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Das Schicksal Pharaos und Aegyptens zeigt uns. in welchen
Abgrund ein Volk versinken kann, wenn seine Priester und Weisen
dem Unrecht dienen, den Leidenschaften schmeicheln, statt ihre Macht
und ihren Einfluß zum Schutz der Unterdrückten anzuwenden. Auch
für diese alte Zeit gilt das Wort des späteren Propheten: „Der
weisen Berather des Pharao Rath ist thöricht geworden, wie
könntet ihr über Pharao reden: er sei ein Sohn der Weisen, ein
Sohn von Königen der Urzeit".
Die Priesterkaste in Aegypten war in der That im Besitz tiefer
Weisheit; wissen wir doch, daß noch in den späteren Zeiten des
heidnischen Alterthums Männer, die ob ihrer Erkenntniß und ihres
Wissens viel gefeiert waren, sich rühmten, diese Kunde von Aegyptens
Priestern empfangen zu haben; sie hatten eifrig über die letzten
Gründe nachgedacht, und in das Walten der Kräfte der Natur hatten
sie manch tiefen Einblick gethan.
Auch die alten Lehrer lassen den Ruhm der ägyptischen Priester
gelten und sagen: Gott habe sie ausgezeichnet mit „Wissenschaft.
Einsicht und Kraft". Aber wie haben sie den goldenen Hort des
Wissens verwaltet? Haben sie diese Schätze ins Volk getragen und
besten Augen erleuchtet? O nein, diese reinere Kenntniß hielten sie
für sich oder theiltcn sie allenfalls wistensdurstigen Fremdlingen mit,
die, angelockt von dem Rufe ihrer Weisheit, in ihr Land kamen, um
sich damit vor diesen zu brüsten und ihren Ruhm weithin zu ver¬
breiten; das Volk aber hielten sie in dumpfer Unwissenheit, für diese
war der roheste Götzendienst gut genug, und. sie verbreiteten aber¬
gläubische, schreckhafte Vorstellungen über das Leben nach dem Tode,
um Geist und Gemüth dieser Armen und Elenden zu knechten.
Diese Priester waren mächtig im Lande, sie waren die Ersten, kein
König durfte an ihre Rechte tasten. Aber wo waren sie, als ein
grausamer König die Israeliten, die bisher mit dem ägyptischen Volke
in Eintracht zusammengelebt hatten, zu unterdrücken begann und
mit böser List ihre Ausrottung betrieb? Traten sie hin vor den
Thron Pharaos und verwiesen ihm sein Unrecht? O nein, sie, die
sonst bei der geringfügigsten Gelegenheit sich in die Nähe des Königs
drängten und mit ihrem Rath nicht geizten, bei diesem Anlaß
hören wir nichts von ihnen. Die Seufzer der Unterdrückten dringen
nicht zu den Tempeln der weisen Priester. Sie lassen jede Gewalt-
that geschehen, so lange nur keine Hand an ihre geheiligten Vorrechte
rührt, jene Schriftkundigen und Weisen und Zauberer Aegyptens;
Mosel) tritt auf als ein todesmuthiger Anwalt der Israeliten; aber
die Weise» verstehen nichts von dem Zauber dieser großen Per¬
sönlichkeit, sie sehe» in ihm nur einen großen Zauberer, auf den sie
dadurch Eindruck machen wollen, daß sie ihm ihre Künste zeigen.
Was Wunder, daß dieser König, dessen Unthaten sie so lange
geduldet hatten, auch dann nicht auf sie hört, als diese Schrift¬
kundigen spät, zu spät, ihm die Hand Gottes in den Schicksalen
Aegyptens weisen.
Jene falschen Priester-Propheten, die die Wahrheit nur für
sich hielten und ihre Mitmenschen in die Kerker des Aberglaubens
sperrten, die es zugaben, daß Pharao den Gott des Himmels und der
Erde leugnete und sich selbst vergötterte, sie haben das Unheil
heraufgeführt über Aegypten, von dem die Schrift berichtet, wie
es aller Orten und zu allen Zeiten die Priester gethan haben, die
ihren Einfluß dazu ausnutzen, nicht um die Menschei; zu befreien,
sondern um sie zu knechten, die den Mächtigen schmeicheln, statt die
Rechte der Unterdrückten vor ihnen zu vertreten. Wie licht und
frei und offen ist hingegen das Verhalten des Moseh, ein Zeugniß
und ein Vorbild für Israel bis auf den heutigen Tag. Ohne List,
ohne Falsch, schlicht und gerad vollzieht er seine Sendung; nicht auf
dem Wege der Verschwörung will er seines Volkes Befreiung herbei¬
führen. sondern stolz und aufrecht, im Bewußtsein des guten Rechtes
tritt er hin vor Pharao und verlangt, daß er die Israeliten ziehen
laste aus dem Lande, mit desten Einwohnern sie nach dem Bericht
der Schrift bis zum letzten Tage ihrer Anwesenheit in gutem Ein¬
vernehmen gelebt hatten. Nicht an eine Kaste, nicht an eine kleine
Schaar von Eingeweihten, sondern an das ganze Volk wandte er sich
mit der Heilslehre, von der wir es an jedem Sabbath rühmen, daß
sie die Augen erleuchtet und den Thoren Weisheit lehrt. Wie Moseh,
so waren auch alle nach ihm kommenden Propheten echte Volks-
mänuer, die oft genug mit Gefährdung des eigenen Lebens vor den
Mächtigen das Recht vertheidigt, die nach dem Prophetenwort das
Recht zur Richtschnur und die Gerechtigkeit zum Maß genommen
haben.
Berlin, 17. Januar.
enn Jemand noch glauben sollte, daß zwischen den Konser¬
vativen und den Antisemiten i» Bezug auf ihre
Judenfeindschaft ein wesentlicher Unterschied besteht, so
möge er nur in der Nummer 2 der'„Deutschen Reform" Nachlesen, auf
welche Bedingungen sich der konservative Abgeordnete für Kolberg-
Köslin, Zimmermeister Firzlaff, verpflichtet hat, um die Stimmen
der Antisemiten von Bublitz zu gewinnen. Wir schweigen davon,
daß er versprechen mußte, im Reichstag für Schächtverbot, kon¬
fessionellen Eid und Einwanderungsverbot gegen ausländische Juden
zu stimmen. Was aber neu ist und was einen Ruhmestitel und
eine Origmalleistung der Bublitzer Antisemiten vorstellt, das ist
ihre Forderung, daß der konservative Abgeordnete für ein Aus¬
wanderungsgesetz wirken soll, welches alle Juden in Deutschland
zur Auswanderung zivingt. Und dieser würdige Vertreter des
deutschen Volkes, Herr Zimmermeister Firzlaff, hat es für angemessen
erachtet, um mit Hilfe einiger Hundert antisemitischer Stimmen
in den Reichstag gewählt zu werden, sich den ihm gestellten Be¬
dingungen zu fügen. Mehr als eine halbe Million deutscher Staats¬
bürger soll also gezwungen werden, ihr Vaterland aufzugeben und
sich eine neue Heimath in der Fremde zu suchen. Der Mann aber,
der dies im Reichstag verlangen wird, ist nicht Ahlwardt, sondern
ein Mitglied der konservaiiven Fraktion. Es ist gut, daß solche
Zwischenfälle von Zeit zu Zeit die wahre Gesinnung der konservativen
Fraktion enthüllen, denn es giebt nur allzu viele Optimisten unter
uns, welche mit dem Rückgang der antisemitischen Partei den Anti¬
semitismus beseitigt glaubten. Diese Optimisten werden jetzt wenigstens
darüber aufgeklärt sein, daß die Konservativen ebenso schlimme
Judenfeinde sind wie die reinen Antisemiten.
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In der Tonhalle, der alten Stätte Stöcker'scher Triumphe, hat
am 13. d. Mts. die kirchliche Vereinigung in Berlin eine angeblich
imposante Protestversammlung gegen die „von der Stadt¬
verordnetenversammlung betriebene Verjudung der christlichen Schulen
der Reichshauptstadt" abgehalten. Als erster Redner behandelte
Pastor a. D. Zilleffen das Thema: Simultanschulen oder kon¬
fessionelle Schulen? Dann sprach der antisemitische Stadtverordnete
Pretzet speziell über Judenthum und Schule in Berlin, und schlie߬
lich kam Herr Stöcker mit einem Vortrage über Volkserziehung und
Schule in Berlin. Er klagte dabei überden Mangel an evangelischem
Bewußtsein beim Volke in Berlin, weil eS sonst wie ein Mann auf¬
stehen und den Schrei nach christlichen Lehrern für christliche Schulen