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Schein auf die Gesichter der Umstehenden und zeichnet Phan¬
tastische Schatten an die Mauer der Synagoge.
Vom Himmel blickt die Mondsichel durch einen blassen
Nebelring. Zu dieser Stunde, bei dieser Beleuchtung wirkt der
Anblick dieses tausendjährigen Ceremoniells mit einer Tragik,
die Dein Herz mit Thränen füllt. Du siehst dieses vieltausend¬
jährige Volk eiugesargt in seine vieltausendjährigen Bräuche,
Du siehst ein Elend, das beinahe ebenso alt ist wie dieses Volk
selbst.
Du fragst: „Wie kommt es, daß sie leben, immer wieder
leben in dieser doppelten Gruft: dem Elend und der Geistes-
erstarrnng?" Ihre große Hoffnung ist es! Welche? Ihre
H offnung auf das Heil, das aus den Wolken niedersteigen soll.
Ich sehe Dich blaß vor Ergriffenheit, und aus dem Herzen steigt
Dir die Thräne ins Ange. „Wenn man sie in den Kreis des
Lebens zöge," meinst Du. „wenn man sie lehrte, daß ewiges
Heil allein, in ewiger Entwickelung, im ewigen Fluß der Dinge
liegt?" Du weißt wohl, daß sie Dich dafür steinigen würden,
wenigstens mit Worten.
„Aber sollten wir deshalb unterlassen, sie dem Leben
wiederzugewinnen?" fragen Deine Augen. „Liegt hier vielleicht
eine Aufgabe?"
Die Menge hat sich zerstreut, die Straßen sind still ge¬
worden, nur vor den Fenstern des Hochzeitssaales drängen sich
die Jungen und blicken auf die Schmausenden. Du suchst
herausznkommen aus den Häusern, die Dich einengen, aus der
Traurigkeit, die auf Dir lastet. Du suchst den Ausblick auf
die weite Ebene, der das Herz befreit. Da liegt sie schlafend
vor Dir, in silberne Schleier gehüllt, aus denen nur matt die
dunklen Umrisse ihres Riesenleibes hervorschimmern. Das
Mondlicht ist so hell. Du siehst kaum die Sterne. Das Rollen
Deines Wagens hallt wieder vom Waldrand, und ans der
Ferne.tönt der verlorene Schreieines Kiebitzes, der zum Nest eilt.
Originale aus dem Osten.
Von H. Fr. v. Offen.
II.
Der Rekognoszir-Meyer.
Eine Erinnerung an meine Referendariatszeit.
achdem ich in reizvoller Abwechselung die traurigsten
Nester der Provinz Posen mit meiner werthen Person
. begtüeft und ihnen meine juridische Weisheit zu Heil
und Frommen hatte angedeihen lassen, versetzte mich ein
gütiges Geschick nach K.
K. ist ein Städtchen mit zwei geraden und diverfeil
schiefen, winkeligen Straßen, ganz hübschen Häusern, einem
Amts- und Landgericht, etwas Militär, und seine Einwohnerschaft
beziffert sich heut wohl auf 10000. Zu damaliger Zeit'hatte
es jedoch diese stattliche Zahl von Bürger und Bürgerinnen
noch nicht aufzuweisen, man kann sich daher einen Begriff von
den Orten machen, in welchen ich bis dato zu vegetiren, —
leben konnte man es nicht nennen, gezwungen war, wenn ich
meine Versetzung nach K. als Glücksfall betrachtete.
Sehr bald hatte ich mich dort häuslich niedergelaffen und
.zwei nette Kollegen, die gleich mir am Gericht arbeiteten, trugen
zur Erhöhung meiner Zufriedenheit bei. Da wir unsere Kräfte
nicht allzu sehr anzüstrengen brauchten, blieb uns viel freie
Zeit für unser Vergnügen. Vergnügen ist vielleicht etwas viel
gesagt, aber wir drei — auch die. beiden Kollegen hatten ihre
Zeit in ähnlichen verlockenden Nestern des V. Armeekorps zu¬
gebracht — waren sehr bescheiden. Wir nannten es schon Ver¬
gnügen, wenn wir Nachmittags um 4 Uhr au dem großen
Fenster der wirklich vorzüglichen Konditorei sitzen konnten, vor
uns den Marktplatz mit dem alten, baufälligen Nathhaus.
Doch ich will ganz offen sein, es> war eigentlich nicht dasRath¬
haus, das zu betrachten uns Vergnügen machte, weit mehr
zog uns K's. holde weibliche Jugend an, welche um diese
Zeit gewöhnlich ihren Spaziergang um den Marktplatz herum
machte, und, je nach Veranlagung, beim Vorübergehen in
verhüllter oder unverhüllter Weise mit uns kokettirte.
Man bedenke aber auch drei Referendarien auf einmal
iu einem solch kleinen Städtchen, und alle drei so unverlobt
wie nur irgend möglich, alle Mütter heirathsfähiger Töchter
schwelgten in den berauschendsten Träumen; so begehrenswert!,
wie in K. bin ich mir übrigens in meinem Leben niemals
wieder vorgekommen.
Dort in diesem schönen Städtchen lebte mein Rekognoszir-
Meyer. Da die Umgebung von K„ wie fast der größte
Th eil der Provinz Posen von Polen bewohnt ist, so war es
seiner Zeit erforderlich, daß der Landbewohner, sobald er vor
Gericht geladen. Jemanden mitbrachte, der im Stande ivar,
ihn zu rekognosziren. Herr Meher kannte nun für zwei Mark
pro Person jeden Bewohner der umliegenden Dörfer bis auf
15 Meilen im Umkreise. Eines Tages, ich hatte den beurlaubten
Amtsrichter S. in einer MeineidSsache zu vertreten, waren
verschiedene polnische Ehepaare, Bauern eines benachbarten
Dorfes, als Zeugen geladen, natürlich war Herr Meyer mit¬
gekommen, um ihre Identität festzustellen. Ich wandte mich
daher, bevor die Zeugen vernommen wurden, mit der Frage
an ihn, ob ihm die Leute bekannt wären. „Wie haißt, Herr
Nichterleben," rief er eifrig, „ich wär nischt kennen die Lait, und
wär nischt wissen was se sind, wo ich schon Hab gekannt ihren
Vaterund Großvater, Gott Hab se selig. Die Beiden," — er zeigte
auf zwei der Männer, „Hab ich oft genug verkloppt wie se noch
waren klane Jüngs, verßeihen Se gütigst Herr Nichterleben."
Freund Meher war Diplomat, er kannte die Menschen in ihrer
ganzen Schwäche, und deshalb suchte er auch mich bei der
Eitelkeit zu fassen und gab mir einen Titel, von dein er wußte,
daß ich noch nicht würdig sei, ihn zu führen. Aber, wie gesagt,
auch ich kannte meinen Freund Meyer, infolge dessen auch den
moralischen Werth seiner Versicherungen, und ein gewaltiges
Mißtrauen bemächtigte sich meiner edlen Seele; da kam mir
plötzlich eine glorreiche Idee, mit deren Hilfe ich mich von der
Ehrlichkeit meines braven Meyer überzeugen konnte. Ich
winkte denr Gerichtsdiener und ließ von ihn, Männlein und
Weiblein ausscheiden und in zwei gesonderte Häuflein
ansstellen.
„Nun, Verehrtester," wandte ich mich wiederum mit gerade¬
zu berückender Liebenswürdigkeit an den Biedern, „rinn thun
Sie mir einmal den Gefallen und führen Sie jedem Manne
seine bessere Hälfte wieder zu." Einen Augenblick blieb er ver¬
blüfft stehen, meine übergroße Liebenswürdigkeit beängstigte
ihn augenscheinlich, er ahnte wohl eine Tücke, dann aber nahm
er in seiner angeborenen Unverfrorenheit je ein Weiblein an
der Hand, und stellte sie an die Seite eines der Männer.
Als diese feierliche Ceremonie beendet war, wandte ich
mich an eine der Frauen, „Ist das Dein Marin?" fragte ich