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mal um Entschuldigung, denn ich sollte sagen, er marschierte
rüstig, ohne es zu ahnen, direkt nach Kladno wieder zurück .. -
„Alle Wege führen nach Rom," suchte er sich abermals zu
trösten. „Und was kann es schon schlimm sein, wenn ich nicht
so pünktlich um sechs Uhr in Prag bin?. . . Das ist auch noch
kein großes Kriminal-Verbrechen! . .. Werde ich mir am
„Jom-Kipper" bei den „Al-Chets" noch einmal mehr an die
Brust schlagen," sprach er witzig, und fröhlich und wohlgemut
setzte er seine Wanderung in der zweiten halben Nacht auf
dem Wege fort, der vor ihm lag.
Es wurde etwas Heller, der Morgen dämmerte.
Ein sanftes Lüftchen wehte ihm den süßen Duft von
frischgemähtenl Heu aus der nahen Wiese ins Gesicht. Die
Vögel im Walde zwitscherten ihre lustigen Weisen, und die
ganze Welt schien ihm rosenrot gefärbt zu sein. Dort am
Horizont erschien ein grauer Nebel.
„Vielleicht biu ich gar schon Prag näher, als ich es noch
vor einer Stunde dachte." sagte er sich selbst. „Jener Nebel
scheint mir eine gewaltige graue Nachtmütze zu sein, die die
Stadt sich über die Ohren zieht, um recht spät in den Tag
hinein schlafen zu können . . . Bei meiner Ankunft mag ich
gar der erste sein, sie endlich aufzuwecken ..."
Und als die ersten Sonnenstrahlen den nebligen Dunst
verscheucht hatten, da lag wirklich eine Stadt vor ihm,
und Schmnl Krummfnß konnte nicht Worte genug finden, um
seine Bewunderung über die wunderschöne Turmspitze aus¬
zusprechen. die wie eine schlanke Eiche ans dem Kirchdache
herauszuwachsen schien und ihm schon von großer Weite
lächelnd zuwinkte.
„Herr Gott, wie groß sind Deine Werke!" rief er angenehm
überrascht aus. „Ganz genau wie in Kladno! Unsere Turm¬
spitze und diese sind wie zwei Eier einander ähnlich! Ist das
nicht geradezu wunderbar?.. ."
Als er auf dem Marktplatz angelangt war, fielen seine
Augen auf die Statue des heiligen Nepomuk. Erschreckt blieb
er vor der mächtigen Steinfigur stehen und betrachtete sie von
allen Seiten.
„Die Wunder hören nicht auf!" rief er begeistert. „Ich
könnte beinah schwören, daß der Kladnoer Nepomuk und dieser
hier Zwillingsbrüder sind! ..."
Die jüdische Gasse aber und die kleine Synagoge enttäuschten
ihn vollständig. Unzufrieden schüttelte er sein Haupt.
„Und dieses soll die berühmte „Altneu-Schul" sein, von der
die ganze Welt spricht? Dieses kleine Gebäude, das nicht
größer als unsere ist? Aber die Juden hier sind gewiß nicht
anders, als die bei uns. . . . Schämen sollten sie sich in
ihren weiten Hals hinein, diese Keziniin von Prag, diese
Reichen, die ans ihre Synagoge nicht mehr ausgeben wollen,
als wir armen Hausierer in dem kleinen Kladno. . . !"
Nicht weit von der Synagoge hielt er vor einem kleinen
Häuschen, das ihn sehr stark an sein eigenes in der Heimat
erinnerte. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen.es zu
betreten, und stieg die wackelige Treppe hinauf.
Leah Krummfnß war eine sehr sparsame, ausgezeichnete
Wirtin und auch eine sehr fromme Frau. Ihr Stübchen war
schon sogar in dieser frühen Morgenstunde vollständig auf¬
geräumt. Sie verrichtete jetzt ihr Morgengebet aus einer
dickleibigen „Tchinne" und paßte gleichzeitig auf die Milch
ans, die sie jetzt zum Frühstück kochte; so weihte sie Seele und
Körper vereint der Ehrfurcht vor Gott und der Furcht, daß
die Milch überkochen könnte.
Bei dem unerwarteten Anblick ihres vielgeliebten Schmul
fand sie keine Worte, um ihrer Ueberraschung Ausdruck zu
geben; aber selbst wenn sie solche gefunden, sie hätte sie doch
nicht aussprechen dürfen, ohne eine schwere Sünde zu begehen,
denn wie könnte sie es wagen, in der Mitte der „Schmone-
Eßre" sich zu unterbrechen.
Dieser Umstand gab Schmul das Uebergewicht, und er
wollte es auch kräftig anwenden, um seiner Empörung gehörig
Luft zu machen. Doch sein einleitendes heftiges Ausschlagen
auf den Tisch, wodurch er die Schüssel umwarf und in seinen»
Stübchen eine neue „Milchstraße" schuf, besänftigte ein wenig
seinen Zorn, und er blieb einen Augenblick schweigend stehen,
wie jener berühmte Gerber am Teich.
Doch seine beleidigte Manneswürde brach sich bald
wieder Bahn, und darum rief er seiner Frau gehässig und
verächtlich zu:
„Weib . . . ! Ich will mich Über ein bißchen vergossene
Milch wirklich nicht mit Dir zanken . . . ! Aber, sage mir
bloß, ist denn unser Kladno nicht mehr gut genug für Dich,
daß Du mir sogar bis nach Prag nachlaufen
mußt . . . ?"
Literarische Mitteilungen.
= Der Q übt {die Frauenbu ud hat die drei Referate bon
Berta Pappen heim „ Zur Sittlichkeitssrage", von Sidonie Werner
über „Mädchenhandel" und von Ella Seligmann über „Gründung
voll Jugendgruppen", die auf dem zweiten Delegiertentag des
Jüdischen Frauenbundes in Frankfurt am Main erstattet wurden,
in einer stattlichen Broschüre im eigenen Verlag herausgegeben. Wir
sind überzeugt, daß die Schrift weite Kreise lebhaft interessieren wird.
Betreffen doch die Referate die widitigsten Fragen der Zeit und
unserer Gemeinschaft und sind sie doch von sackiverständiger Seite
objektiv und klar erstattet worden. Der Vorstand des Jüdischen
Frauenbundes hat sich mit dieser Publikation, deren Preis ein sehr
billiger (50 Pfennig), ein großes Verdienst erworben. n.
Als 59. Band der von Universitätsprofessor L. Stein heraus-
gegebenen „Berner Studien zur Philosophie und ihrer Geschichte"
erscheint demnächst aus der Feder des Hamburger Philosophen
A. Levy eine neue Schrift: „Die dritte Dimension." Ter
Verfasser ist durch seine „Philosophie der Form" (Berlin, 1901) bekannt
geworden.
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= Dr. Max Beermann, Rabbiner: Mein Werk dem Könige!
Andachlsbuch für die deutschen Soldaten jüdischen Glaubens. Inster¬
burg 1907. Diese Schrift, die einzig in ihrer Art dasteht, - war doch
in Deutschland bisher ein Andachtsbud) für jüdische Soldaten nidil
vorhanden - ragt bei weitem über den Dnrchsdinitt derartiger
Andachtsbücher hervor. Eine edle und klare Sprache ist ihr eigen.
Alles atmet Leben in ihr; jede theoretisdie Erörterung ist vermieden.
Religion und Patriotismus, die beide aus gleidien Quellen schöpfen,
haben hier ein enges Bündnis miteinander geschlossen. Man muß
bekennen, daß der Verfasser in diesem seinem neuesten Werke sich auf
der Höhe seiner Aufgabe zeigt. Nicht nur seine Betrachtungen für
Sabbatstunden, die sich immer an ein Wort aus der allwöchent¬
lichen Thoravorlesung anlehnen, audi die übrigen Betrachtungen, die
feierlidie Anlässe im Leben des Soldaten zum Gegenstand haben, sind
von einem tiefen religiösen und patriotischen Geiste durchweht, und
es ist kein Zweifel, daß die jüdischen Soldaten aus dieser Schrijt
mannigfache Belehrung und Anregung für Geist und Gemüt schöpfen
werden. Auch die Auswahl unter den Psalmen, die der Verfasser
getroffen hat, ist bei der notwendigen Beschränkung, die er sich aus¬
erlegen mußte, nur zu billigen. — Alles in allem, ein Andachtsbuch
für jüdische Soldaten, das mustergültig genannt werden darf. Möge
es seinen Zweck erfüllen und vielen Segen bringen. I. C.
Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Derlrn.
Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.