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üiib. eine Allfstellunü der sozialdemokratischerr Journalisten
i ach dem Religionsbekenntnis erfolgen sollte, dann würde
v:\x Herren auf der rechten Seite die Lust am „lebhaften Bei¬
sl!" rasch vergehen, wenn sie sehen, welch erdrückende Majorität
i-ieser Herren gerade mit ihnen die Rassegemeinschast teilen!
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Im Abgeordnetenhause hat bei der zweiten Beratung
?s Kultusetats am 27. d. M. der unermüdliche Abgeordnete
i assel, dem wir für sein entschiedenes Eintreten im Interesse
i jüdischen Lehrer nicht genug dankbar sein können, aber¬
mals zugunsten derselben das Wort ergriffen, indem er auf
Ne letzte Rede des Ministerialdirektors Schwartzkopff noch ein-
: al zurückkam. Wir geben hier einen kurzen Auszug der
^Handlungen:
Abg. Cassel (fr. Vp.) behandelt verschiedene Fälle, die zu Zer-
; ürfniffen zwischen dem Provinzialschulkollegium und der Berliner
chulverwaltung geführt haben. Tatsächlich sei einmal evangelischer
eligionsunterricht durch eine jüdische Lehrerin in Vertretung erteilt
. orden. Die Vorwürfe des Ministerialdirektors seien aber un-
. rechtigt. Die Berliner Schulverwaltung habe keine Schuld daran
habt. Schuld sei nur die Ungeschicklichkeit eines Nektars gewesen,
er Redner tritt dann für die zahlreichen Lehrerinnen ein, die als
ilfskräste nur angestellt sind und die viele Jahre auf Anstellung
arten müssen. Es müßten mehr etatsmäßige Stellen für Lehrerinnen
»gerichtet werden, damit die Lehrerinnen nicht alt und grau werden,
ie sie zu einer festen Stelle kommen. Es sei moralische Pflicht, die
Öffnungen der Lehrerinnen, die man ihnen bei ihrer Anstellung
einacht habe, zu erfüllen. An jüdischen Hilfslehrerinnen scheine es
i fehlen.
Ministerialdirektor Sch wartzko pff weist daraus hin, daß er
er Berliner Schulverwaltung keinen Vorwurf machen wollte, daß
r nur festgestellt habe, daß evangelischer Religionsunterricht von
ner jüdischen Lehrerin erteilt worden sei. Was die Zahl der Hilfs¬
äste anlange, so kämen auf 2400 evangelische Lehrkräfte 403 Hilfs-
äfte, also 9 Prozent, auf 500 katholische Lehrkräfte 71 Hilfskräfte,
so 15 Prozent, und auf 50 jüdische Lehrkräfte 20 Hilfskräfte, also
> Prozent. Wir werden zu der ganzen Frage der Hilfskräfte noch
einzipielle Stellung nehmen. Alle unsere organisatorischen Maß-
chmen werden aber auch die Einzelverhültnisse der Lehrpersonen
rücksichtigen.
Abg. Cassel (fr.Vp.): Die hohe Prozentzahl der jüdischen
ilfslehrkrafte beweist, daß eben viel zu wenig von den
dischen Hilfslehrerinnen etatsmäßig angestellt werden.
Jeder objektiv Denkende wird den Argumenten des Abg.
assel gewiß zustimmen und die Einwendungen des Regierungs-
rtreters wenig stichhaltig finden.
»
Die „Publishers Preß" meldet aus Petersburg, daß der
; ussische Ministerpräsident Stolypin eine Deputation von sechs
bgeordneten empfing, welche ihm Vorstellungen über die
efahr neuer Pogroms machen wollte. Die Abgeordneten
klärten, daß die wiederholte Begnadigung von Personen, die
egen Ueberfälle auf Juden verurteilt worden waren, den
tauben erweckt, neue Pogroms seien in Aussicht genommen,
er Ministerpräsident erwiderte, er habe sein möglichstes
otan, um alle antisemitischen Ausschreitungen zu verhindern.
t habe die Gouverneure und alle Lokalbehörden beauftragt,
lle nötigen Schritte zur Verhütung von Pogroms zu
rächen.
In dem von Stolypin erwähnten Rundschreiben an die
-eneralgouverneure, Gouverneure und Kreischefs in der den
Juden zur Ansiedlung eingeraumten Zone vom d. M.
hieß es:
„Ich erhalte Meldungen, daß für Ostern Pogrome organisiert
würden; ich bin fest überzeugt, daß die Lokalbehörden alle Maßregeln
ergreifen, um jede Art von Gewalttätigkeit zu verhindern, und ordne
an, daß zur Beruhigung der Bevölkerung öffentlich bekannt gegeben
wird, daß jeder Versuch einer Ruhestörung sofort durch polizeiliche
und militärische Gewalt unterdrückt werden wird. Ich gestatte in
der gegenwärtigen Zeit nicht auch nur den Gedanken an Schwäche
der Verwaltung und führe auf ihre Festigkeit die Ruhe, die in den
Dörfern wiederkehrt, zurück. Die Bevölkerung muß von der Ueber-
zeugnng durchdrungen sein, daß die ordentlichen Behörden die Pflicht
haben, Unruhen sofort ohne Verzug zu unterdrücken, da die Behörden
selbst für die Folgen von Agrarunruhen und Pogromen gegen die
Juden nach der vollen Strenge des Gesetzes aufznkommen haben
werden."
Das klingt ja alles recht hübsch — aber es steht doch
wohl schief darum. Herr Stolypin will sicher die Pogrome
nicht — aber andere, die mächtiger sind als er, beschützen die
Urheber derselben. So liegt die Sache! Bor wenigen Tagen
erst erhielt der Staatsanwalt des Rjüsanschen Gouvernements
der den Prozeß wegen des Pogroms in der Kreisstadt
Jegerjewsk zu verhandeln hat, ein offizielles Schreiben seitens
des Justizministeriums, indem gefordert wird, daß, falls eine
Verurteilung der am Pogrome Beteiligten stattfinden sollte, dem
Urteile nicht stattzugeben sei, sondern die Akten dem Mini¬
sterium in Petersburg zugestellt werden sollen. Diese Tat¬
sache, die rasch bekannt geworden ist, in Verbindung damit,
daß seitens des Zaren ständig Verurteilte, die am Pogrom
beteiligt waren, begnadigt werden, hat die Bevölkerung zu
der Ueberzeugung gebracht, daß Ausschreitungen gegen
die Juden der Straflosigkeit sicher sind. Arge Bc-
I fürchtungen machen sich infolgedessen unter der jüdischen
j Bevölkerung geltend, zugleich aber auch ein äußerst ungünstiger
j Eindruck auf die Duma, deren Majorität eine Verurteilung des
! Terrorismus der äußersten Linken, wie er von den Parteien
l der Rechten verlangt wird, für um so weniger angebracht hält,
| wenn gleichzeitig die Straflosigkeit der reaktionären Terroristen
' tatsächlich als Regierungsprogramm erscheinen' muß. Daß
j Ministerpräsident Stolypin diese reaktionäre Politik nicht
billigt, die gegen seinen Willen von den Hofkreisen durch¬
gesetzt wird, ist ja auch früher schon bekannt gewesen, aber er
hat eben nicht die Macht, sie zu hindern.
i Das zeigt sich ja auch jetzt bei dem Prozeß wegen des
j Pogroms in Bialystok, zu dem nicht weniger als 114 Zeugen
j vorgeladen wurden. Geradezu schaudererregeirde Dinge hat
i dieser soeben vertagte Prozeß gegen eine Anzahl Teilnehmer
! an der großen Judenhetze von Bialystok offenbart. Auf der
Anklagebank saßen 16 Personen, fast ausschließlich Leute aus
i den niedrigsten Volksschichten, die sich der Sträflichkeit ihrer
Handlungen nicht bewußt waren, da sie überzeugt waren, daß
der Zar ihnen erlaubt habe, drei Tage lang die Inden zu
morden und deren Geschäfte zu plündern. Der Untersuchungs¬
richter hatte außerdem noch gerichtliche Verfolgung des,
Militärkommandanten von Bialystok, Schröter, des Chefs der
Eisenbahnstation Tschanow, des Rittmeisters Trjapyzin, des
Fähnrichs Pomeranzew und des Wachtmeisters Michal wegen
Untätigkeit und Begünstigung beantragt, die Regierung hielt
es aber, trotz der Begeisterung des Justizministers Schtscheglv-
witow für die Unabhängigkeit der Justiz, nicht für nötig,
diesem Antrag Folge zu geben. Daß aber die Genannten
und noch andere ihrer Kameraden und Kollegen die Haupt¬
schuldigen an dem Pogrom waren, hat der Prozeß so über¬
zeugend bewiesen, daß der Gerichtshof die Unterbrechung der