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werden; Abgestorbenheit, Lüge und Egoismus aber sind über¬
all vcrdammungswürdig. und der allgütige Gott wird auch
jene vier Gattungen zu einer Agudda zu vereinigen
wissen, damit wir und alle Menschen seinen Willen mit
vollkommenem Herzen üben.
M.
Correspondenzen, Auszüge, Repkiken.
Berlin, den 29. Mar;.
Gemeinde-Schulen.
Nachdem die Correspondenz-Artikel in Ihrem geschätzten Blatte
so häufig von religiösen Zuständen handeln, in so fern diese sich
auf Berbenerung und Einführung eines zeitgemäßen Gottesdien¬
stes und Einsetzung aufgeklärter, wiffenschafrlich gebildeter Rabbi-
nen beziehen, möge eö mir, zur Abwechselung, in einem heutigen
Berichte vergönnt sein, einen nicht minder wichtigen Gegenstand
zu berühren: nemlich unsere Gemeinde-Schulen.
ES gereicht mir zur besondern Freude, hier den Plural an¬
wenden zu können, indem, wie Ihnen vielleicht nicht unbekannt
sein wird, wir hier seit ungefähr 2 Jahren auch eine Gemeinde-
Töchter-Schule besitzen, wodurch einem lange sgesühlten Bedülfniß
für den weiblichen Tbeil unserer Jugend aus eine höchst befriedi¬
gende Weise genügt ist.
Die Veranlassung zu^ meinem Bericht über diese Anstalten,
liegt in den vor wenigen Tagen Statt gehabten öffentlichen Prü¬
fungen in denselben, und ich will es versuchen, Ihnen einen kur¬
zen Abriß von den Leistungen derselben zu geben. Den Vertritt
habe die ältere Anstalt, und ich beginne mit der, unter der Lei¬
tung deS Herrn Direktor B. Auerbach stehenden Knaben-
Schule.
Hier ist das Vorwärtöschreiten auf der betretenen Bahn eben
so sichtbar, als die erlangten Fortschritte erfreulich sind. Der Geist,
der in dieser Anstalt herrscht und der sie beseelt, ist ein Geist des
Fortschritts, ein in's Augesaffen alles dessen, was die neuere Pä¬
dagogik, als heilsam und ersprießlich für daS Gedeihen und Fort¬
blühen einer solchen Bildungs-Anstalt ersonnen hat. Wir sehen
hier die allerneuesten Methoden, daS Denkvermögen zu üben, und
dem jugendlichen Geiste eine Selbstthätigkeit zu bereiten, mit dem
herrlichsten Erfolge ins Leben treten. Wie sehr hierdurch ein so¬
genannter Schlendrian vermieden, so daß Lehrer und Lernende vor
Erschlaffung bewahrt werden, und dies wird nicht allein jeder Schul¬
mann vom Fach, sondern auch jeder gebildete Mensch einsehen.
Als Beispiel mögen hier nur die Methoden angeführt werden, nach
denen der Unterricht in der deutschen Sprache und der Erdbeschrei¬
bung, zwei der wesentlichsten Disciplinen (in den obern Klassen
vom Herrn Directer selbst geleitet), gehandhabt wird und ein Je¬
der, der Gelegenheit hatte, dem Unterrichte in diesen Gegenständen
beizuwohnen, wird mit uns das Gesagte bestätigen. Wir haben
einen Geographen von europäischem Ruf, auf Ersuchen deS Direc-
tors, die Prüfung in der Geographie selbst übernehmen, und von
dem, was die Schüler leisteten, vollkommen befriedigt und wahr¬
haft erfreut gesehen. Wir sahen die Knaben nicht minder vortreff¬
lich besiedcn in der französischen Sprache, der Naturlehre, der
Arithmerhik und Religionslehre, und wenn das Auge von den
säubern und vortrefflichen Leistungen in der Kalligraphie und Zei¬
chenkunst freudig überrascht worden, die zur Ansicht circuliren,wird
daS Ohr nicht minder, durch den herrlichen ChonGesang, der je¬
den Prüfungs-Tag würdig beschließt, angenehm erfreut sein. Dank
sei daher den rastlosen Bemühungen des verdienstvollen Directorö
dieser Anstalt, der selbst von demjenigen Eifer, und von der Be¬
geisterung beseelt, durch welche allein solche Resultate hervorge¬
bracht werden können, gleichzeitig die Gabe hat, diese Begeiste¬
rung auch allen Denen mitzutheilen, die gleich ihm berufen sind,
an dieser Pflanzstätte für Wissen und Moralität der Jugend daS
begeisterte Wort vorzutragen Nur wo alle Kräfte so in Eins
verschmelzen, wo Alles so nach einem Ziele strebt, wie hier, wo
der Knabe in seinem Lehrer auch den väterlichen Freund erblickt,
der selbst bei seinem Uebertritt ins praktische Leben, auch da noch
thangen Antheil an ihm nimmt, kann Aehnliches erreicht werden,
und der segensreiche Einfluß, den diele Anstalt allf die sittliche
Veredlung, namentlich der unbemittelten und elternlosen Jugend
unserer Gemeinde, seit der Zeit ihres Bestehens ausgeübt hat ist
I bereits jetzt schon, bei den aus ihrem Schöoße hervvrgegangenen,
t und dein bürgerlichen Leben angehörenden jungen 'Männern, auf
eine wohlthuende Weise von Mitbürgern und Glaubensgenossen
anerkannt worden.
Die statistische Notiz, daß bei dem diesmaligen Abgänge von
42 Zöglingen, 26 sich den Handwerken und Künsten, und nur.4
sich dem Kaufmannsstande widmeten, die andern jedoch nach hö¬
heren Lehranstalten übergingen, dürfte hier gewiß an ihrer Stelle
sein. —
Ich komme jetzt zu der unter Leitung des Herrn Oberlehrer
Engel mann stehenden T öchter-Sch ule, die gegenwärtig 100
Schülerinnen zählt. Diese Anstalt erfreut sich ebenfalls des besten
Gedeihens und der regsten Theilnahme in unserer Gemeinde. Der
Zweck dieser Schule, Töchter hiesiger Gemeinde-Mitglieder, theils
gegen geringfügiges Honorar, meistens jedoch unentgeltlich, für's
bürgerliche Leben zu erziehen, und sie für alle Verhältnisse des
praktischen Lebens tauglich zu machen, wird hier auf eine ebenso
befriedigende als lobenswerthe Weise erfüllt, und die von den
Schülerinnen in der öffentlichen Prüfung, vor einer zahlreichen
Versammlung abgelegten Beweise ihres Fleißes, waren in jeder
Beziehung überraschend (wie z. B. in der vaterländischen Geschichte)
und würden selbst den strengsten' Anforderungen genügt haben.
Daß neben den wissenschaftlichen Gegenständen, dem Religions¬
und Gesang-Unterricht und einer für die Schülerinnen besonders
eingerichteten, an jedem Sonnabend Vormittag in derA'nstalt selbst
vom würdigen Herrn vr. Auerbach abzuhaltenden, religiösen
Erbauungs-Srunde, die weiblichen Handarbeiten die andere Hälfte
der Lehrstunden ausfüllen, bedarf wol keiner Erwähnung, und
daß auch hierin Vortreffliches geleistet wurde, können wir nach
dem Ansspruche glaubwürdiger sachverständiger Damen mit gu¬
tem Gewipen behaupten. Einen besonders erfreulichen Anblick,
gewährte überdies die äußere Erscheinung, die bescheidene sittige
Haltung, die Sorgfalt und Sauberkeit im 'Anzuge dieser, gerade
nicht den begüterteren Claffen angehörenden Mädchen, und hierin
allein schon spricht sich der wohlthätige Einfluß Dieser Schule
auf Sittlichkeit und Veredlung des weiblichen GemüthS unver¬
kennbar aus; wiewol es nicht unerwähnt bleiben kann, daß die
Anstalt das Glück hat, in ihren beiden Lehrerinnen zwei hohe
.Vorbilder deö vollendesten weiblichen Wissens und werblicher Art
zu besitzen, die dem rhatigen Oberlehrer Herrn Engelmann
würdig zur Seite stehen, und thatkräftig Mitwirken zum Gedei¬
hen dieser Anstalt. —
So wogen nun beide Institute, unter Gottes Schutz und
Segen, fortblühen und rüstig fonschreiten aus der betretenen Bahn,
und mögen sie so den- hohen Zweck ihrer Gründer erfüllen, der
Jugend dieser Gemeinde eine Pflanzschule der Tugend und des
Wissens, der Sittlichkeit und der Erkenntniß zu sein, unserer
frommen Gemeinde selbst aber zum Stolz und zur Zierde zu ge¬
reichen. —
Und nun schließe id) diesen schon zu lang gewordenen Be¬
richt, dessen Stoff jedoch reichhaltig ist, indem ich Ihnen noch
die erfreuliche Nachricht mittheilen kann, daß unserm bisher
in Lethargie versunken gewesenen Seminar eine neue Organi-
tation bcvorsteht, und daß unser eben so berühmter als gelehrter
vr. Zunz die Oberleitung desselben übernommen hat. Auch ein
Versuch zur Veredelung des Synagogen-Gottesdienstes ist im
Werke, Dank den Bemühungen unserer aufgeklärten Gemeinde-
Vorsteher, kurz es ist Stoff vorhanden, Ihnen für die Zukunft,
recht erfreuliche Berichte aus unserer Mitte zukommen zu lassen.
Reda-tcur vr. L. Philippson. - Verlag von Ba«n.gariner-s Buchhandlung. - Druck v°u I. B. Hirschfeld.