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in den Armen die großen, schwervergoldeten Gesetzesrollen tragend, in
langen Gewändern und hohen Baretts, wie wir sie uns zur Zeit
Christi denken. Sie hielten lange hebräische Ansprachen, — die ersten
hier, — in denen sie in überschwenglichen Worten die ihnen und der
Menschheit von Gott zum Schutz und Segen gesandten Majestäten be¬
grüßten. Jüdische Kinder sangen Lieder mit fast noch überschwenglicherem
Inhalt."
Bezüglich der gegenwärtigen Bevölkerung theilt Freiherr von Mir¬
bach Folgendes mit: „Während dieser vielen Kämpfe und Verwüstungen
. war Jerusalem immer tiefer gesunken, immer mehr verarmt; seine Ein¬
wohnerzahl war ganz zurückgegangen, und erst um das Jahr 1800 hatte
sie sich wieder auf etwa 20 000 gehoben, darunter aber wenig Christen
und Juden, meist Muhamedaner. Zwischen 1860 und 1870 nahm die
Stadt einen Aufschwung, besonders durch den Zuzug von Christen,-
welche viel zur Hebung von Handel und Gewerbe beitrugen, und durch
deren Niederlassungen sowie zahlreiche jährliche Pilgerfahrten reges
Leben und Mittel in die Stadt gebracht wurden. Am größten ist durch
die großartig betriebene Kolonisation der reichen Rothschild, Montefiore
und Hirsch der Zuzug der Juden, allerdings meist ganz armer, verwahr¬
loster aus Rußland, Polen und Galizien. So zählt heute die Stadt
mit den Vorstädten 67 000 Einwohner, darunter fast 50 000 Juden,
8000 Muhamedaner und 10 — 11000 Christen, von diesen die größere
Hälfte griechisch-orthodox, 4000 Lateiner, d. h. römisch-katholisch, und
kaum 1000 Evangelische."
Diese Ziffern sind um so bemerkenswerther, als sie auf der Zählung
der deutschen Konsulatsbehörden beruhen, welche wohl in der Lage sind,
die Verhältnisse gründlich zu kennen.
Aeußerst interessant sind die Bemerkungen des Vortragenden
über die Klagemauer: „Tieftraurig und abschreckend war der
Besuch der Klagemauer, und zwar in solchem Maße, daß man
die Majestäten nicht hinführen konnte. Der Weg führte uns durch die
vielen Gaffen des Bazars, der nichts Besondere- bot, höchstens daß man
hier, in dem unruhigen Treiben und Getümmel um die schmutzigen,
dumpfigen Kaufbuden, neugierig umdrängt von den ärmeren Einwohnern,
einmal einen Blick in das Alltagsleben der Stadt that. Bon hier stiegen
wir, theilweise auf Stufen, steile, enge Gassen hinab und gelangten zu
den Wohnungen im Elend verkommener fanatischer Muhamedaner aus
Afrika und der ärmsten Juden, errichtet auf den Schutthaufen des
Tyrochoen-Thales. Nur elende, viereckige Steinkäftge und winzige,
von Schmutz starrende Höfe, die Bewohner abgezehrt, in Lumpen, die
Kinder halb nackt, von Schmutz bedeckt, krank aussehend, bettelnd sich an
die Fremden herandrängend, Greise, wie stumpfsinnig im Schmutz hockend.
Im Inneren der Häuser nur Unrath und Lumpen herumliegend, überall
ein schrecklicher Geruch — ein Bild schaudererregender Armuth und Ver¬
kommenheit. Wie oft erinnerte man sich in Palästina und besonders
hier der Worte des Neuen Testaments: „Ihn jammerte des Volkes".
Von Bettlern umgeben, steht man plötzlich auf einem nur wenige
Meter breiten und vielleicht zwanzig Meter langen Platz vor den ver¬
witterten gewaltigen Quadern eines Stückes der Westmauer des
Tempelplatzes, die sich hier einst in der Glanzzeit über das Tyrochoen-
thal erhob.
Da stehen und sitzen die Juden, einige in besseren, die meisten
barfuß in zerlumpten, schmutzigen Gewändern, alte Gebetbücher in der
Hand, weinend, die Steine küssend, laut betend, klagend über den Unter¬
gang ihrer Größe, ihres Tempels und des Palastes, über die Könige
und Priester, die gestrauchelt sind und den Herrn verachteten, flehend,
daß der Erlöser komme und sie erretten möge. Einzelne sieht man an¬
dächtig, Andere mechanisch betend, wieder Andere sich umsehend und ver¬
suchend, durch ihr Gebühren Geld von den Fremden zu erhalten. Viele,
namentlich halberwachsene Kinder, laufen schreiend und bettelnd umher,
mit unangenehmster Zudringlichkeit die Fremden belästigend."
Welcher Jude, der diese Worte liest, kann sich des schmerzlichen
Gefühles erwehren, daß von jüdischer Seite die Pflicht den nothleidenden
Brüdern in Jerusalem gegenüber noch vielfach versäumt wird.
Gin jüdisches Asyl
für Kranke und Altersschwache in Westfalen.
Bon I. Ostwald in Witten.
s war am 31. Oktober v. I., als die Gemeinden Neuenkirchen
und Witten auf dem Gemeindetage zu Münster den Antrag
auf Errichtung eines Asyls rc. stellten und durch die Herren
Vorsänger und Ostwald begründen ließen. Wohl selten hat ein Antrag
solch begeisterte Zustimmung gefunden wie dieser. Nicht eine einzige
Stinime erhob sich dagegen. Ja, zwei Herren aus Rietberg stellten
sofort 5000 bezw. 3000 Mk. für den edlen Zweck zur Verfügung.
Erfreulicherweise wurde beschlossen, die Anstalt nicht auf die Verbands-
gemeinden zu beschränken, sondern sämmtliche Glaubensgenossen West¬
falens zur Theilnahme an dem Unternehmen einzuladen.
Die Delegirten trugen die erhaltene Anregung in ihre Gemeinden,
ein Rundschreiben des Verbandsausschusses in die weitesten Kreise
der Provinz, und bald zeigte sich das regste Jntereffe für unser Projekt.
Die großen Gemeinden gingen mit ihren Zeichnungen voran, viele
kleinere folgten; selbst Kinder legten ihren Sparpfennig auf den Altar
der Menschenliebe; junge Damen spendeten kleine Summe», die für
Vergnügungszwecke bestimmt waren. Im Anschluß an den Gemeinde¬
tag in Herford, 12. Juni v. I., fand eine Delegirtenversammlung
der verschiedenen Asyl-Komitees statt, und der Verbandsausschuß, der
bis dahin die Leitung der Angelegenheit besorgt hatte, war in der
angenehmen Lage, berichten zu können, daß bereits 73 000 Mk. ge¬
zeichnet seien. Die fernere Leitung der Asyl-Bestrebungen wurde
einem Komitee von 5 Mitgliedern übertragen mit der Maßgabe der
Zuwahl auf mindestens 12 Herren und der Bestimmung, den Bau
des Asyls erst zu beginnen, wenn die Kapitalsunnne 100 000 Mk.
betrage. Die Herren A. Elias-Dortmund, I. Mendel-Bochum,
I. Ostwald-Witten, S. Porta-Neuenkirchen und I. Steinberg-Münster
bilden das Komitee. — Mit Freuden nahm die Herforder Versammlung
Kenntniß vom dem Jntereffe, das der Landeshauptmann von West¬
falen unserem Unternehmen entgegenbringt, unb von dem Erbieten einer
erheblichen materiellen Unterstützung, wenn wir auch eine jüdische
Anstalt für Epileptiker gründen würden. Meines Wiffens existirt
eine solche Anstalt in Deutschland nicht, und mich beglückt schon die
schwache Hoffnung, daß wir diesen Unglücklichsten der Unglücklichen
eine Heimstätte bereiten werden. Ich bin der Ansicht, daß edle Wohl-
thäter der Menschheit schon humanen Zwecken, die vielleicht minder
dringend waren, große Spenden zugewandt haben.
Das Komitee ist inzwischen recht eifrig gewesen. Die Zahl seiner
Mitglieder ist durch Kooptation auf 20 gewachsen; der Vorsitz wurde
Herrn I. Mendel-Bochum übertragen, zum Schatzmeister Herr Bankier
L. Hanf-Witten, Mitinhaber der Firma S. Hanf, gewählt, für die
verschiedenen Zweige der Thätigkeit wurden besondere Kommissionen
ernannt, namentlich zur Erlangung des nervus rerum, der Be¬
schaffung weiterer Geldmittel. Denn noch sind ansehnliche Gemeinden
Westfalens, größere wie kleinere, mit ihre» Spenden zurückgeblieben,
vermuthlich, weil sich in ihrer Mitte Niemand gefunden, der die Agitation
organisirte. Hoffen wir auch von diesen Gemeinden das Beste.
In der jüngsten Komitcesitzung wurde nun beschloffen, die Sammel¬
listen durch den Druck zu veröffentlichen und an alle außerhalb West¬
falens wohnenden begüterten ehemaligen Westfalen die Bitte um gütige
Unterstützung unseres edlen Werkes zu richten.
Die Zeichnungen für das Asyl betragen nunmehr annähernd
80000 Mark. Wenn man erwägt, wie manche unserer Gemeinden
durch den Wegzug ihrer begüterten Mitglieder ihre Leistungsfähigkeit
verloren haben, wie große Opfer gerade in unserer Provinz für
Unterrichts-, Kultus- und Armeiizwecke zu bringen sind, wie neu und