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Doch nicht bei müßigen Empfindungen und bei leeren
Reden blieben wir stehen. Unsere Jünglinge und Männer
griffen zu den Waffen, stellten sich in die Reihen
der ausmarfchirenden Freiwilligen, oder der Vertheidiger von
Heer- und Hof. . Unsere Hausväter öffneten ihre Kassen,
unsere Frauen ihre lang verschlossenen Truhen, Kinder ihre
Spartöpse-Alles drängte sich froh begeistert, um zu
opfern auf dem Altäre des geliebten Vaterlandes.
Acht Tage später wurde bekannt gemacht, daß alle, die
während , der Fremdherrschaft Stadtbürger geworden, nun¬
mehr ihren ordentlichen Bürger-Eid abstatten sollten, mit
Ausnahme der Israeliten, wegen welcher nächstens
das Weitere verfügt werden würde.
Noch immer entstand kein Argwohn bei uns. Die
Jünglinge zogen aus, und verschossen manche Kugel auf
den Feind, von dem sie keine Wohtthat anerkennen mochten,
und deckten mit ihrem Leibe manchen Freund, von dem sie
nur Gutes erwarten konnten. Dieser sollte treulos han¬
deln? Nimmermehr! — Ueberdies hatten ja die drei Schutz¬
mächte, Hardenberg und Metternich im Namen von ganz
Europa und von ganz Deutschland gesprochen! Und Preu¬
ßen war ja mit hochglänzendem Beispiel vorangezogen!-
Dies alles bedenkend, saß ich hinter meinem erleuchteten
Fenster, und mir blutete das Herz ; denn volle fünfundzwan¬
zig Jahre waren vergangen mit ihren Geburten und Todten,
mit ihren Jugendlocken und Silberhaaren, und die Räthsel
hatten sich schrecklich gelöst. Nicht ein einziger Schritt
war geschehen, nicht das Allergeringste war erlangt für die
Juden in Hamburg, und die ganze alte zähe Sklaverei war
wieder gekommen über uns, die feiner als unsere Väter
Fühlenden, die rings umher das uns versagte Glück Erblik-
kenden, und sie war schon lange wieder starr geworden über
unsere gefesselten Leiber. Der Freund hat gelogen, das
Vertrauen war getäuscht, die Hoffnung war betrogen!
An allen Enden der Welt, am Bosphorus und am Tajo,
am Ural und am Atlas sangen Israeliten Lieder der Frei¬
heit, kein einziger Staat in Deutschland, der nicht seine
Juden ganz oder beinahe befreit hätte. Nur diese Stadt,
wo Alles von Freiheit redet. Alles auf Freiheit deutet, that
es nicht
Und von allen diesen Erlebnissen wurde nun heute das
Andenken gefeiert. Fahnen sah ich entfalten, an denen einst
schöne jüdische Hände gearbeitet hatten, die Namen der Ge¬
fallenen wurden von den ehernen Tafeln in 'den Kirchen
°) Eines doch geschah. Der Senat'brachte 1814 einen Eman-
cipationsvorschlag in die Bürgerschaft'(den diese verwarf) uich be¬
zeugte darin ausdrücklich", daß die Juden ihr dreijähriges franz.
Bürgerrecht nur auf die lobenswürdigste und bescheidenste
Weise benutzt hätten» C o r r»
abgetesen — mancher jüdische Name darunter; — jedes
frohe Denkmal, jede freudige Rede wiederholte hundertfach
die Worte: Bürgerfreiheit, Bürgerfreude, Bürgerrecht, Bür¬
gerstaat, und-überall ward geredet von der silbernen Hochzeit
Hamburgs mit der Freiheit!
Ich sah alles, ich hörte alles, mein Herz war ein mit¬
tönender Klangboden all des Jubels, und jeder Laut machte
es erbeben, krampfhaft zuckte es unter dieser namenlosen
Ironie des Schicksals.
Was mich aber vor Allem quälte, mich und Tausende
mit mir, das war das halbe Gefühl der gleichsam zur
Setbstverhöhnung uns erfüllenden Liebe zu diesem so un¬
freundlichem Vaterlande, zu diesen Menschen, die da wähnen
sehr großmüthig zu sein, wenn sie uns für unser Gut und
für unser Blut großmüthig erlauben, neben ihnen zu
athmen ! Gott weiß es, und unser Herz weiß es, wie es
in uns zuckt, wenn ein Fremder Hamburg mit Worten ver¬
letzt; wie wir in entfernten Ländern nur Hamburger auf¬
suchen und uns ihnen anschließen möchten, auf die Gefahr,
ja auf die Wahrscheinlichkeit hin, auch dort zurückgestoßen
zu werden. Und warlich, wenn morgen wieder der Feind
anrückte und bedrohte Hamburgs Unabhängigkeit: wie wür¬
den wir wieder fliegen zu den Waffen und wieder unsere
Jünglinge in die Reihen stellen und wieder unsere Habe
opfern-selbst wenn wir wüßten, daß es uns eben
so wieder gelohnt würde. O thörigtes Gefühl, o widersin¬
nige Liebe, o Tyrannei blinder Triebe! Warum bin ich ge¬
zwungen, zu lieben, wo nur Verachtung und Unbilligkeit
meiner warten?
Solchen Schmerz empfindet der Jude, und nur er
erträgt ihn; er ermannt sich und weint ihn aus, am Bu¬
sen der großen Vertrauten seiner Leiden, am Busen der
Weltgeschichte. — ^
Theologie.
Die jüdisch-theologische Facultät.,
(Fortsetzung.)
Sammlung, kingesandt durch Herrn vr. Fürst
in Leipzig.
1rull8srort
833) Herr vr. Julius Fürst..
834) - Dr. Jacob Goldenthal,'Rab-
binats-Cand. ........
833) - Karl Hamberger, vr. meä.
836) - Veith Meyer, 8tuö. weck. .
6158 Thlr. 4 Gr.
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I^atus 6183
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