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»iß von der Toleranz '.einer hochw. Geistlichkeit, so wie
von dem regen Streben einer nicht unfähigen Zugend ab-
legen.
Theologie.
Hamburg er religiöse Zustände.
(Schluß.)
Im Ganzen dauert der Gottesdienst im Tempel unstreitig
zu lang, nemlich über drei Stunden am gewöhnlichen Sab-
batmorgen, weshalb denn ein großer Theil des Publikums
blos der Predigt und den angrenzenden Stücken beiwohnt,
und der Uebelstand, den die christlichen Protestanten so schmerz¬
lich empfinden, daß die Predigt allein als wichtigster Theil
des 'Cultus betrachtet wird, immer, mehr einreißt. Jene
Langwierigkeit entsteht aber daraus, daß eigentlich zweierlei
Kulte parallel neben einander laufen, nemlich der erwähnter¬
maßen wenig verkürzte herkömmliche Sidur, der wegen des
langsamen, würdevollen Vortrages *) viele Zeit wegnimmt,
und zweitens die vielen deutschen Choräle, von denen an je¬
dem Sabbatmorgen (zur Einleitung, vor Jischtabach—
vor dem Toralesen, vor der Predigt — nach derselben, zum
Schluß) mehr gesungen werden, als beim protestantischen
Gottesdienst, und das noch obendrein in Melodien, denen
man größtentheils keinen lebhaftem Charakter zu geben
suchte, als eben den des breiten norddeutschen Chorals.
.Dieser übermäßige Gebrauch deutscher Lieder und deren
isolirte Stellung im Ensemble des Rituals hat denn auch,
die üble Folge gehabt, daß in dem eingeführtm Gesaügbu-
che neben einer Anzahl wahrhaft schöner Lieder die größere
Halste der Nummern — deren überhaupt die wenigsten im
Geiste positiver Religion gedichtet sind — wirkliche Salba¬
dereien genannt werden können, in denen ein Paar'dürf¬
tige Ideen allgemeiner Gefühlsmoral bis zum Ueberdruß
wiederholt werden, und sich in einem Wüste von schwülsti¬
gen Apostrofen, Spielereien und fader Gesühlskoketterien fast
verlieren.
. Beiläufig erfahren wir auch aus diesem Gesangbuch ei¬
nige Dinge, von denen unsere Vorfahren nichts gewußt ha¬
ben, z. 33. daß bk Tobten auf den Sternen wohnen, daß
°) Die Chonrielodien so wie 'überhaupt die modulirte Vor¬
tragsweise dev Hebräischen sind eben wie die Pronuncicmon-
von der portugiesischen Synagoge entlehnt, bloS einige Melodien
z. B. EH Zion, die drei Makarismen nach dem Schofarblasm
:c. stammen von der deutschen. Der ausgezeichnete volle Bariton
deö Chasanö Meldola hebt das Ganze ungemein.
altes irdische Thun und Treiben, ja die Welt selbst Tand und
Unnutz seirc.; ferner ist das erhebende Wir aller unserer alten
Gebete fast durchgehends in das kleinliche Ich umgewandelt.
Auch im Gebetbuch stößt man auf ganz unerwartete Dog¬
men, z. B. daß Gott, der jüdische El chaj, beständig in
heiliger Ruhe hernieder blicke auf alles Geschaffene; daß die
Geister der Verstorbenen uns umschweben u. s. w.
Noch mehr auffallende Erscheinungen, die wot lediglich
der UeberUlung ihr Dasein verdanken, können gerügt wer¬
den. Da ist z. B. ein Tamid-Licht, das aber blos einmal
die Woche brennt, da ist Orgelmust'k, aber der Spielende
darf kein Jude sein, da wird z. B. die Haftara ganz un-
genirt beseitigt, aber gemäß des Magen Abraham wird
am Torafreudenfeste (selbst wenn es erwähntermaßen seculari-
sict ist) von den Aharoniden der Segen nicht gesprochen und
dgl. m.
Das sind nun freilich Dinge, die eine starke Jnconse-
quenz — wenigstens was man bis auf unsere Zeit so ge¬
nannt hat — verrathen; aber wo ist denn jetzt diese Jti-
consequenz nicht zu finden? Ganz folgerecht nach alter Lo¬
gik denken nur diejenigen, die entweder alles bejahen oder
alles verneinen, und auch diese kaum! Und ist denn der
Rabbine consequent, der seine Kanzelvorträge und seine theo¬
logische Literatur in Sprache, Form und Styl völlig ger-
manisirt, desorientalisixt- und dabei sich und seine Kinder
. nicht anders als mit bedecktem Haupte zeigt? Wenn er das
für einen asiatischen Despoten oder italienischen Eonäottwre
verfaßte Gebet hanoten abliest und gleich darauf von
Staatsverhältnissen. nach den Begriffen unsers Jahrhunderts
redet? Wenn er am 9. Ab für Anstand und Reinlichkeit in
der-Synagoge bemühet ist, und bei der Privattrauer für zer¬
rissene Kleider und ungeschorne Bärte sorgt? Wenn er Ver¬
söhnlichkeit und Duldung predigt, und das Welamal8ohl-
nim nicht abzustellen wagt?
Auch wird sich voü der rein praktischen Seite,
wo man nicht die Colonien als ein Princip preis gibt, und
im Sturme gern etwas Ballast, ja. etwas Frachtgut weg¬
wirst, um das Schiff zu retten,' wenig gegen das System
des Tempels einwenden lassen, das in einem besonnenen
Eklekticismus besteht, nicht allzu ängstlich den theoretischen
statu« quo, aber um so mehr das BoK befragend, welche
Formen — vom Inhalte selbst kann nicht die Rede ffein,
.der steht unverbrüchlich fest — ihm noch Sinn und G§-
müth ansprechen; welche der stützenden Reform bedürfen und
' welche ihrer-eigenen Kraft oder Schwäche zu überlassen sind.
Was einem solchen System an logischer Begründung adgeht,
das gewinnt es unstreitig an inniger Befreundung mit dem