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sich von der Geburtsstätte zu entfernen, wo er doch einen gut¬
gehenden- Kramladen besaß, der ihm ein gutes Auskommen
abwarf. Und so hätte der Frühling nochmals fünfzigmal
kommen können, und ihn auch noch viel holdseliger anlächeln,
und es wäre doch alles vergeblich und erfolglos gewesen, und
unser lieber Schmul wäre an seinem Laden kleben geblieben,
und er hätte ein hohes Alter erreicht und wäre in Frieden
zu seinen Vätern eingegangen, ohne das wunderschöne Prag,
die Hauptstadt seiner Provinz, jemals gesehen zu haben.
Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt.
Es war an einem Sonnabend, in der Synagoge, daß er
einen Nachbar auf derselben Bank hatte, der auf seiner
Wanderschaft in Böhmen und Mähren auch nach Kladno
gekommen war, um dort über Schabbes zu bleiben. Obwohl
die Predigt in der frommen Kille zu Kladno damals noch ein
unbekanntes, oder besser noch, ein verpöntes Ding gewesen, so
dauerte der Sabbatmorgen-Gottesdienst in der guten, alten
Zeit doch seine geschlagenen vier Stunden, und sogar noch
etwas länger, wenn irgend ein wichtiges Familienereignis sich
in der vergangenen oder folgenden Woche abgespielt, oder
wenn irgend ein berühmter Chasen mit seinen sieben Meschorerim
zugereist kam. um zur Ehre Gottes seine wundersamen Weisen
hören zu lassen, und am nächsten Sonntag sich dafür, bei
jedem Mitgliede, eine wohlverdiente Spende einzusammeln.
Das war an diesem besonderen Sabbat zwar nicht der Fall-
aber auch der heimische Chasen war einsichtig genug, seinen
Gehalt ehrlich abarbeiten zu wollen und seinen Mitgliedern
eine Menge Melodeien vorzutrillern, damit sie bei dem Hau¬
sieren auf den Dörfern, von Sonntag früh bis Freitag Nach¬
mittag, auch ausreichten, um sich die Zeit durch das Singen
auf den Landstraßen zu vertreiben. Und dazu brauchte er
natürlich seine guten drei Stunden. Nun frage ich einen
Menschen, ist es wohl möglich, geschlagene drei Stunden da
zu sitzen und fortwährend andächtig zu beten? Darum ist es
auch ganz natürlich, daß der Fremde sich bald an Schmul
wendete, um ein kleines Gespräch mit ihm anzufangen; er
unterhielt ihn auch sehr interessant, und Schmul horchte mit
gespitzten Ohren ganz aufmerksam zu. Der Fremde erzählte
ihm von dein „hohen Rabbi Löw" aus Prag und von dem
„Golem", den er aus Lehm gemacht, und dein er auch einen
lebendigen Geist durch die Nase eingeblasen, den er aber bald
wieder erschlagen mußte, und in den Garten der „Altneu-
Schul" warf, wo er heute noch zu sehen ist, zu einem Häufchen
Moder verwandelt! Seit jener Zeit mögen wohl iroch viele
„Golems" in den Garten der „Altneu-Schule" geworfen worden
sein.
Unser Schmul konnte nicht geling davon hören, und von
dieser Minilte an hatte er nichts als den „Golem" im Auge
gehabt.
Als er, fieberhaft erregt, endlich aus der Synagoge nach
Hause kam, fühlte er einen Appetit wie noch nie zuvor; er
aß an diesem Tage zweimal soviel als sonst: den halben Fisch,
die ganze „Kugel" und eine anständige Portion „Zwetschken-
Bobelech", und als er sich nachher nach dem Schabbesschläfchen
die Augen rieb, da war es ihm, als ob auch er seinem Magen
jetzt „vierzig Tage und vierzig Nächte" Ferien geben könnte.
Nach einer solchen gründlichen Vorbereitung glaubte auch er,
wie seinerzeit der Prophet Elia, eine sehr sehr lange Reise
unternehmen und allerlei Abenteuer bestehen zu können, und
er fühlte eine solche Courage in sich, daß, wäre der „Golem"
aus dem Moder wieder auferstauden und wild in den Straßen
Prags herumgelaufen, er hätte unter seinen Händen kein
besseres Schicksal gehabt, als damals die Baalspriester unter
den wuchtigen Schlägen des Propheten Elia.
„Leah, mein Leben," sprach , er zu seiner. Frau, „heute
Abend, sobald ich „Hawdolo" gemacht, bringst Du mir den
Stock und die Laterne; denn ich habe eine lange Reise vor
mir. Ich muß die ganze Nacht wandern, um morgen früh
recht zeitig in Prag zu sein."
„Nach Prag, und zu Fuß willst Du gehen?" rief Leah
außer sich; „was ist denn in Dich gefahren? Bist Du, Gott
behüte, nicht mehr bei Sinnen? Und warum gerade heute
Abend? Man sollte meinen, es hätte Dich jemand als Bote
gedungen, damit Du bei Nacht und Nebel nach Prag läufst!
Mußt Du schon durchaus nach Prag, warum nicht lieber an
einem Wochentage, wo Du doch eher Gelegenheit hast, einen
Bauern zu treffen, der Dich auf seinen Wagen vielleicht ein
Stück Wegs mitnimmt?"
„Hat man schon so etwas erlebt?" rief Schmul grimmig,
„da steht sie mti) schimpft und zankt, und kann kein Ende
finden! Da soll man mit einer Frau vernünftig sprechen?
Mögen es andere versuchen, ich nicht! Ich habe genug davon.
Hätte ich gesagt, ich will morgen aufbrechen, würde sie mir
gewiß den Kopf verdreht haben: Warum nicht lieber gleich
nach „Hawdole", damit Du den ganzen Sonntag dort bleiben
kannst. Will ich schon nach „Hawdole", hat sie wieder ein
anderes Projekt ! Alsdann, Leah, mein Leben, schweig still und
verdirb mir nicht meine Schabbesfreude, denn es ist mein
fester Entschluß, morgen früh in Prag zu sein."
Leah schwieg, sie wußte ja, das; jede weitere Einwendung
nur den Erfolg einer roten Fahne auf einen wild gewordenen
Stier hervorgebracht hätte. Sogar nach „Hawdole", als
Schmul in großer Eile die Laterne putzte, wobei er eine
Scheibe zerbrach, was an einem Sonnabendabend für jedes
Unternehmen eine böse Vorbedeutung ist, auch da sprach Leah
kein Wort mehr, und als er endlich reisefertig war, begleitete
sie ihn bis zur Tür, und wie jede fromme Frau rief sie ihm
noch das „Jeworechacho." nach, und sah ihm so lange nach,
bis er ihren Blicken entschwunden war.
Bis Mitternacht ging auch alles sehr gut, und Schmul
Krummfuß verkürzte sich die Zeit, indem er die Melodie von
dem neuesten „Lecho-Daudi", die er gestern Abend gehört, leise
vor sich hinbrummte.
Mitternacht kam, und mit dieser eine unerwartete, ver¬
blüffende Verlegenheit für unseren kühnen Wanderer: er war
jetzt an der Stelle angelangt, wo drei Wege wie eine drei¬
zinkige Gabel auseinandergingen, einer geradeaus, der zweite
rechts und der dritte wieder links.
Was nun? Welchen soll er gehen? Er dachte eine Weile
nach, stellte die Laterne auf den Boden und sah bald diesen,
bald jenen Weg dringend und durchforschend au. Alle drei
blieben stumm, und keiner gab ihm Bescheid. Schließlich fiel
ihm das alte Sprichwort ein: „Alle Wege führen nach Ron;",
und er nahm die Laterne wieder auf, um den Weg zur rechten
einzuschlagen. Doch, v weh! Ein plötzlicher Windstoß von
jener Seite blies das Licht aus, und schwarze, undurchdringliche,
ägyptische Finsternis umgab ihn von allen Seiten. Flink wie
ein Wiesel machte er eine scharfe Wendung, uin durch seinen
breiten Körper den Wind abzuhalten, und versuchte mit seiner
ganzen Lungenkrast den mir noch schwach glimmenden Docht
zn uenem Leben anzublasen. Doch vergeblich. Alle Ver¬
suche blieben erfolglos, und die schwarze Umgebung wollte sich
nicht wieder erhellen.
In seiner Verblüffung hatte er auch ganz und -gar ver¬
gessen, daß er sich direkt umgedreht, .. und die Laterne unter
dem Arm nehmend, schritt er vorwärts, >vedcr rechts noch
links blickend. Sagte ich „Vorwärts?" Dann bitte ich tausend-