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D eu tsch, der der erste jüdische Offizier in der österreichischen Armee
gewesen sein soll. Das kann unmöglich richtig sein. In „Die Juden
als Soldaten", herausgegeben von dem Komitee zur Abwehr anti¬
semitischer Angriffe in Berlin, Berlin 1896, S. 109, wird als erster
Offizier in der österreichischen Armee Emanuel Eppinger genannt,
der 1811 befördert worden war. Joseph von Wertheimer gibt in
seinem „Jahrbuch für Israeliten", Band I, Wien 1854, S. 16 an, daß
der erste jüdische Offizier in Oesterreich der Leutnant Hoenig war,
der 1810 für seine Tapferkeit auf dem Schlachtfelde bei Aspern zum
Ossizier befördert worden war. Simon Brisker fauch Prisker und
Pruesker geschrieben), aus Libochowitz in Böhmen, war nach „Die
Juden als Soldaten", a. a. O., im Jahre 1847 Major, wurde 1850
Platzlommandant in Venedig, soll der erste jüdische Stabsoffizier
gewesen sein und starb im Alter von 84 Jahren zu Prag im
Dezember 1864. (lieber ihn: „Allg. Ztg. d. Judent." 1850, 501;
1854, 644; 1855, 269; 1865, 23.) Joseph Herzmanowsky war Oberst
im Infanterieregiment 24 und wurde als solcher 1852 in den Ritter¬
stand erhoben (ib. 1852, 200). Dr. Simon Hirsch aus Horschitz M
Böhmen wurde 1858 Stabsarzt. Er soll als solcher wie als
Negimentsarzt der erste Jude seines Ranges gewesen sein (ib. 1858,178).
Ich gebrauche das „soll" immer zur Vorsicht, denn wie der Fall des
Majors Deutsch zeigt, sind derartige Zeitungsnachrichten mit Vorsicht
aufzunehmen. Als ganz besonders interessant möchte ich hervorheben,
daß schon im dreißigjährigen Kriege ein Jude im kaiserlichen Heere
diente. Er hieß Eremita und soll sich als ein Schnapphahn ersten
Ranges bewährt haben (Philipp Bogislaw von Chemnitz: „Der
königlich schwedische in Deutschland geführte Krieg", Teil II, S. 356,
ff. 647. Siehe „Allg. Ztg. d. Judent." 1872, 722). Dieser Bericht
mag wohl die Grundlage zu Salomon Kohns leider so fratzenhaft
verzerrter Schilderung in seinem „Gabriel" geliefert haben. Mit
bezug auf den obengenannten Major Brisker möchte ich noch
erwähnen, daß er ein Bruder jenes Lazar Brisker war, der als
Erzieher im Hause Gomperz wirkte und die apologetische Schrift
«Das Judentum und der Kulturfortschritt unseres Jahrhunderts",
Wien 1871, herausgab.
Wichtiger noch als die erste ist mir eine andere Berichtigung.
Herr Dr. Bernfeld widmet in Nummer 11 Ihres geschätzten Blattes
ein Gedenkblatt dem verdienten Sammler Chajim Josef David Azulai.
Das Jubiläum ist um ein Jahr verspätet, denn Azulai starb nicht,
wie Zunz „Monatstage", dem Bernfeld folgt, angibt, am 21. März
1807, sondern am 1. März 1806 (Sabbat Zachor, 11. Adar, 5566 nach
Reppi-Chirondis: „Toledot Gedole Israel", Triest 1853, S. 113 und
Krengels Ausgabe von Azulais „Schein Hagedolim", Krakau 1905
S. 12.) Die Authentizität ist durch eine in meinem Besitze befindliche
Photographie von Azulais Grabmal festgestellt. Ich habe auch am
1. März 1906 im „American Israelite“ auf dieses Jubiläum aufmerksam
gemachtund am I.März 1907 im„JewishConiment“ von Baltimore einen
Artikel über Azulai geschrieben, für den das Bild des Grabmals
bestimmt war, das leider nicht rechtzeitig vor dem I.März 1906 mich
erreichte. Diese Differenz ist freilich nicht bedeutend. In der Haupt¬
sache bin ich mit Herrn Dr. Bernfeld einverstanden, daß Azulai ein
bedeutenderer Platz in der jüdischen Geschichte als Vorläufer der
„Wissenschaft des Judentums" gebührt, als ihn: gewöhnlich ein¬
geräumt wird. Hingegen möchte ich dagegen Einsprache erheben,
daß „die sephardischen Juden niemals Sinn und Neigung für die
haarspaltende talmudische Dialektik" gezeigt haben sollen.
Es geht damit, wie mit der edeln Physiognomie der sephardischen
Juden, die man sehr häufig bei den Romanschreiberu, wie etwa Sir
Walter Besant, aber sehr selten unter den Bettlern in den Vorhöfen
der.Synagogen zu^Smyrna oder unter den Bootsleuten in der Vor¬
stadt Haskeui in ^Konstaittinopel findet. Ja, auf dem Basler
Zionistenkongrest im Jahre 1905 sah ich einen echten sephardischen
„Minister" mit einem Dutzend oder mehr Ahnen, der niemanden in
Erstaunen verseht hätte, wenn er sich für den Lehrer, Kantor und
Schochet der, wie ichJienlich zu meinem Bedauern erfahren habe, auf¬
gelösten Gemeinde Sandberg in der Provinz Posen ausgeben hätte wollen.
Ist denn die^'„haarspaltende talmudische Dialektik" überhaupt
erst eine Degeneration, die aus dem sechzehnten Jahrhundert datiert?
Ist die talmudische.Diskussion der Frage, auf welchem Kopfe jemand,
der zwei Kopse hat, die Tephillin legen solle oder die als Analogie
dazu angeführte Diskussion, ob man für einen erstgeborenen Sohn
der zwei Köpfe hat, das doppelte Lösegeld dem Priester bezahle:
müsse (Menachoth, 37, a) nicht auch haarspaltende Dialektik? Kam
daher jemand, der dem Talmud mit absoluter Verehrung gegenüber
steht, anders als Dialektiker sein? Sehen wir uns die bekannteste:
Vertreter des Talmudstudiums unter den orientalischen Sephardin
an, so finden wir diese Tatsache auch vollauf bestätigt. Jehudal
Rosanes, der gefeierte Verfasser des Kommentars zu Maimonides
Mischneh Lemelech, hat in seinen Homilien. Paraschath Derachim
Amsterdam 1728, Gott und die Engel darüber disputieren lassen, ol
ein freiwilliges Märtyrertum, wie Maimonides annimmt, Sünde
oder wie Josef Jbn Chabib meint, verdienstlich sei. Dieser Sephard
aus Konstantinopel, dem Azulai begeistertes Lob spendet, unterscheide
sich wohl kaum von seinem Zeitgenossen, dem Polen Naphtali Her
Günzburg, dem Verfasser der Homilien Naphtali Seba Nazon
Amsterdam" 1708, bei dem Ahasverus und Haman darüber diskutieren
ob man ohne Rücksicht auf die talmudische Gesetzgebung über dac>
erstgeborene Vieh die Juden, die Gottes Erstgeborene sind, ver¬
nichten dürfe, eine Diskussion, die um so amüsanter ist, als der Ver¬
fasser in seiner Vorrede hoch und heilig beteuert, daß er sich von
„haarspaltender Dialektik" immer fern gehalten habe. Azulai erwähnt
wohl diesen „Tudesko", widmet ihm aber im Gegensätze zu den:
Paneghrikus auf Rosanes nur eine bibliographische Notiz.
Gehen wir zu den modernen sephardischen Autoritäten über, so
finden wir wohl, das; sie keinen Rapoport, Chajes, I. H. Weiß und
Jakob Brüll hervorgebracht haben, aber dafür ganz im unver-
sälschten Mittelalter stecken. Elijahu Hazan, der gegenwärtige Ober¬
rabbiner von Alexandrien, findet es für nötig, in dem dritten Teile
seiner Responsen, Taalumoth Leb, Alexandrien 1903, seinen gefeierten
Großvater Chajim David Hazan, Haham Basch: von Jerusalem
(1790 bis 1869), zu verteidigen und gegen die Einwendungen eines
anderen orientalischen Rabbinen zu beweisen, daß man am Sabbat
madige Früchte genießen dürfe, ohne durch das Töten der Maden
eine Sünde zu begehen <a. a. O. kol. 41 d bis 42a). Der hoch betagte
Rabbiner von Smyrna, Nissim Nachamim Jsaae Palaggi, Verschon im
Jahre 1840 in einenl Werke seines beruh mtenVaters Chajim Palaggi zitiert
wird, trägt in dem neunten Bande seines Werkes Jafeh Laleb, Smyrna
1906, Anschauungen vor, bei deren Lektüre man glauben sollte, der
Autor sei nicht 94, sondern 200 Jahre alt. Mit beneidenswerter
Naivität zitiert Palaggi in einer halachischen Frage den Zohar, Lev.
toi. 36 b, wonach eine Schlange den Esel des Rabbi Pinchas den
Jair am Fuße umklammert habe, urn ihn dafür zu bestrafen,
daß er seinen Herrn über einen unreinen Ort geführt habe,
während der letztere über das Wort der Thora nachgedacht habe
(a. a. O. 14b). Ter gefeiertste sephardische Autor aus neuester Zeit,
der als Rabbiner von Hebron verstorbene Chajim Chiskijah Medini,
1833 bis 1905, hat wohl in seinen 13 oder 14 Foliobünden, Sedeh
Ehemed, eine ganz unglaubliche Masse von halachischem Material
zusammengetragen, welches besonders in Rücksicht aus die Benützung
der neuesten Werke von sehr großem Werte ist, aber die ernste Zu¬
stimmung, mit der er die ungarischen Fanatiker der neuesten Zeit
zitiert, um zu beweisen, daß es eine Todsünde sei, einer Synagoge,
in welcher das Vorleserpult nicht in der Mitte ist, sich auf vier Ellen
zu nähern, geschlveige darin zu beten oder zu predigen (Sedeh
Chemed, Band II, kol. 161 b, Warschau 1896), erhebt ihn doch schwerlich
über seine polnischen Zeitgenossen.
Man hat in neuerer Zeit die nationale Eifersüchtelei in die
jüdische Geschichtsschreibung hineingetragen und besonders das Ver¬
dienst der Deutschen zu schmälern gesucht. Praktisch hat ja das keine
Bedeutung, denn ein Zunz und ein Jost werden aus der heutige::
Samsonschnle nicht mehr hervorgehen. Theoretisch hingegen muß
man sich dazu verstehen, zuzugeben, daß die Vorläufer einer wissen¬
schaftlichen Bearbeitung der rabbinischen Literatur, wenn man vor
Eliah Levita und Azariah dei Rossi absieht, Jair Chajim Bacharach
Joseph Steinhart, Jesajah Pick und Elijah Wilna gewesen sind.
Cincinnati, April 1907. Ihr ergebenster
Gotthard Deutsch.
Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.
Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.