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erheben würde. Pon welch frommem Geist diese Versammlung ge¬
leitet war. .erhellt aus der Thatsache, daß in der Diskussion ein
Pastor Koch die Notwendigkeit eines echt christlichen Unterrichts
durch christliche Persönlichkeiten mit dem Hinweis auf die vielen
jugendlichen Uebelthäter und Verbrecher — in seiner 26 000 Seelen
zählenden Gemeinde sind 47 Kinder im Jahre 1898 angeklagt ge¬
wesen — begründete! — Also die jüdischen Lehrer seien für die angeb¬
lich wachsende Kriminalität verantwortlich zu machen!! Die Aeuße-
rung des Herrn Pretzel, daß die Wahl des jüdischen Stadtverord¬
neten Preuß in die Schuldeputation als vollzogen angesehen werden
könne, wenn ihm auch Genaueres nicht bekannt sei, gab zu Pfuirufen
Anlaß. Schließlich wurde folgende Resolution gegen die Stimmen
einiger Lehrer angenommen:
„In der Tonhalle versammelte Männer haben mit lebhaftem Danke
die Stellungnahme des Provinzial-Schnlkolleginms in der Frage der An¬
stellung jüdischer Lehrkräfte an christlichen Schulen begrüßt und sprechen
die Erwartung aus, daß die christlichen Privatschulen geschützt werden,
und daß jüdische Lehrkräfte höchstens so weit angestellt werden dürfen,
als es der jüdische Religionsunterricht durchaus verlangt. Die Er¬
richtung rein jüdischer Schulen würde dem Uebelstande am besten ab¬
helfen. Die Versammlung giebt ihrer Entrüstung darüber Ausdruck, daß
in der deutschen Reichshauptstadt der Versuch gemacht worden ist, die
jüdischen Stadtverordneten Singer und Dr. Preuß in die städtische
Schuldeputation zu bringen."
In einer zweiten Resolution wurde Herrn Pretzel der Dank für
„sein echt deutsches Auftreten" in der Stadtverordnetenversammlung
ausgesprochen. Weitere Folgen hatte die Versammlung nicht. Sie
wird hoffentlich auch ferner keine solchen haben.
*
Wir haben bereits früher gemeldet, daß die belgische Kammer
kürzlich einer Anzahl von Personen die Naturalisation in Belgien ver¬
weigert hat, weil man dieselben für Juden hielt. Diese Angelegenheit hat
noch ein Nachspiel gehabt, da die Deputirten Fournemont und Lorand
Namens der liberalen und sozialistischen Abgeordneten erklärten, daß
ihre'Parteien gegen diesen Akt der Intoleranz seitens der klerikaleil
Majorität proteflirten. Dabei hat sich herausgestellt, daß mehrere
der Betroffenen gar keine Juden sind, sondern nur zufällig jüdisch
klingende Namen führen.
*
Im russischen Ministerium für Volkserziehung wird ein neues
Pensionsgesetz für Lehrer ausgearbeitet. Daffelbe verleiht diesen
gewiffe Rechte, von denen auch die Juden nicht ausgeschloffen sein
sollen, z. B. daß die Söhne der Lehrer umsonst auf Staatsgymnasien
Aufnahme finden. Dieses Privileg findet aber nur auf die jüdischen
Lehrer an Gouvernementsschulen Anwendung, das heißt den von der
Regierung eingerichteten, von der Koscher-Fleischtaxe erhaltenen
Schulen, lind sind auch nur diese Lehrer pensionsberechtigt, aber
natiirlich zahlt die Pensionen nicht der vom Staate dafür bestimmte
Fonds, sondern wieder die Koscher-Fleischsteuer. Die Lehrer an den
jüdischen Gemeindeschulen utib den Talmud-Thoraschulen haben kein
Anrecht all die durch das neue Gesetz verliehenen Wohlthaten. In
einigen Gouvernements wird übrigens auch noch die Lichtsteuer zur
Unterhaltung der Gouvernementsschulen erhoben, und auch dies« ist
recht bedeutend. So beträgt sie z. B. im Gouvernement Cherson
mit seiner armen Bevölkerung 23000 Rubel und bildet in vielen
Genmnden eine schwere Last für die armen Juden.
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Auf der Insel CYpern ist unter der englischen Verwaltung
vollkommene Gleichberechtigung aller Konfessionen die Regel. Sie
hat sogar einen jüdischen Polizeiinsp^!:mit Hauptmaunsrang
Es ist dies ein gewisser Paul Volatea der 1877 nach Cypern kam,
um als Kaufmann sein Glück zu versuchen, dann 1879 in die neu¬
gebildete englische Polizei eintrat und hier seinen hohen Rang all-
mälig erwarb. Er ist ein gründlicher Kenner des englischen und
des einheimischen Rechtes, und spricht zugleich Englisch, Französisch,
Deutsch, Türkisch, Arabisch und Griechisch. Lange Zeit war er der
einzige Jude auf Cypern und ist noch der einzige in seinem Wohn¬
ort Nikosia, dennoch hat er nie sein Judenthum verborgen, sondern
sich immer dessen gerühmt. Die Kolonisten von Ahawath Zion
haben von ihm viele Gefälligkeiten empfangen.
*
In Algier hat der Gemeinderath bekanntlich beschlossen, ange¬
sichts der Absetzung des Maires Max Regis, diesen als Ehrenmaire
anzusehen. Die Regierung aber schweigt, oder sie läßt sich gar, wie es
neuestens den Anschein hat, zu gewissen Konzessionen herbei. Anders
kann man die Rede kaum auffaffen, die bei der Eröffnung des
Oberen Rathes von Algier der Generalgouverneur Laferriöre gehalten
hat, und in der er das zunehmende Uebergewicht der französischen
Raffe in Algier betonte, wodurch die Naturalisation von Ausländern
und die Anwendung des Dekrets Cremieux, das en bloc naturalisirt
habe, weniger nothwendig gemacht würden. Diese gesetzgeberischen
Maßnahmen hätten zu den Mißständen in Algier beigetragen und
die Befürchtung entstehen lassen, daß das französische Element durch
das Zuströmen verschiedenartiger und zuweilen unverträglicher
Elemente zurückgedrängt werden könnte. Eine Revision dieser Gesetz¬
gebung sei wünschenswerth, vorausgesetzt, daß sie ohne Haß und ohne
gewaltsamen Umsturz, sondern mit reiflicher Ueberlegung durchgeführt
und auf die politischen Rechte beschränkt werde. Diese Mission habe
er übernehmen zu müssen geglaubt zum Wohle des Ganzen und der
Zukunft der Kolonie.
Freiherr von Mirbach über die Kaiferreise.
B. Berlin, 16 . Januar.
S er Oberhofmeister der Kaiserin, Freiherr v. Mirbach, der
auch der Begleiter des deutschen Kaiserpaares aus der Reise nach
Palästina war, hat in Potsdam in einer Serie von Borträgen
die Eindrücke geschildert, welche diese Reise in ihm hervorgerufen hat.
Uns interesstren von den außergewöhnlich ansprechenden Schilderungen
hauptsächlich diejenigen Stellen, in denen von jüdischen Dingen die Rede
ist, und diese wollen wir nach dem stenographischen Bericht eines hie¬
sigen Blattes wiedergeben.
Auf der Reise von Haifa nach Jerusalem sah Freiherr von Mirbach
auch einige jüdische Kolonien in der Ferne liegen, über die er sagt:
„Auf den entfernter liegenden Höhen bemerkten wir auch einige Tscherkessen-
dörfer, aus kleinen Lehmhäusern mit Strohdächern bestehend, sowie die
von Rothschild und Montefiore angelegten jüdischen Kolonien, die sich
mit ihren weißgefirichenen modernen Steinhäusern und rothen Ziegel¬
dächern ganz nett präsentirten."
Beim Empfang des Kaisers in Jerusalem halten bekanntlich die
Juden die erste Ehrenpforte erbaut und begrüßten dort zuerst den
Festzug. Freiherr von Mirbach berichtet darüber: „Der Jubel, die
Zurufe, das Winken und Grüßen der Christen, Juden, Muhamedaner
und Heiden war unbeschreiblich. Die neuen Häuser und Dächer des
Judenviertels waren von nach ihrer Art geputzten Frauen dicht besetzt.
Eine große Ehrenpforte wölbte sich über der Straße. Hier standen zu
dem Empfang auf der einen Seite die türkischen Behörden, an ihrer
Spitze der schweigsame, ernste, gefürchtete Gouverneur von Damaskus,
dem der Sultan die Ueberwachung der Kaiserreise in Palästina anver-
traut halte; auf der anderen Seite standen alte, weißbärtige Rabbiner,