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sind, Zugang zu' allen staatsbürgerlichen Rechten haben,
ferner alle staatsbürgerliche Lasten tragen, und nament¬
lich Schatzungen und Abgaben dem Christen gleich ent¬
richten müssen; da sie, nach der neuen Communal-Ordnung
zu Repräsentanten und zu Rathsherren in den Städten ge¬
wählt werden können * *); und da insbesondere die Bekenner
des mosaischen Glaubens durch die Weisheit der Regierung
den Grad der Bildung erreicht haben **), wodurch sie
den Christen vollkommen zur Seite gestellt werden können***)
— so scheint daher durchaus kein Grund vorhanden, warum
ste nicht auch zu Stände - Abgeordneten gewählt werden
sollten. Eine solche Ausschließung kann nur beitragen,
theils jene Absonderung zwischen ihnen und den Christen,
welche zu beseitigen die Regierung so ünermüdet thätig sich
gezeigt****), und dies zwar mit solchem Glücke, daß die
Absonderung in den höheren Ständen fast nicht mehr, sicht¬
bar ist, wiederum aufs Neue herbeizuführen, und theils
Männer von der Stände-Versammlung fern zu halten, von
deren Kenntnissen und Geschäftsfähigkeit sie sich den größten
Nutzen versprechen dürfte; wohingegen auf der andern Seite
es klar ist, daß jener Glaubensverein niemals irgend ein
Mitglied seiner Religion in die Versammlung einzuführen
vermögen würde, wenn dieser nicht zugleich unter den Chri¬
sten eine große Stimmenmehrheit für sich hat. Dieses ist
so einleuchtend, daß es gewiß unnöthig ist, noch länger hier¬
bei zu verweilen, indem wir uns davon überzeugt halten,
*) Vor einigen Tagen wurde der Untergerichtsprocurator
I. D. Iacoby als Repräsentant der neuen Comm.-Ordn. in
Helsingör gewählt. '
**) Wir wollen hier nur anführen, daß das israel. Schulwe¬
sen unter der Aufsicht der Orts-Schul-Commission steht, und daß-
die israel.. Jugend, sowol Knaben als Mädchen, die nach der Pu-
blication der Confirmation s-Verordnung ihr 14tes Jahr
zurückgelegt hatten, einer in der Synagoge abzubaltenden Reli¬
gio ns-Prüfung, die von, durch die Canzlei dazu autorisirten
Personen nur geschehen kann, sich unterwerfen und ihr Glaubens-
bekenntniß ablegen muffen, ohne welches kein Anhänger des mo¬
saischen Glaubens zur Einschreibung als Gesellen in die Zünfte,
zur Gewinnung des Bürgerrechts, zur Erlangung der Studenten-
matrikel, und nach erreichter Mündigkeit zur Disposition über Ver¬
mögen und Güter gelangen kann. Seit der Confirmations-Ord¬
nung 1817 bis jetzt sind in der Hauptstadt allein 1100 Knaben
und Mädchen confirmirt worden, also der dritte Theil der israel.
Individuen hier.. Corr.
* oft ) Unter 1111 in derHauptstadt lebendcnJndividuen männ¬
lichen Geschlechts sind 250Profeffioniften, 22 Künstler, 56 wissen¬
schaftliche Männer, 36 Studenten, 45 Großhändler:c. Corr.
*** c ) „Wir halten allergnädigst dafür, daß die Bekenner des
mos. Glaubens, die irgend eine bürgeliche Stellung im Staate
einnehmen, in officiellen Ausfertigungen nur nach ih¬
rer bürgerlichen Stellung, und nicht nach ihrer Re¬
ligion genannt werden" (Rescript 1813).
Corr.
daß dieser völlige Anerkennung bei einem jeden Mitgliede in
der Ständeversammlung finden wird *).
Hamburg, Ende März.
Am 18. d. wurde hier das 25jahrkge Fest der Erlösung
-Hamburgs von der Gewaltherrschaft Napoleons mit großem
Jubel gefeiert. Ich habe, wie Sie wissen, jene merkwürdi¬
gen Tage mit erlebt, in der freundlichen Zeit leichtentflamm-
ter Jugend, und ich. gedachte nun wieder des beispiellosen
Entzückens, mit welchem damals von einer ganzen Bevölke¬
rung die wiedererlangte Freiheit und Selbstständigkeit begrüßt
wurde, da Bekannte und Unbekannte einander ans den
Markten in die Arme sielen, und ihre Freudenlhranen ver¬
mischten, da keine Scheidewand von Rang, Stand und
Glauben existirte, da nur ein einziges großes durch allseitige
Spiegelung vertausendfachtes Gefühl Alle, Alle verbrüdernd
vereinigte.
Denn sie waren abgezogen die Feinde, die ohne alles
Recht, sogar ohne das der Eroberung, den sich selbst regie¬
renden Freistaat umgestürzt, an die Stelle der von den Bür¬
gern selbst ausgehenden Raths- und andern Collegien fremde
Satrapen gesetzt, statt der einheimischen Gesetze ausländische
aüfgedrungen hatten.
Zwar hatten sie uns, den Juden Hamburgs, völlige
Freiheit und bürgerliche Gleichstellung gewährt,-war
es wol zu befürchten, daß diese Güter wieder verloren gehen
könnten? — Mit Nichten! Niemand, oder fast Niemand
von uns hielt das für möglich. Hinweg mit einer solchen
Muthmaßung! Wo Napoleons Knechte, wo Franzosen, Frei¬
heit und Billigkeit ausgesaet, da würden Republikaner, wür¬
den Germanen'wieder fesseln? So würden unsere Leidens-,
jetzt Freudensgefährten ihr neu erlangtes Glück benutzen?
Fort, fort mit solcher Lästerung, dachten wir damals **).
•) Es ist um so erfreulicher, hier bemerken zu können, daß
dieser Vorschlag allgemein im Publikum Anklang gefunden, und
nicht nur die bedeutendsten Blätter und Zeitschriften sich dafür
ausgesprochen, sondern der würdige Verfasser dieses Vorschlags
hielt deshalb, noch einen besondern Vortrag in einer sehr zahlrei¬
chen Gesellschaft, bestehend aus Bürgern aller Klaffen.
Corr.
**) In Lübeck ließen nach dem Abzug der Franzosen die städt¬
ischen Behörden^ die dort während der Fremdherrschaft eingewan¬
derten Juden förmlich aufs Rgthhaus laden, und ermahnten sie,
doch ja nicht zu fürchten, daß man beabsichtige ihnen die bürger¬
lichen Rechte zu entziehen oder zu kürzen, sie möchten nur getrost
an allem Theil nehmen. Das thaten.sie denn auch, stellten Frei¬
willige', brachten Geld u. s. w.-Nach beendigtem Kriege
wurden sie sammtlich aus Lübek vertrieben. Eorr.