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ahntest Dn nicht? Unglücklicher, Edom wird Israels Knecht bleiben,
und Naemi wird Deine Arme fliehen!" *
Der Rottenführer schien einen Augenblick durch das Gewicht
dieser Nachrichten gänzlich niedergedrückt. Aber dann erhob er das
Haupt von Neuem, sein Auge leuchtete, die Energie seines Charakters
hatte ihn noch nicht verlassen.
„Mag alles werden, wie Du hoffst," sagte er mit bitterem Lachen.
„Eines aber wird Dir nie gelingen: nie wird Nasmi Deinen blut¬
befleckten Thron besteigen! Ewig wird sie Dich verabscheuen, und
der Tod wird ihre Qual lösen!"
„Thor! Sie wird eine glühendere Empfindung für mich
haben als für Salomos alternde Kraft. Sie ist ein unbeständig
Mädchen, sie wird Salomo vergeffen, so gut, als sie Dich vergast!"
„In diesem Glauben frohlockest Du!" sagte Reson nun mit
starrer Kälte. „Doch Dein Auge ist nicht geöffnet, um Nasmis Seele
zu erkennen. Höre, Hebräer, sie ist schwach, denn sie ist ein Mädchen,
sie liebt mit hoher, mächtiger Leidenschaft, denn sie liebt zum ersten
Male, sie ist auf dem Thron geboren, und ein König liebt sie-
aber ihre Seele wird diese Leidenschaft bis zum Tode wahren, sie
wird Dich nie lieben, wie sie mich nie geliebt hat!"
Der Rottenführer wandte sich ab. Aber der Hebräer fühlte sich
erschüttert durch die Bitterkeit, welche in Resons Worten lag, und
schwieg.
„Noch ein Wort, Hebräer!" rief Reson mit Anstrengung, „was
ward aus dem unglücklichen Weibe, welches sammt mir zu Geth¬
semane gefangen wurde?"
„Zu Gethsemane wurde diese Frau gefangen, die mir Ahija
verborgen hält?" fragte Jerobeam, in besten Gedächtnitz eine Er¬
innerung aufstieg.
„Edoms unglücklichste Tochter! Sie harrte ihres verlorenen
Kindes, und sie fand es nicht!"
„Ihres verlorenen Kindes?" unterbrach Jerobeam den Edomiter
stürmisch. „Und deswegen wurde sie gefangen?"
„Die Erinnerung jener Nacht ist verwirrt vor meinem Gedächtniß,
frage den Propheten! Auf ihn lud sie eine schwere, fürchterliche An¬
klage, sie forderte von ihm ihr Kind!"
Jerobeam fuhr mit einem Ausruf zurück, als entsetze er sich vor
einer plötzlichen, schrecklichen Enthüllung. Dann sprach er rasch die
Worte: „Ich will um ihr Schicksal fragen!" und eilte fort.
(Fortsetzung folgt.)
Jüdische Dorfbewohner.
Bilder aus dem Leben von Bernstein-Sawersky.
(Fortsetzung.)
eil Babette keine Lust hatte, zu heirathen, wie sie zu behaupten
pflegt, ist sie zu ihren Verwandten in Stellung gegangen.
Diese brauchen Jemand zu Haufe, denn Isidor Saatfelder
und ebenso seine Frau Mathilde, geborene Dreifuß, gehen fast jeden
Tag über Land. Mathilde Saalfelder ist eine kleine Frau, sehr fleißig,
sehr fromm und dumm und gut, sie trägt noch nach Art der Juden¬
frauen einen Scheitel; sonst geht sie ziemlich arm gekleidet. Wenn
sie auf den Handel will und das Dorf verläßt, trägt sie meistens
eine Kiepe, aus der die Maaren und ein Holzmetermaß sehen. Da
man Ellen nicht mehr in Deutschland führen darf, die Bauern sich
aber auf Meter und Centimeter noch nicht verstehen, so hat sie einen
leisen Einschnitt nach dem 56. Centimeter gemacht, nur ein feines
Auge kann diesen Einschnitt bemerken. Auf dem Dorfe sagen die
Leute gewöhnlich: „Da kommt die Frau vom Juden", oder „die
Judeufrau kommt", oder „da kommt die Judentild" — sie handeln
übrigens gern mit ihr. Von ihren: Mann sagt man, wenn er mit
seinem blauen Bündel auf dem Rücken anmarschiert kommt oder
mit einem Stück Vieh an der Leine, das er gekauft hat oder ver¬
kaufen will, „da kommt der Isidor". Isidor nennt man ihn eigentlich
selten, „da kommt der Jud", sagt man mehr oder auch „der Jüd".
— „Jüd" klingt eigentlich beleidigend, aber die Leute wollen ihn
nicht beleidigen, sie haben den alten graubärtigen Mann, welcher
nichts Unrechtes wollte — „der leben will und leben läßt", wie sie
häufig von ihm zu sagen pflegen — gern. Wenn sie sich mit ihm
nnterhalten, ahmen fie, ohne zu wollen, seinen Dialekt nach — das
macht sich in der gezwungenen Art sehr komisch. Saalfelder hat in
seinem Aussehen etwas Biblisches. Er ist ziemlich groß, ein grauer,
langer Bart fließt ihm ehrwürdig zur Brust herab, seine Nase ist
gebogen.
'Saalfelder hat zwei Kinder, einen Sohn, welcher sich in der
nächsten Stadt Z... in der Lehre befindet, und eine Tochter.
In der dritten Woche, die ich mich in Trudelheim aufhielt,
kam der Sohn nach Hause. Joseph hatte Urlaub, da jüdische Feier¬
tage vor der Thür waren — das Weihefest oder Chanukah begann.
Er war in einem jüdischen Geschäft, sonst hätte er gewiß jetzt nicht
reisen dürfen, denn Chanukah ist kein Hauptfest der Juden. Es ist
aber ein schönes Fest.
Das Weihefest fiel damals mit Beginn des Ruhetages zusammen,
also auf Freitag Abend. Freitag früh ging der alte Saalfelder
und dessen Frau erst noch einmal auf den Handel — sie blieben
bis zwei Uhr Mittags aus. Der Vater Josephs wollte noch einen
Kuhhandel zwischen dem Viehhändler Isaak Rosenherz, dem größten
Viehhändler der Umgegend — er hatte oft zweihundert Stück in
seinem Stalle stehen — und dem geizigen Bauern Martert ver¬
mitteln, er verdiente vielleicht 20 Mark dabei; die Mutter wollte
noch an die Volkers Anne ein Brautbett zur baldigen Hochzeit mit
dem Drechsler Georg Wolter aus Trippersdorf verkaufen. Sie mußte
die Braut noch vor den Feiertagen besuchen, damit ihr nicht der
alte „Frum" zuvor kam; der suchte ihr immer das Geschäft vor
der Nase wegzuschnappen.
Während dieser Zeit säuberte eine Scheuerfrau aus dem Dorfe,
die Schlapphanne, auf welche man diesen Spitznamen von der Mutter,
die ein großes Ferkel gewesen sein sollte, übertragen hatte — sie
selbst war sehr reinlich —, unter Aufsicht der Babette das Haus von
oben bis unten. Sie scheuerte den Fußboden, wusch die Treppe
mit einem Wollenlappen und schwarzer Schmierseife, dann das Ge¬
länder, die Stühle im Zimmer und in der Küche, das von der Zeit
angefreffene und von Würmern durchbohrte Fenstergesims, die zwei
Tische im Wohnzimmer und die Holzbank, welche das Sopha ersetzte,
ab. Mit Scheuerkraut, das sie sich im Sommer gesucht hatte, reinigte
sie in der Küche die Blechgeschirre, mit weißem Sand rieb sie Mesier
und Gabel ab, fegte die Spinnweben von den Decken — kurzum,
es war eine Arbeit, bei der man glauben mußte, das Haus würde
auf den Kopf gestellt. Babette beaufsichtigte die Arbeit und meinte
manchmal, indem sie mit dem Ellenbogen unter ihre lange Nase
fuhr, dies da oder dies da müßte noch sauberer werden. Die Schlapp¬
hanne strengte sich dann noch um so mehr an. Sie erhielt als Lohn
eine Mark und freies Essen. Wenn sie Sonnabend früh Feuer an¬
zünden mußte, was doch ein frommer Jude nicht thut, bekam sie
noch ein Erbsen- oder ein Linsengericht, mitunter auch ein Kochet
Kraut für den Haushalt drein. Damit war sie sehr zufrieden.
(Schluß folgt.)
Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.
Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.