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öleich aufgesprungen und blieb, an die Spiegelwand gelehnt,
wie zur Bildsäule erstarrt stehen.
Das Krachen war gar zu höllisch --- betäubend; es ließ sich
wie ein donnerähnliches Tosen an, setzte sich in ein knackendes,
in raschen Stößen aufeinanderfolgendes Brechen fort und ging
blitzschnell in ein wirres Splittern über. Dazwischen schwirrte
es dumpf und bang durch die Luft; es war ein Flügelrauschen
in Moll, ein Singen und Summen und Surren, das ge¬
spenstisch klang. Dann hörte das Gekrache jählings auf, nur
das Surren in der Luft hielt noch eine Zeitlang an.
Beim ersten Stoß und Schlag der Explosion durchtoste ein
kurzes, abgehacktes „Ah!" den Saal des Cafes; das klang wie
ein Schrei, der von einem rapid einsetzenden Atemstocken mitten
entzweigerissen wird. Die Gäste waren vor Schreck wie ge¬
lähmt, die Büfettdame war einer Ohnmacht nahe, selbst der
Zählkellner umfaßte sein Handtuch mit beiden Händen, als
wäre es sein einziger Rettungsanker.
Ein Offizier, der im Eafö faß und bei der gewaltigen Er¬
schütterung ein wenig aufgeregt wurde, ohne indes seine
Fassung zu verlieren, suchte die Anwesenden zu beruhigen.
Allmählich erholten sich die Gäste nacheinander. Einer wagte
sich ans Fenster und sah hinaus. Die Gasse, die zuerst wie im
Aufruhr schien, war jetzt wie ausgestorben. Es dauerte jedoch
nicht lange, da begann sich das Straßenbild von neuem zu
beleben. Die Menschen krochen aus den Häusern wie aus Ver¬
stecken hervor. Die Gasse geriet neuerdings in Aufruhr. Man
lief und rannte in wilder Hast, einer .zog den anderen mit,
einer lief dem anderen nach, und die Läufertruppen wälzten
sich in der Richtung nach dem Platze Am Tor. Eine Stimme
rief: „Ein feindlicher Flieger hat Am Tor Bomben abgeworscn!'
Eine andere ergänzte: „Ein Mann isbtödlich getroffen worden!"
Mit vielen anderen Stammgästen verließen Benjamin und
Doktor Riegler das Kaffeehaus Stäubler. Doktor Riegler war
leichenblaß und hielt sich krampfhaft an Benjamin. Un¬
versehens waren sie mitten unter die laufende Menge geraten
und wurden von dem sich unablässig wälzenden Menschen¬
strom in der Richtung nach dem Platze Am Tor mitgerifsen.
Die Menge staute sich Am Tor. Aus dichten Menschen¬
massen hatte sich ein Ring um den Mann gebildet, der mit
zertrümmerter Schädeldecke auf dem Straßenpflaster lag. Die
Neugierigen — und es war fast keiner, der nicht neugierig
war — drängten sich heran, um das Opfer der Fliegerbombe zu
sehen. Jedermann stellte eine Frage, jedermann ivußte eine
Antwort, und dennoch war es nicht möglich, klar heraus-
zukriogen, wie das Unglück geschah, und wer der Tote war.
Benjamin versuchte bald hier eine Menscheumauer zu
durchbrechen, bald dort durch einen Menschenknäuel sich hin¬
durchzuwinden, um bis zu dem Mann mit der zertrümmerten
Schädeldecke zu gelangen; aber die Durchbruchsversuche waren
trotz seiner Anstrengungen und Kraftentfaltung vergeblich.
Von einem, der es mit angesehen haben wollte, erfuhr er, daß
der feindliche Flieger zuerst Am Tor eine Bombe herab¬
geworfen hatte, die in den Vorhof der Kirche gefallen war, ohne
einen Schaden anzurichten, die Leute hatten dann nach allen
Seiten zu laufen und sich in die offenstehenden Häuser zu
retten angefangen, der Mann aber, das unglückliche Opfer,
war langsam seines Weges gegangen, ganz gemächlich, als
drohte gar keine Gefahr von oben; da war die zweite Bonrbe
herniedergesaust, war dicht neben dem Manne explodiert und
— er war tot. So erzählte einer, der es mit angesehen haben
wollte. Ein Kluger, der es hörte, war ganz verwundert und
entrüstet darüber und erklärte, daß er die Dumncheit der
Menschen nicht begreifen könne, die es fertig brächten, bei solch
drohender Gefahr nicht zu laufen.
Zwei Männer kamen mit einer Tragbahre. Die Menge
zerteilte sich nach rechts und links in zwei Reihen und ließ eine
Gaste frei für die Männer, die die Tragbahre trugen. Ben¬
jamin nutzte die Gelegenheit, ans dem freigegebenen Raum
durchguschlüpsen; mit einer raschen Wendung kam er den
Männern zuvor und befand sich dicht neben dem Toten,
Benjamin beugte sich über den Toten und wich jählings
einen Schritt zurück. Sein Kopf schwindelte. Regenbogen¬
farbige Räder kreisten ihm vor den Augen. Einen säuerlich¬
bitteren Geschmack verspürte er im Munde. Mit verbissenem
Trotz, mit bewußtem Wollen, sich durch nichts unterkriegen zu
lassen, hielt er sich aufrecht. Und wie um die Kraft seines
Willens zu erproben, wie um sich selbst zu beweisen, daß er dem
Unglück trotzig ins Gesicht blicken kann, beugte er sich aber¬
mals über den Toten. Ja, er war's. Der Mann mit der zer¬
trümmerten Schädeldecke war — Onkel Chajim.
(Fortsetzung folgt.)
Mcheremlauk.
Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet
in keinem Falle statt.
Geist und Judentum. Von Arthur T r e b i t s ch. Verlag
Ed. Strache, Wien-Leipzig, 1919.
Das deutsche I u d e n t u m, seine Parteien und Organi¬
sationen. Eine Sammelschrist. Verlag der Neuen Jüdischen Monats¬
hefte, Berlin-München, 1919.
M. Gonzer : Der historische Moment. Betrachtungen über
jüdischen Zeitsragen (Jiddisch). Berlin, 1919. Verlag von
H. Jtzkowski.
Das neue Reich. Perthes' Schriften zum Weltkrieg, neue
Folge, 7. und 8. Heft. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G„
Gotha.
Der Neue Merkur. November 1919. Verlag Der Neue
Merkur, München.
M ouatsschrist s ü r Geschichte u n d Wissenschaft
d e s I u d e n t u m s. 68. Jahrgang, Heft 7/12. Breslau, Koebnersche
Ver lag sbuchh a ndlu ng.
Das jüdische Palästina. Von Dr. L. Weinberg. Berlin 1919,
Verlag Jüdische Rundschall.
Jüdischer Nationalkalender. Almanach für das Jahr 5680
(1919—1920). Fünfter Jahrgang. Herallsgegeben von Otto A b e l e s
und Ludwig Bato. Wien 1919, Verlag „Jüdische Zeitung".
M. I. bin G o r i o n. Vor dem Sturnl. Ostjüdische Geschichten.
9t. Löwit Verlag, Berlin-Wien.
Esra, Monatsschrift des jüdischen Akademikers. 1. Jahrgang,
Heft 1 bis 4. Herailsgegeben vom Jüdischen Hochschulausschuß in
Wien. Verlag Esra, Wien IX, Alfer Straße 28.
Heinrich M arg ui res: Kritik des Zionismus,' I. Teil:
Volk und Gemeinschaft. R. Löwit, Verlag, Wien und Berlin, 1920.
Raphael S e l i g m ei n n : Probleme des Judentums. 1919,
R. Löwit Verlag (Dr. Präger), Wien und Berlin.
Uriel Birnbaum: Gläubige Kunst. 1919. Bücher der
Arche. R. Löwit Verlag, Wien und Berlin.
Das Neue Reich. Im Austrage der Arbeitsgemeinschaft
für staatsbürgerliche und wirtschaftliche Bildung. Herailsgegeben
von Hans Ostwald und Paul Remer. I. Jahrgang, Heft 30,
Berlin W 8, Kronenstraße 4/5.
Dr. Fritz Kahn: Die Zelle. Mit zahlreichen Abbildungen im
Text und 8 Tafeln nach Zeichnungen von Georg Helbig. Stllttgart
1919, Franckhsche Verlagshandlung.
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tiet’h Annual Convention. April Second to Seventh 1919. Cincin¬
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Edited by Rabbi lsaac E. Märcuson.
Dr. Curt Nawratzki: Das neue jüdische Palästina. 1919.
Jüdischer Verlag, Berlin.
Religiöse Strömungen im Judentum. Mit besonderer Berück¬
sichtigung, des Ehasstdismus. Von Dr. S. A. Horodezky. .1920.
Ernst Bircher Verlag in Bern und Leipzig.
Die kleine Kindersibel. Ein Schulbuch für die Unterstufe. Ent¬
haltend biblische Erzählungen im Rahmen der kindlichen Vorstellung
und Fassungskraft. Dargestellt von Hermann Wallach, Lehrer
an der jüdischen Gemeindeschule in Aachen. Aachener Verlags- und
Druckerei-Gesellschaft, Aachen 1919.