während
der drei Wochen, in denen die Kämpfe stattsanden, den Juden
zngefügt wurden, ersieht man, daß die Hetzen gegen die Juden
planmäßig vor sich gingen. Sie waren die Vorbereitung zum
darauf folgenden, groß angelegten Pogrom.
Am Abend des 21. trafen in Lemberg Legionäre aus Krakau
ein, die von den Juden sehr gefürchtet waren, da man sie als
Mörder und Blutgierige kannte. Ebenso aus Przemysl, wo sie
Massen von Inden niedergemetzelt hatten. Die polnische Be¬
völkerung Lembergs erwartete die Krakauer sehnsüchtig, denn,
wie sie" sich öffentlich äußerten, diese werden die Ukrainer