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Leben, und mithin an praktischer Anwendbarkeit. Ist nun
der Tempel, wie Gegner von mancherlei Farben behaupten,
schismatisch oder ist .er es nicht? Und warum hat er denn sei¬
nen Ritus nicht über Hamburg und Leipzig hinaus
ausdehnen können? Er hatte nie die Absicht ein
Schisma zn bilden. Nachdem er sich anfänglich an das
hiesige Bel-Din mit Reform-Vorschlägen vergeblich ge¬
wandt hatte, hörte er nicht auf, sich in allen Punkten auf
rabbinische Autoritäten ^zu stützen, wie die Apologien Noga-
Zedek, Or-noga, Cliereb-nokemet etc. darthun.
Auch die dreijährige Perikopenordnung ward noch aus
talmudischen Quellen vertheidigt. Die geringe Verbreitung
des Tempelritus aber hat ganz andere Gründe, — es stan¬
den in einer Stadt die neuerungsscheuen Behörden und
in der andern die Finanzgötter entgegen--sonst hatte
sich vielleicht längst der größte Theil der Juden Deurschlanos
zum Tempelsystem gehalten, wie durch die bei vorkommen¬
den Gelegenheiten bereitwillige Theilnahme eines Zunz,
Mannheimer, Auerbach und anderer verbürgt ist. .
Auf jeden Fall ist das gesammte Israel, Freunde und
Feinde, diesem Tempel unendlichen Dank schuldig! Er war
die Avantgarde, er lichtete die Waldung, er zwang die Sy¬
nagoge zum Vorwärtsschreiten ; — eben wie der christliche
Protestantismus die katholische Kirche/ — indem er sie in
demselben Hamburg, wo er den aus zwei Sprachen zusam¬
mengesetzten Ritus, den einzigen unserer Zeit angemessenen,
begründete, zur Ausnahme eines gebildeten, studirten und
deutsch predigenden Geistlichen nöthigte, und dadurch die
Reihe solcher Männer für ganz Deutschland eröffnete '*).
Einzelnen Mängeln gegenüber ist jedoch Folgendes zu
bemerken. Als der Tempel hier gestiftet wurde, war es
nicht der Fall, daß eine im vollständigen rabbanitischen Re-
Ugionsleben begriffene Gemeinde sich plötzlich zu einem neu¬
en System gewendet hätte; sondern eine Anzahl Familien,
die theils mit sehr wenigen, zum größten Theil aber ohne
allen Cultus gelebt und ihre Kinder erzogen hatten, wollte
buchstäblich zu einem religiösen Leben zurückkehren, und da
sie inne geworden waren, daß die sogenannte Vernunftreli-
gion weder Ueberzeugung noch Trost gewahre, die Masse des
vorhandenen Rituals aber rhrern Gemülch und Geschmack
nicht genügen konnte, so mußte dahin gestrebt werden, durch
Predigt auf den innern, durch ansprechenden Cultus — der
noch genug Alterthümliches enthielt, um Achtung zu gebie¬
ten und die'Kluft nicht ohne Noch zu vergrößern — auf
den äußern Sinn zu wirken, das übrige Ceremoniell aber
*) Qfetr bitten hiermit das zu vergleichen, was wir in der
Einleitung zum B. ^ des Israel. Predigt- und Schul-Mag. be¬
reits 1834 bemerkten. Redact.
der individuellen Handlung anheim zu geben. Und so ist
denn auch, alles, was erwartet werden konnte, wie man nach
zwanzigjähriger Erfahrung wol behaupten kann, in hohem
Grade in Erfüllung gegangen. Eine große Menge Perso¬
nen 'ist für Israel gerettet und erhalten, das weibliche Ge¬
schlecht ist in's öffentliche Religionsleben eingetreten, der
Kunstsinn unserer Zeit ist in die „Hütten Jakobs" einge-
führt, die Kenntniß der hebräischen Sprache, der Bibel und
viele ihrer Erklärungen ist verbreitet, die jüngere Generation
hat auch diejenigen Observanzen, die einem Theile derselben
persönlich fremd sind, verstehen und achten gelernt, die
schroffe Stellung der Partheien gegen einander ist vermittelt,
das dem Erlöschen nahe gewesene Selbstgefühl ist neu belebt,
durch den frequenten Besuch von Christen aller Classen, diean
Predigt, Gesang und Geber Theil nehmen, hat ganz Israel
an Anerkennung gewonnen, eine Anzahl gemeinnütziger und
mildthatigec Anstalten ist theils neu geschaffen theils umge¬
staltet und den Lügnern, die da ausrufen: „es ist mit den
Juden nichts anzufangen" ist ein glanzendes Dementi gege¬
ben, in dem gesicherten friedlichen Fortgange einer lebensvol¬
len Anstalt, bei welcher trotz der selbst im Innern walten¬
den Meinungsverschiedenheit in diesen 20 Jahren noch keine
einzige Störung sowol der einfachen Ordnung und Ruhe
beim Gottesdienst, als der Sache überhaupt vorgefallen ist,
in der eine stets sich mehrende Gemeinde Befriedigung ihres
religiösen Dranges findet und in welcher auch jeder Fremde,
Jude oder Christ, Andacht empfinden und Erbauung genie¬
ßen kann»
Freilich ist der Lroßte Theil dieser Erfolge lediglich dem
ausgezeichneten und ins hellste Licht gestelltere Rednertalent
der Herren Di. Kley und Dr. Salomon und ihrem an¬
spruchlosen der Arbeit und der Wohlthatigkeit *) gewidme¬
ten Leben zuzuschreiben, und es erhebt sich die bedenkliche
Frage: was wäre der Tempel ohne diese glücklichen Zufällig¬
keiten? — -— Aber nein! das ergebende und fruchtreiche
Beispiel ist für alle Zeiten und für alle näheren und.ferne¬
ren Kreise gegeben, und-der neue Tempel ln abstracto
ist noch weit unvergänglicher als dieser neue Tempel in der
Wirklichkeit.
So hätten wir denn nun Alles gelobt: Ultra-Rationali¬
sten und Ueberftomme, Synagoge und Tempel? — Und
warum nicht? Jedes Streben, in welchem Leben und Wahr¬
heit und Liebe ist, soll geachtet und in sein Recht eingesetzt
*) Dr. Kley ist als Oberlehrer und Director der Freischule
mit Arbeiten überhäuft, und Dr. Salomon hat als Prediger,
Bibelüberseher und Apologet mehr gethan, als in der Regel von
Einem Manne gethan wird und erwartet werden kann. Daß beide
für öffentliche sowol als Privat-Woblthatigkeit unaufhörlich be¬
müht find, bedarf kaum der Erwähnung. Corr.