Page
wir nicht herausfinden; wir wollen uns auch nicht den Kopf
darüber zerbrechen, und uns sind beide Parteien gleich, sofern
sie wirklich geeignet sind, die traurige Lage der Juden in
Galizien zu verbessern oder auch nur die Besserung in Angriff
zu nehmen.
In diesen: Lager wird vor allem die intransigente Richtung
verfolgt, die Justament-Politik betont. Mit den Polen keinen
Frieden, unter allen Umständen nicht, vielleicht ein Wahl¬
bündnis mit den ebenfalls unterdrückten Ruthenen. Nun
wissen wir uns zwar von. jeder Vorliebe für die Polen in
Galizien frei; sie haben, seitdem sie in Oesterreich zur Macht
gelangt sind, an Unterdrückung der Rnthenen und der Juden
das Menschenmögliche geleistet. Trotzdem aber müssen wir
uns fragen, ob die Juden dadurch, daß sie den allmächtigen
Polen offen den Krieg erklären, ihre Lage nicht eher ver¬
schlechtern als verbessern werden. Der neue österreichische
Reichsrat wird voraussichtlich leider eine überwiegend klerikale,
christlich-soziale und alldeutsch-antisemitische Mehrheit haben;
in ihr werden die 70 Polen eine bedeutende Rolle spielen.
Daß sie da reichlich Gelegenheit haben werden, ihr Mütchen
an den Juden zu kühlen, braucht nicht erst gesagt zu werden.
Außerdem ist eine noch viel größere Gefahr vorhanden. In
Galizien selbst können die Polen mit den Juden nach Be¬
lieben verfahren; das mindeste, worauf sich die Juden gefaßt
machen müßten, wäre ein scharfer wirtschaftlicher Boykott.
Gewiß, ein solcher wird schon jetzt von den Polen gegen die
Juden geübt, und er ist unerträglich genug. Er kann aber
noch unerträglicher werden. Und können schließlich die Juden
in diesem verzweifelten und aussichtslosen Kampf gegen die
Polen auf die Ruthenen rechnen? Die Erfahrung hat bisher
gezeigt, daß die Ruthenen auf ihrem niedriger: Kulturniveau
durchaus unzuverlässig sind. Die rneisten Pogrome, die in
diesem Lande vorgekommen sind, spielten sich in dem von den
Ruthenen bewohnten östlichen Teil Galiziens ab. Man denke
sich noch dazu die Wahrscheinlichkeit, daß, wenn sich solche
Vorfälle in der Zukunft wieder ereignen sollten, die polnischen
Behörden untätig blieben.
So oft man solchen von der Vernunft diktierten Er¬
wägungen Gehör verschaffen will, wird von der andern Seite
gefragt, ob denn ein würdeloses Wettkriechen vor den Polen
empfehlenswerter sei. Das Problem erscheint so schwierig, weil
man stets an die äußersten Extrerne denkt. Es ist durchaus
nicht gesagt, daß die Juden in Galizien mit ihrer Vertretung
die bekannten polnischen Speichellecker jüdischen Glaubens be¬
trauen sollen; ebensowenig wie wir die trotzige Justament-
Politik gutheißen können. Das politische Leben beruht auf
Kompromissen, und solche anzustreben, ist eine kleine Minderheit
ohne territoriale Basis, wie sie die Juden auch in Galizien
bilden, um so eher genötigt. Es handelt sich gar nicht um
ein würdeloses Wettkriechen vor den Polen, aber ebensowenig
um eine gewisse Kraftmeierei, in der sich ein Teil der jüngeren
Generation so sehr gefällt. Wir haben ja in Rußland soeben
gesehen, wohin eine solche unbesonnene Politik führt. Das
jüdische Volk, das nicht von gestern ist, hat in der Diaspora
seine geschichtlichen Erfahrungen gesammelt. Selbst der ge¬
schichtlich unkundige Teil unserer Gemeinschaft fühlt instinktiv,
daß uns überall Besonnenheit und Maßhalten geboten ist.
Würden die Juden in Galizien die Vertretung ihrer Interessen
weder assimilatorischen, noch sogenannten nationalistischen
Strebern und Mandatsjägern anvertrauen, sondern sich viel¬
mehr nach Männern umsehen, denen die Not ihrer Glaubells¬
genossen nicht die Befriedigmlg ihres politischen Sporttriebs
bedeutet, so ließe sich hoffen, daß die jüdischen Abgeordneten
einerseits ihre Wählerschaft mit Würde und Ernst vertreten.
anderseits aGr alles vermeiden werden, was niemand nütze?.
allen aber schaden kann. Die Phrase, die sich in unserer Ze t
so breit macht, das leidige Schlagwort, hat im politische i
Leben aller Völker große Verwirrirng.angerichtet. WM. Älx
anderswo nur vorübergehend Schaden stiftet, kann Kr b o
Juden verhängnisvoll werden. ~ "
Wir nrüssen uns leider darauf beschränken,woy der.Feri *
die Vorgänge zu beobachten und die Tatsachen zu registriere .
Daß die gut gemeinte Warnung nützen werde, ist tvohl nicu
zu glauben. Es heißt zwar allgemein, .daß man durch Schade i
klug werde. Das gilt aber nur für das Individuum — Völb i
und Glaubensgemeinschaften werden in den meisten Fälle 1
leider auch durch den erlittenen Schaden nicht klug.
riÄM
Die Woche.
Berlin, 30. Apri.
ur hie und da hören wir jetzt noch eine antisemitisch
Note im Reichstage anschlagen. Und was dasMerl
würdigste bei dieser Sache ist: dieser Ton kommt seltener au
dem antisemitischen als aus dem konservativen Lager. Fa?
scheint es, als ob diese Herren ihren Wählern zeigen wollten
daß sie trotz der sogenannten konservativ-liberalen Paarun
in diesem Punkte noch die alten Tivoli-Helden seien.
Allerdings der Ausfall gegen die jüdischen Richter in de
Sitzung vom 23. d. M. gehörte „voll und ganz" einem wasch
echten Antisemiten, der behauptet hat:
„Die Richter urteilen vielfach nach der Parteistellnng des Ar
geklagten. In einem Parteiprozeß hat ein Freund von mir, der ir:
öffentlichen Leben stand, von drei Richtern glatt Unrecht bekommer
die Markus, Lustig und Mühsam hießen. (Große Heiterkeit.) De.
Kammergericht hat das Urteil ohne jede neue Beweisaufnahw
annulliert."
Eine Beweiserhebung über diese Aussage darf jedenfall
nicht ausbleiben.
Viel schlimmer war aber die Aeußerung des konservativer
Abgeordneten Kreth, die allerdings bisher unbeachtet ge
blieben ist. Herr Kreth wies mit tiefster Entrüstung die itn
erhörten Angriffe zurück, die in der „Leipziger Volkszeitung
von sozialdemokratischen Journalisten gegen die Königin Luis
gewagt wurden: Herr Stadthagen fühlte sich bemüßigt, fü
seine Leipziger Kollegen einzutreten, und nun entspann fiel
ein liebliches Wortgefecht, das Herr Kreth mit den Wörter
schloß:
„Ich richte an die bürgerliche Presse die Bitte, diese Ding
niedriger zu hängen und die Redakteure derartiger Zeitungen, di
solche Schamlosigkeiten bringen, vor der Oeffentlichkeit zu nennen. E
wird dann das Ernpfinden des Volkes etwas mildern, denn es wir?
sich Herausstellen, daß die Herren mit uns eine Rassengemeinscha'
nicht haben." (Lebhafter Beisall rechts, Gelächter der Sozial
demokraten.)
Zunächst wollen wir bekennen, daß wir die tiefe Ent
rüstung über jene ungualifizierbaren Angriffe auf die alle?
Deutschen geheiligte Jdealgestalt der edlen Königin durchau
teilen. Sodann aber müssen wir gestehen, daß die weitere:
Ausführungen des konservativen Herrn genau auf derselbe:
Stufe stehen wie die seines sozialdemokratischen Gegners. Ode
sollte Herr Kreth und alle die Herren, die ihm „rechts" lel
haften Beifall zollten, wirklich nicht wissen, daß gerade di
„Leipziger Volkszeitung" nur von Christen geschrieben wir-
und daß speziell der Verfasser jener unqualifizierbaren Au
griffe ein Protestant aus alter christlicher Familie ist? In de
Tat, wenn der Wunsch des Herrn Kreth in Erfüllung gehen