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Leitartikels der „Kreuzzeitimg" als ein Jude zum Vorsitzenden
einer Eisenbahndirektiou iu der Provinz ernannt werden
sollte. Bei der Banverwaltung wurden und werden ebenfalls
Juden angestellt. Am wenigsten erklärlich erscheint die Zurück¬
setzung von jüdischen Bewerbern in den Ressorts des Handels
und der Finanz, denn daß dort Assessoren sich möglicherweise
nicht gemeldet hätten, war doch wohl nur ein Scherz des
Ministers, der von dein hohen Hause mit der gewünschten
Heiterkeit ausgenommen wurde.
Wir Juden können allerdings hier nicht mitlachen. Für
uns ist die Sache sehr ernst, ja geradezu traurig, denn es ist
durch diese Verhandlung klar geworden, daß eine Praxis, die
vorr jeher existirte, und über die sich im ganzen Staate eigentlich
Niemand einer Täuschung hingab, im Interesse der „Gefühle
der Bevölkerung" jetzt offen anerkannt und vertheidigt wird,
während man sich früher wohl hütete, solche Grundsätze aus¬
zusprechen oder gar zuzugeben. Die Frage eines liberalen
Abgeordneten, welche Bedeutung hat die Konfession des Mannes
für die Besetzung eines Amtes, oder genauer: macht die Zu¬
gehörigkeit zu einer bestimmten Konfession ungeeignet, ein
bestimmtes Amt anzunehmen? diese Frage, die eigentlich im
Mittelpunkt aller Erörterungen hätte stehen müssen, und zu
der alle Parteien hätten Stellung nehmen sollen, diese Frage
ist eigentlich im Abgeordnetenhause in sehr geschickter Weise
voll allen Parteien umgangen worden, denn es hätte in der
That Niemand sagen können, daß die Zugehörigkeit zum
Judenthum irgend einen sonst geeigneten Bewerber ungeeignet
mache, eine Stellung als Beamter im Ministerium des Han¬
dels, der Landwirthschaft oder der Finanzen anzunehmen. Von
diesem Standpunkt allein müssen auch die preußischen Inden
ihren Kampf für das Recht fortsühren. Die Erkenntnis;, daß
es unmöglich sei, preußischen Staatsbürgern, die nach allen
Richtungen hin ihre Schuldigkeit thun, ihre verfassungs¬
mäßigen Rechte abzusprechen, muß schließlich doch zum Siege
gelangen. Nach der Verfassung kann Jeder in Anspruch
nehmen, zur Ausübung aller staatsbürgerlichen Rechte zu¬
gelassen zu werden, und nirgends ist auch nur die leiseste An¬
deutung gemacht worden, daß irgend eine Konfession ein
Hinderniß sei zur Ausübung gewisser Rechte. So lange die
Verfassung nicht geändert, und die betreffenden Reichsgesetze in
Geltung sind, so lange müssen diese auch beobachtet werden.
Einen Antrag auf Abänderung der Verfassung nach dieser
Richtung hin hat bis jetzt noch Niemand im Hanse einzubringen
gewagt, und der Justizminister selbst hat sehr treffend schon in
seiner erster: Rede hervorgehobeu, daß eine solche Forderung
„wohl ans keiner Seite Gegenliebe finden werde". Damit ist
aber auch die Berechtigung unseres Kampfes ausdrücklich und
in klare:: Worten anerkannt.
Nie Woche.
Berlin, 6. Mürz.
in :>. d. Ni. tagte hier, zahlreich ans säst allen Theilen
Deutschlands besucht, der Ausschuß zur Organi¬
sation der Israeliten Deutschlands. Nach
langen und eingehenden Verhandlungen wurde mit allen
gegen eine Stimme und einer Enthaltung folgender von
Jiistizrath Breslauer «Berlin- gestellter Antrag angeiiomineiir
„Ein Entwurf des geschäftsführenden Ausschusses ist einer
neuen Versammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Bis
dahin ist der Anschluß derjenigen Organisationen zu erstreben,
welche bis jetzt sich nicht erklärt oder sich ablehnend verhalten
haben." - - Damrt ist zu unserer Genugthuung mit einer an
Einstimmigkeit grenzenden Mehrheit der Grundsatz einer Ge-
sammtorganisattion der Israeliten Deutschlands anerkannt.
Aber bis zur thatsüchlichen Durchführung dieses Prinzips be¬
darf es noch vieler Arbeit und großer Anstrengung.
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In den Parlamenten beschäftigt man sich wieder
ziemlich viel mit unseren Angelegenheiten. Im Budget-
ausschuß des Reichstages fragte bei dem Titel „Aerzte" der frei¬
sinnige Abgeordnete Müller-Sagan, warum man angesichts
der vorhandenen Mankements nicht jüdische Militärärzte
einstelle, und wünscht eine Statistik darüber, wie die Stellen
besetzt werden, auch statistische Nachweise über die jüdischen
Reservemilitärärzte. Ein Regieruttgsvertreter erklärte, es gebe
keine Bestimmung, welche jüdische Militärärzte
ausschließe, und theilte ferner mit, daß die Militärverwaltung
demnächst eine Statistik der jüdischen Reservesanitätsoffiziere
vorlegen werde. Die Behauptung, der Regicrungsvertreter
habe zmn Beweise für seine Mittheilungen angeführt, das; „in
der That zwei jüdische Militärärzte im deutschen Heere vor¬
handen seien", scheint also nicht den Thatsachen zu ent¬
sprechen.
In einer späteren Sitzung trat der elsässische Abgeordnete
Bonderscheer dafür ein, daß den Soldaten alle Freiheit zum
Besuch des Gottesdienstes gelassen werde, namentlich auch den
jüdischen Soldaten am Sabbath und hohen Feiertagen. Den
jüdischen Soldaten gegenüber scheine die Militärverwaltung
dem Grundsatz zu huldigen: Religion ist Privatsache. Darauf
antwortete namens der Regierung der Generalleutnant
v. Viebahn:
„Zn der preußische» Armee ist die Seelsorge derart geregelt, das;
sie entweder von etatsmäßigen Militärseelsorgern oder durch Civil-
geistliche, die damit beauftragt sind, Wahrgenomnien wird. In den¬
jenigen Standorten, in denen sich nur wenige Soldaten einer Kon¬
fession befinden, werden die Soldaten, die einer der christlichen Kon¬
fessionen angehören, nicht zum Gottesdienst geführt, sondern es wird
ihnen überlasse», einzeln den Gottesdienst ihrer Konfession z» be¬
suchen. Nach diesem Grundsatz wird auch für die jüdischen Soldaten
verfahren. Außerdem ist festgelegt, daß diese an den Feiertagen mög¬
lichst von« Dienst befreit werden. Also eine ungleiche Behandlung
der einzelnen jüdischen Soldaten und der christlichen, die nur in ge¬
ringer Zahl in einer Garnison vorhanden sind, findet nicht statt. Was
die Frage der Vorbereitung der Vereidigung betrifft, so ist durch
allerhöchste Kabinetsordre angeordnet, daß die Vorbereitung der
jüdischen Soldaten durch den Rabbiner erfolgt. Also jür die jüdische«,
Soldaten geschieht alles, was für die Pflege religiösen Sinnes »oth-
wendig ist."
Theoretisch wenigstens existirt also in der Armee in dieser
Beziehung der Grundsatz: „Gleiches Recht sür Alle." Das ist
immerhin etwas werth.
Im Abgeordnetenhause weht bekanntlich kein so
freundlicher Luftzug sür die Juden. In der Sitzung vom
28. v. M. hat sich der Centrumsredner Dr. Porsch von Eugen
Richter eine mehr als scharfe Abfuhr geholt, weil er behauptet
hatte, dieser würde, wenn es sich um jüdische Verhältnisse han¬
delte, wohl größeres Entgegenkommen zeigen als bei den katho¬
lischen Angelegenheiten. Darauf antwortete Richter: