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r. Z-chrg-ng. K§§gKMei«e No. 33.
Zeitung -es ZudcnthumS.
Ein
«npartheiisches Organ für alles jüdische Interesse.
(Mit König!. Sächsisch« »««gnädigster Covcession.)
Leipzig, den 22. Juni 1837.
Politik. !
Zeitungsnachrichten.
Berlin, 29. Mai. So eben verbreitet sich das Gerücht,
Se. Maj. der König wolle sammtlichen Juden des König¬
reichs Preußen das Staatsbürgerrecht ertheilen, so daß die
Cernirung der einzelnen Provinzen in Bezug auf die Ueber-
siedelung von Juden einer Provinz in die andere aufgeho¬
ben sei. Wie sehr ist man begierig, etwas Sicheres hierüber
zu erfahren, theils weil dies ein neuer Schritt nach Vorwärts
von Seiten Preußens wäre, und andern Ländern zum Ver¬
bilde und zur Anspornung diente, theils weil es die Frage
ist, ob. Theile des Königreichs, in denen bis jetzt noch gar
kein Jude wohnen durste, als in den neusächsischen Theilen,
davon nicht ausgenommen würden. Allgemein erkennt man
an, daß dieser Act abern.als ein Beweis der hohen Gerech¬
tigkeit sein würde, die unsem König insbesondere zu leiten
pflegt, und daß er den Juden auch in staats-ökonomischer
Hinsicht ^zum Vortheile gereichen würde. (Privatniittheilung.)-
Aus Rheinhessen, 26. Mai. Nicht ohne ein un¬
behagliches Gefühl berichte ich über die merkwürdige Assisen-
verhandlung, welche am 22. d. in Mainz'Statt fand, und
mit einem Todcsurtheil des Jnculpaten endete. Es ist wahr,
JsaakTrautmann (so heißt der Verurtheilte) ist, wie
man aus dem Anklageact ersieht, ein maavais sujet; er fand
nirgends Ruhe, lag öfter in den Händen der Gerichte, wollte
sogar schon einmal Hand an das Leben seines Bruders legen,
und hat am 8. Febr. dieses Jahres in 'einem Wirthshause
zu Mainz die verruchte Handlung des Meuchelmordes an
Joseph Graßl, einem Metzgerburschen, begangen, welche
That ihm bei dm Afsiftn die Verurtheilung zum Tode zu¬
zog. Aber die Veranlassung zu diesem Verbrechm ist es, die
dm unbefangenm Beobachter bettübt, und ihm den Wunsch
erpreßt, sie möge niemals sich emmern! Trautmann nämlich
war an jmem Mittage voll Unmuth über seine Lage im
Wirthshause; er hatte keine Arbeit, kein Geld, durste auch
als jüdisch« Metzgttbursche bei den christlichen Metzgcm nicht
um ein Scherflein bitten. Eben wollte er seine Wanderung
fortschen, das Felleisen lag gepackt auf dem Tische, und die
Zeche, die dm letztm Hell« verzehrte, war bezahlt.. Da nä¬
herte er sich einem Tische, wo Joseph Graß! und noch einige
andere Burschen faßm. Graßl wandte sich, als Trautmann
in seine Nähe kam, um, streckte feine Hand, als wolle er
ihn von sich weghalten, nach ihm aus, und sagte: »Geh'
hinweg, du bist ein Jude!« Dies verletzte ihn sichtbar aufs
Tiefste; er geht zu seinem Felleisen, nimmt das Messer heraus
und sticht cs dem Graßl mit dem Ausruf: »Was sagst du'«
ich sei ein Jude?« dreimal, in die Brust, so daß dieser bald
mtseelt zu Bodm fiel. Merkwürdig ist cs, daß, Trautmann
vor den Assisen nur die Veranlassung anerkannte, aber die
That abläugnete, obgleich sämmtliche Zeugen übereinstimmend
ihn als Mörder des Graßl bczeichnetcn. Dieser Umstand ver¬
schlimmerte die Sache und machte die Vertheidigung schwierig.
Der geschickte Anwalt, vr. Schmidt, versuchte, was unter
diesen Umständen möglich war. Er suchte geltend zu machen,
der Jnculpat sei schon früher nicht ganz Hellen Sinnes
gewesen, und bei dem Mord vielleicht um so weniger, da
ihn das Prädicat »Jude« vollmds in Wuth versetzt habe.
Die Vertheidigung war geistreich, aber die Basis, worauf
sie ftrßte, war schwankend, konnte cs nicht anders sein. Der
Präsident des Assisenhofcs resumirte mdlich den Hergang der
Verhandlungen in klaren, unpa'rtheiischen.Wottcn, und em¬
pfahl die Sache eindringlich der reiflichen Ueberlegung d«.
Gcschwornen. Diese beriechen eine Stunde lang. Dann
kehrten sie in den Assisensaal zurück, und «kannten Isaak
Trautmann schuldig des steiwilligen und vorbedächtigen Mor¬
des. Die Richter sprachen üb« Trautmann das Todcsurtheil
aus. Während der 'ganzen Verhandlung hatte der Angeklagte
die unerschütterlichste Ruhe gezeigt. (Mg. Zeit.)
Gießen, 26. Mai. Der durch seine Schrift über die
Gleichstellung der Juden bekannte Pfarrer zu Dotzheim bei
Wiesbaden, Robert Haas (s. N.4. unserer Zeit.) hat
von hiesiger Universität das Diplom als Docror der Philo¬
sophie erhalten.
Dresden, 31. Mai. Der Abgeordnete der Stadt
Plauen im Voigtlande, Herr von Dieskau, hat beider
zweiten Kamm« eine von 32 angesehenen Bürgern und
Einwohnern der-Stadt Plauen Unterzeichnete Petition für
die Emanciparion d« Juden eing«eicht und bevorwortet. '
(Prwatmittheilung.)
Bern, 27. Mai. D« Herzog von Monte bello (Ge¬
sandter von Frankreich) hat bei d« Regierung von Basel¬
landschaft darüber Beschw«de geführt, daß mehrere französische
Juden, deren Päpi«e nicht in Ordnung waren, bei ihr«
Entfernung aus dem Canton einigermaßen unglimpflich - be¬
handelt worden.
Paris, 26. Mai. Der b«ühmte Orientalist und Pair,
Baron Silvestre de Sacy, ist aus der großen Treppe des
Luxemburg-Palastes gefallen und hat sich schwer am Kopfe
v«letzt. Er wurde sogleich nach dem Ankleidezimmer gebracht,
und man schmeichelt sich mit sein« Besserung.