Seite
203
iioch Lust, bie. schwindelnden Höhen überirdischer Beschaulich-
eit zu erklimmen.
Meine im Piaristenkloster verlebten Morgenstunden zeigten
nir, wie schlagend der Gegensatz zwischen Reden und Taten dieser
Priester war. Auch mit den religiösen Gebräuchen nahmen sie
?s nicht gar so genau, und als eines Morgens der Schüler,
^er die Frühmesse bedienen sollte, nicht zur Stelle war, da
latte ich, der Judenjunge, in sein Chorhemd zu schlüpfen
ind ihn zu vertreten. Den Katechismus könnte ich so gut
luswendig wie er. meinten sie, also ginge es schon.
Am Ende des zweiten Schuljahres faßte dann der Plan,
2t. Georgen zu verlassen und nach dem größeren Preßburg zu
gehen, immer festere Wurzel in meinem Gemüt. Ich hoffte,
dort besser zu lernen und mich leichter ernähren zu können.
Der Entschluß, von St. Georgen Abschied zu nehmen, wurde
mir in .Anbetracht aller meiner dortigen Leiden wahrlich nicht
chwer; nur die Trennung von meines Vaters Grab tat mir weh.
Als ich wieder einmal am Grabe meines Vaters stand,
mßte ich den Entschluß, die Krücke, die ich bis dahin noch
immer unter dem linken Arm getragen hatte, ein für allemal
aufzugeben. Hatte sie mir doch nur den Spott von meinen
Schulkameraden eingetragen und die Aermel meines arm¬
seligen Jäckchens zerrissen. In einem Ausbruch jugendlicher
Eitelkeit zerbrach ich die Krücke am Grabstein meines Vaters,
und mit schwerem Herzen und mühsamen Schrittes kehrte ich
in die Stadt zurück, meistens auf einem Fuße hüpfend,
denn der andere wollte ohne seine Stütze doch noch keine
Dienste tun. Zuerst wurde es mir unsäglich schwer, aber ich
war jung und stark, die Eitelkeit tat das Ihrige, und so
gelang es mir, mit Hilfe eines Stockes alle Schwierigkeiten
;u überwinden.
Natürlich hinkte ich mehr als früher, aber die Krücke
wenigstens war ich los! Bald darauf verließ ich St. Georgen
mit meinem mehr als leichten Ranzel und meinein Zeugnis, das
wieder das Prädikat „Eminent" vorwics.
Literarische Mitteilungen.
— Jacob Caro, Vorträge und Essays. Gotha, Friedr.
Andr. Perthes, 1906. In unserer allzu schnell lebenden Zeit ist, mit
Ausnahme einiger Fachgenossen, der Geschichtsprofessor an der
Äreslauer Universität schon zwei Jahre nach seinem Hinscheiden in
Vergessenheit geraten. Und doch ist er der Erinnerung wert — dieser
ois jetzt einzige jüdische ordentliche Professor der Geschichte an einer
oreubischen Hochschule — er ist es geworden, weil sein Fach, die
polnische Geschichte, dem Leben der deutschen Nation völlig fernsteht,
ind weil er der einzige war, der es vertreten konnte.
Treue und Pietät lassen jetzt einige seiner von hinreißender
Rednergabe getragenen Vorträge durch den Druck verewigen; nur
gvei der in dieser Sammlung erscheinenden Essays waren früher
bereits veröffentlicht. Sie wird eingeleitet durch eine biographische
Skizze über Jacob Caro, die mit liebevoller Sorgfalt zum guten
Teile auf bislang unbekanntem, mühsam gesammeltem Material
aufgebaut ist. Schwer hatte er zu kämpfen, bis er, der unbemittelte
Jude, materielle Unabhängigkeit und das Ziel des Strebens eines jeden
Universitätslehrers erreichte. Niemals hat Jacob Caro daran gedacht,
durch einige Tropfen Wasser und eine öffentliche Luge seine Karriere
zu erleichtern. Und diese Charakterfestigkeit soll ihm zur Ehre ange¬
rechnet werden.
Seine wissenschaftlich schöpferische Tätigkeit war keine ausgedehnte.
Sie beschränkt sich in der Hauptsache auf vier Bände polnischer
Geschichte, die die Jahre 1300—1506 umfassen. Aber dieses Werk zeichnet
sich ebenso sehr durch wissenschaftliche Gründlichkeit wie durch Weite
und Richtigkeit der allgemeinen Gesichtspunkte aus. Es ist zur
klassischen Geschichte Polens während der letzten Jahrhunderte des
Mittelalters geworden. In den letzten, anderthalb Jahrzehnten seines
Lebens hat er auch hieran nicht mehr gearbeitet.
Außer seiner Lehrtätigkeit beschäftigten ihn da zahlreiche Rezen¬
sionen für Fach- und andere Zeitschriften, und dann seine Vorträge.
In seiner ästhetischen Form abgefaßt, sorgfältig gefeilt, auch voll
eigentümlicher, obschon nicht immer zutreffender Gedanken, machten sie
einen tiefen und erfreuenden Eindruck auf die Zuhörer. Allerdings
gefielen sie sich dabei in einem klingenden Phrasentum, das leicht
den tieferen Gehalt dem Beifall des oberflächlicheren Publikums opferte.
Erwähnen wir noch, daß Caro — obwohl treuer Jude — der konser¬
vativen Richtung in der Politik angehört und ihr auch ergeben blieb,
als die konservative Partei sich mit dem Antisemitismus verbündete.
Nur so erklären wir uns die Huldigungen, die er dem Vertreter des
ausschließlichsten pangermanifchen Chauvinismus, der gehässigsten
Anfeindung des Judentums und der Judenheit, dem Verfechter des
unwissenschaftlichen Subjektivismus, einem Heinrich von Treitschke in
beliebter laut tönender Weise darbringt (in dem Aufsatze S. 190 ff.:
Treitschke, Kleine Schriften). Es mutet seltsam an, wie jemand einen
Mann verherrlichen mag, der ihm Ohrfeigen und Fußtritte versetzt
hat. Wir möchten meinen: Selbst bei Bewunderung der vermeint¬
lichen Vorzüge des Mißhandelnden wird der Mißhandelte doch
wenigstens schweigen sollen!
Als Israeliten interessiert uns besonders der Vortrag „Polnische
Juden", S. 110—130. In überzeugenden, tiefempfundenen, auf gründ¬
licher Kenntnis beruhenden Sähen schildert Caro hier die Schicksale
und die von außen aufgenötigte Entwicklung dieses so zahlreichen
und so unglücklichen Teiles unserer Glaubeusgenossenschaft. Er be¬
weist, daß die Behauptung, die Slawen hätten sich früher durch
hochherzige Duldsamkeit gegen die Nichtchristen ausgezeichnet, ein
Märchen ist. Er beweist ferner, daß die materielle und moralische
Verelendung der polnischen Juden durch den polnischen Adel nach
dessen Sieg über das Bürgertum seit dem Ende des 15. Jahrhunderts
herbeigeführt wurde. Wie jüngst Professor Warschauer in einem
Vortrage vor dem Berliner Verein für jüdische Geschichte und
Literatur, legt auch Caro dar, daß die Juden in Anschluß an die
große Einwanderung deutscher Bürger seit dem Beginne des
13. Jahrhunderts massenhaft nach Polen gelangt sind.
Trotz allem, was unsere Anschauungen von denen Jacob Caros
trennt, wollen wir deutsche Juden die Erinnerung an unseren aus¬
gezeichneten und bekenntnistreuen Glaubensbruder dankbar bewahren.
M. P
*
Im Verlag von Louis Lamm (Berlin Neue Friedrich¬
straße 61/63) erscheint in den nächsten Tagen aus der Feder des
Tr. Simon Ber nseld unter dem Gesamttitel „Kämpfende Geister im
Judentum" eine Sammlung Biographien merkwürdiger und bedeutender
jüdischer Männer aus den letzten drei Jahrhunderten. Das meiste
Interesse dürfte wohl die Biographie des Salomon Marino n
beanspruchen, dieses wegen seiner außergewöhnlichen Begabung und
seines merkwürdigen Lebensschicksals berühmten Mannes, der Kants
Aufmerksamkeit und Goethes Bewunderung gefunden hat. Sein
Leben ist da zum erstenmal verständnisvoll aus dem Milieu seiner
Zeit geschildert. Es ist somit ein lebendiges Bild der Zustände in
Polen und der jüdischen Gesellschaft in Deutschland in den letzten
Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts. Diese Lebensschilderung
ist bei allem Interesse des Verfassers für Maimon unparteiisch und
ohne jede Voreingenommenheit geschrieben.
SpreHsasl.
Geehrter Herr Redakteur!
uf die Gefahr hin, mir den Spitznamen eines BerichtigungS-
hofrats zu erwerben, kann ich es mir doch nicht versagen, auf
zwei Jrrtümer in der zuletzt mir zugekommenen Nummer Ihres
geschätzten Blattes hinznweisen.
In Nummer 10 vom 8. März, Gemeindebote, Seite 3, melden
Sie, wie viele andere Zeitungen, den Tod des Majors a. D. Rudolf